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Der Topf und der Deckel.

Je enger die Zeitfenster werden und je weniger das Wetter, nee, Moment, daran liegt’s eigentlich gar nicht. Eigentlich ist es doch so: an diesen unendlich vielen warmen, sonnigen Tagen, die dieses Jahr uns schon in den Hinter- oder Vordergrund unserer Lebensrealitäten gelegt hat, war es ein Leichtes, durch die Gegend zu ziehen und auch Touren mit langer Anreise damit zu rechtfertigen, dass es ja nun mal gerade so schön da draußen ist und man diese Zeit doch nutzen müsse. Jetzt, wo sich in den Wetterberichten immer häufiger die Adjektive „trüb, nass, grau, windig“ und „regnerisch“ verfangen, ertappe ich mich die Kosten und den Nutzen jedes Ausflugs sorgfältig abwägend, ob es denn wirklich sein müsse, und allzu oft die pragmatische der abenteuerlichen Lösung vorziehend. Kurz gesagt also doch das Wetter. Und auch die Zeitfenster. Wann wird es jetzt dunkel? Um 6? Und wann muss ich ins Bett? Um 10?

Dass ich durch irgendeinen Komoot-Newsletter auf Schloß Westerwinkel aufmerksam werde, nur 25 km südlich von Münster, muss also als glücklicher Zufall betrachtet werden, kannte ich es doch gar nicht und sieht es doch vielversprechend aus. Vom netten Herbern aus geht es also über die A1 zum Schloß, dessen urige Erscheinung umso weitere Fragen aufwirft: wer wohnt hier, wie schön ist das, warum liegt es inmitten eines Golfplatzes und wieso war ich noch nie hier? Keine Antworten, doch wäre das Rauschen der Autobahn nicht so laut, könnte ich wen fragen.

Über Feldwege und Bauernschaft geht es in leichtem Auf und Ab gen Südosten. Dass ich einen Teil des Weges bis Ahlen mit dem Auto statt mit dem Rad zurücklege lasse ich unerwähnt, weil’s mir unangenehm ist, es liegt aber zum Einen an der öden Landschaft (Hof, Feld, Wäldchen, Hof, Feld, Wäldchen) und zum Anderen an Schnupfen wegen Wetter (ich habe das Gefühl, das Wetter wird in den nächsten Wochen und Monaten öfter zur Sprache kommen).

In Ahlen war ich ebenfalls nie. Auch das ist erstaunlich, denn die Stadt hat immerhin 50.000 Einwohner, liegt am Werseradweg (ich müsste also einfach mal von Albersloh ein Stück weiter das Flüsschen runter fahren, was ich aus Gewohn- und Faulheit bislang nie tat) und hat einen Fußballverein, den wir damals regelmäßig mit Schmähgesängen überzogen, dessen Wortlaut ich hier nicht wiedergeben möchte, nur so viel: der ehemalige Mäzen Helmut Spikker kam dabei nicht gut weg. Auf dem Weg zum Stadion steht mir ein Koloss im Weg, ein schrecklich beeindruckendes aber eben auch schreckliches Bauwerk, ein Bürokratiemonster der Geschichte, wie es an vielen Orten vor rund 50 Jahren aus der Taufe gehoben wurde. Man fragt sich heute: wie konnte man bloß eine so düstergraue, lebensverneinende Verwaltungsmaschine hier hinsetzen während sich beim Betrachten der Zeitgeist offenbart, vor allem: das Bedürfnis nach Moderne und Funktionalität.

Schade, dass das Ahlener Rathaus laut Bürgerentscheid nun zugunsten eines Neubaus abgerissen werden soll, mir wäre es ja am liebsten, man ließe die Geschichte so lebendig oder tot in der Gegend rumstehen und mit den Jahrzehnten verfallen. Weiter die Werse runter dann das Stadion, dank einiger Jahre, die der rot-weiße Klub durch Finanzspritzen eines Großsponsors in der zweiten Liga verbrachte ein hübsches, kleines Kästchen für zwölfeinhalbtausend Zuschauer und während der große Bruder, das Weserstadion, bekanntlich direkt an der Weser liegt, liegt das Wersestadion eben an der Werse. (Trotzdem: würde man sich auf den Flussweg nach Bremen begeben und hätte der Rot-Weiß Ahlen e.V. gleichzeitig einen Lauf, käme man vermutlich zeitgleich oben an).

Ahlen ist dann auch schon wieder weit genug nah am Ruhrgebiet dran, um irgendwie auch Bergarbeiter- und Industriestadt zu sein. Irgendwo haben sie sogar eine alte Zeche, die ich allerdings nicht sehe, wegen Wetter. Dafür: Die Stanz- und Emaillierwerke Nahrath, wo früher „das Ahlener Wahrzeichen: der Pott“ hergestellt wurde und noch heute die riesige Topfpresse steht, und das Holtermann-Haus, dessen Eigentümer daran gelegen ist zu betonen, dass er sich in Verbundenheit mit seiner Heimatstadt für die Sanierung desselben einsetzt. Schön wäre es allemal, wo die Stadt schon bald auf ihr heimliches Highlight verzichten muss.

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Die Perlenkette.

109 Kilometer von Hamm nach Duisburg.

Naja, also eigentlich ist es keine Perlenkette, nur halt irgendwie eine Kette. Aber nur halt irgendwie eine Kette, das klingt ja komisch. Treffender wäre natürlich sowas wie: 6 auf einen Streich. 6 Großstädte auf gut 100 Kilometern, das gibt es sonst nur – nirgends! Aber irgendwie gefällt mir Perlenkette besser. Whatever.

Startpunkt ist Hamm Hauptbahnhof, nicht bekannt aus Film und Fernsehen, bekannt aber von zahlreichen und nicht selten misslungenen Umstiegen, was willste hier auch sonst. Es ist aber eindeutig schon Pott: Innenstädte aus Beton, Handyshops und Shisha-Bars, wo einst kurze Waren verkauft oder kurze Schnäpse getrunken wurden, Radwege versanden in aufgerissenen Fußwegen („Fahrräder frei!“), zu leben heißt zu arbeiten (beziehungsweise eben unverkennbar auch: nicht zu arbeiten). Es dauert ungefähr ’ne Stunde, bis ich aus der Stadt raus bin und mich mangels Beschilderung – Lünen und Unna sind konsequent ausgeschildert, ich will aber nach Dortmund – irgendwie übers Feld und immer wieder über irgendwelche Autobahnen bis zu Ikea durchschlage. Nicht falsch verstehen, ich fahre nicht über die Autobahnen, sondern über sie drüber, wobei mir der Unterschied jetzt auch nicht mehr klar ist, denkbar wäre in diesem Durcheinander alles. Dann wieder, was mir bis Duisburg ständig passieren wird: Du kommst ausse Stadt raus, eben noch Industriehallen und Hochhäuser oder halt Ikea, plötzlich aber, als wie wenn du abrupt das Fernsehprogramm gewechselt hättest: Felder, Pferde, Höfe, Stille (also relative Stille). Hinter Afferde beginnt Dortmund mit der Betonung auf beginnt. Erst kommt Wickede, dann Asseln, Brackel, Wambel, schließlich Körne und dann, immer den Gleisen der Straßenbahn nach habe ich in Gedanken längst die Speisekarten verschiedener Imbissbuden rauf und runter bestellt, „Dortmund Zentrum“. Also, dass Dortmund nicht schön ist wusste ich irgendwie schon, aber mit welch schamloser Hässlichkeit mich das Zentrum rund um die Reinoldikirche empfängt lässt mir die Kinnleiste in die Pedale rutschen. Auf die Kirchtreppen strömen Jugendliche mit prallvollen Netto-Tüten und Regenbogenflaggen, „Alkohol!“, und am U, der ehemaligen Brauerei, die erfreulicherweise zu einem Kunst- und Kulturzentrum umgebaut wurde, schallt es aus den Boxen „Ich habe meine Hausaufgaben nie gemacht“ (… der Track geht noch weiter, den Rest habe ich aber vergessen.)


Von dort ist Bochum ausgeschildert, jedenfalls für eine kurze Weile. Erstmal geht es auf den Uni-Hügel, von wo man einen tollen Blick auf die Stadt, das Stadion und die Studenten, nein, die nicht, hat, dann von dort wieder runter. Die Uni ist ein Mikrokosmos, mit Bauklötzen aus dem Boden gezogen in den 60ern – und das auch nur als Reaktion auf wütende Proteste der Dortmunder hinsichtlich der Eröffnung der Ruhr-Universität in Bochum. Es könne doch nicht sein, dass Bochum, Dortmund aber nicht! Dieser hat sie nun sogar eine Hochbahn mit dem bemerkenswerten Namen „H-Bahn“ voraus, der den Eindruck der Künstlichkeit noch unterstreicht. Felder, Pferde, Höfe, ein bisschen, und dann schon: Bochum, wenn auch nur: Langendreer, noch 5 Kilometer bis Bochum-Zentrum. Der Radweg ist eine Katastrophe, aber immerhin steht neben der zerbeulten und von Unkraut zerwachsenen Piste ab und an ein ausgeblichenes Radfahrschild, Pfeil geradeaus.

Bochum-Zentrum wiederum empfängt mich, Besucher 9.842.873 (in welchem Zeitraum auch immer), wie eine Kupplung ihr Gegenstück – ich rausche hinein und bin passgenau drinnen. Leider bleibe ich irgendwie nicht lange, bin schon wieder weg, erinnere mich an nichts.* Wohingegen Wattenscheid mir im Gedächtnis bleibt – Wattenscheid, ganz Fußballdeutschland kennt Wattenscheid von der einst so durch die Decke geschossenen SG 09, die nun gerade in die endgültige Insolvenz geriet. Die Lohrmühle steht aber noch, nebenan kicken ein paar Winzlinge auf dem Ascheplatz und streiten sich um die Torausbeute. Wattenscheid ist dann schon fast Essen. Neben die A40 haben sie einige hundert Meter perfekten Radfahrweg gebaut, bevor es diffus in die Innenstadt geht. Zwischenfazit: die Strecke ist scheiße, aber das Ruhrgebiet geil. Diese Hautnähe, in der ich hier die Wirren der jüngeren Geschichte und die rasanten Entwicklungen der Gegenwart erfahre, kriege ich selten so ungeschönt auf das Silbertablett gerotzt. Darauf am Essener Hauptbahnhof erstmal „eine kleine Persönlichkeit“ (wie sich das lokale Bier qua Unterzeile nennt).

*doch, jetzt wieder: ich laufe eine Art Partymeile hinunter bis zum Bermudadreieck und ein Mann relativiert im Tonfall eines Diavortraghaltenden das Virus an sich, es sei alles gar nichts Schlimmes und Besonderes, die ganze Aufregung vollkommen übertrieben. Und dann lande ich im Rotlichtviertel, nur weil die Straße im Abendsonnenschein so schön aussieht, doch Kneipen namens „Eros“ klingen verdächtig und die Aufpasser gucken auch schon – Kundschaft? Daneben, wie konnte ich sie unerwähnt lassen: die Jahrhunderthalle! Mega schön, auf weiter Wiese wird zu Ravemusik der Blick auf das monströse Industriedenkmal genossen, es ist zum hierbleiben und festwachsen!

Am nächsten Morgen erwartet mich die Essener Innenstadt kalt und leer. Die Fressbuden, die jetzt statt auf den Jahrmärkten überall in den Innenstädten stehen, wirken seltsam deplatziert und überflüssig. Ich weiß überhaupt nicht wohin, und fahre stattdessen erstmal auf die Margaretenhöhe, nur des Namens wegen, also nur des Klangs des Namens wegen, denn mit dem Namen selbst kann ich gar nichts anfangen. Was mich, dort angekommen, schon wundert, denn das ist schon bemerkenswert. Ich streife eine halbe Stunde lang durch die Straßen und es ist unvorstellbar, dass es jemanden gibt, der hier nicht wohnen wollen würde. Es ist für ein Wohngebiet beinahe paradiesisch, die Häuser strahlen eine einheitliche Friedfertigkeit aus, es riecht nach Edvard Grieg und klingt nach selbstgemachter Apfeltorte, die Boheme ist unter sich. Schlimm, aber bezeichnend: an den Straßen stehen doppelt so viele Autos, wie es Häuser gibt. Dafür sind die Fassaden begrünt.


Die Sonne ist jetzt mein einziger Wegweiser, an Tagen wie diesen (was ich nicht mehr sagen oder schreiben kann, ohne an die Toten Hosen zu denken) braucht es nicht mehr. Ich gerate, welch Glück!, in das Rumbachtal, ein hügeliges Naturschutzgebiet, in dem sich vortrefflich Bücher über Hasen schreiben ließen, finde mich nach einer halben Stunde an der Ruhr wieder, es hätte nicht schöner kommen können, und wie in einem Tagtraum geht es dem Flusslauf entlang nach Mülheim, nicht Mühlheim, davon gibt es dutzende anderswo, nein Mülheim, eine Stadt, Entschuldigung, ich muss mal einen Punkt machen. Eine Stadt also wie Flasche leer – von außen schön, aber innen nicht, wobei es vielleicht eher andersrum ist, na, egal. So schlimm ist es auch gar nicht, wobei, doch. Aber es hat was, wie das „Forum“ mitten in die City gebummst wurde und die vielspurigen Straßen sich gemeinsam mit den Fußgängerzonen durch den Pudding graben. An der Ruhr wiederum: Wasser, Bäume, Rentner, schön. Über die Ruhr führt eine Fahrradautobahn, die jedoch ein paar hundert Meter weiter an der Hochschule schon wieder endet. Hinter einem Mann, für dessen Gattung (trotz Hitze lange, dicke, schwarze Kleidung und Pudelmütze) ich mir beizeiten einen Namen überlegen werde, radele ich am Duisburger Zoo, vor dem lange Schlangen an Menschen auf Einlass warten, entlang die paar Kilometer bis zur Endstation, Duisburg Zentrum, das mich an diesem Sonntagnachmittag wie eine alte, verarmte und soeben aus dem Mittagsschlaf erwachte Diva empfängt. Ich drehe noch ein paar Runden durch den Garten der Erinnerung (der wirklich so heißt und dessen alternative Gestaltung mich immer wieder umhaut), esse endlich die obligatorische Currywurst (immer am gleichen Stand und immer passiert es, dass ich auf das „Guten Appetit!“ der Verkäuferin „Danke, gleichfalls!“ erwidere) und dann verschwinde ich irgendwo zwischen Gleis 12 und Gleis 23 in einem Zug.

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Die Verburgte.

62 Kilometer mit dem Rad von Senden über Nordkirchen nach Lüdinghausen.

Manchmal will ich gar nicht groß rauskommen, nur ne schmale Runde drehen, aber dann doch wieder nicht dahin, wo ich schon tausend mal war. Also muss doch wieder Ludwig (das Auto) ran, weil mit der Bahn zu umständlich und zu teuer, um mich aus dem Kern in die Peripherie zu katapultieren. Und so lasse ich Ludwig am Park-and-Ride-Platz an der A43 in Bösensell zurück und habe fortan die Freiheit gepachtet: der Himmel ist blau und die Straßen sind frei. Einmal Nordkirchen hin und zurück, ich schätze mal zwei, drei Stunden. Dass es am Ende fünf werden und ich eine erbärmliche Durchschnittsgeschwindigkeit von nicht mal 15 km/h berechne liegt zwar zum Einen an den obligatorischen Foto-Stopps, zum Anderen bringt es mich dem Kauf eines Rennrads ein Stückchen näher.

Erste Station: das Venner Moor. Über Holzbalken holpere ich durch die stille Naturlandschaft, kleine Eidechsen kreuzen erschrocken meinen Weg, eine Gruppe Rentner stößt am Torfstich mit einem Schluck Rotwein an. Ehrlich gesagt: das war’s. Wenn ich mal Ruhe suche, komme ich wieder, aber heute bin ich weg, Grund: siehe oben (Nordkirchen! Zwei, drei Stunden!). Also husch, husch, raus aus dem Moor und am namensgebenden Örtchen Venne vorbei nach Otti-Botti, wie der Fachmann sagt, offiziell: Ottmarsbocholt. Wie oft denke ich bei der Einfahrt: nice! Hier möchte ich wohnen! Endlich Ruhe! Bei der Ausfahrt denke ich das oft schon nicht mehr. Aber nichts gegen Otti-Botti. Ein Corona-Kunstprojekt aus bemalten Steinen geleitet den Weg in den Ort, der Sportplatz von Otti-Botti ist tippi-toppi, die CDU wünscht hier und da auf großen Bannern einen „Schönen Sommer!“ und Sonnenblumen stehen am Ortsausgang wie neugierige Zuschauer Spalier.

Weiter nach Ascheberg, will ich gar nicht hin, geht aber nicht anders, wüsste jedenfalls gerade nicht, wie. Direkt an der A1 gelegen, dominieren Lager- und Logistikhallen das Stadtbild (zumindest in der Peripherie, aber mehr werde ich heute von Ascheberg nicht mitbekommen). Tschüß. Und ab jetzt wird’s richtig schön. Über Landwirtschaftswege geht es an zahlreichen Höfen, Heu und Hühnern vorbei ins Touri-Nest Nordkirchen. Auf dem Mauritiusplatz, der leider nicht wegen der Insel so heißt, lässt es sich vorzüglich Eis essen, im Schlosspark herrschaftlich Kinderwagen oder sonst was hin und herschieben und der blaue Blick auf das „Westfälische Versailles“ lässt die Herzen aller Freunde der Symmetrie in die Wolken gehen. Nachdem das Schloß über die Jahrhunderte von einem hochverschuldeten Herzog zum anderen vererbt wurde, muss man heute dankbar sein, dass das Land die Gebäude in seine Obhut nahm und nebenbei seine Finanzschule hier unterbrachte. Vielleicht ein guter Ort um zu lernen, wie man mit Geld umgeht.

Von Nordkirchen ist es ein Dreiviertelstündchen bis Lüdinghausen. Unterwegs passiere ich die winzige „Alte Schule“ von Bechtrup oder Getrup, nein: Westrup! Man kann sich bildlich vorstellen, wie zwei Handvoll Bauernkinder über den Hof toben und beim Läuten der Turmglocke brav in die Klasse eilen. In der 25.000-Einwohner-Stadt Lüdinghausen, die erst seit kurzem wieder durch ihr eigenes Autokennzeichen ungeahnte Präsenz erreicht, schießen die Burgen aus dem Boden. Also sie schießen nicht aus dem Boden, denn sie sind ja schon lange dort, aber äh. Es gibt drei! Die meisten Städte haben nicht mal eine. Drei! Da ist einmal „Die Burg.“, wie sie sich selbst nennt, also „die Burg“ Vischering, tatsächlich aber ein Prachtexemplar, hat man sie der Gräfte entlang umrundet, möchte man es gleich noch einmal tun. Giebel, Gauben und Erker spiegeln sich im trübtauben Gewässer und bei „Junker Jörg“ kaufe ich ein Burgbrot. Ein paar hundert Meter die Stever hinunter dann die zweite Burg, die ursprünglich dem Herrn von Lüdinghausen gehörte (während Burg Vischering irgendwem anders gehörte, der sich mit dem Herrn nicht grün war). Auch schön, aber entweder bin ich nach dem Anblick von Burg Vischering schon satt, oder Burg zwo ist halt nicht so schön wie Burg eins. Burg drei schaffe ich dann nicht mehr, stattdessen juckel ich noch etwas kreuz und quer durch die hübsche Altstadt, versuche die schiefschrägen Fahrradständer vor der Musikschule ins Bild zu kriegen, erfahre vom Branntweinbrenner „mit dem zweiten Gesicht“ (er konnte Dinge vorhersehen, ob mit oder ohne Branntwein ist nicht näher erklärt) und fühle mich von der Uhr aus der Stadt getrieben. Wollte ich nicht nur eine kleine Runde drehen?

Auf dem Weg zur nächsten Burg kommt die nächste Burg, die ich aber erst bemerke, als ich mich an ihr vorbeifahrend wundere. Über eine nutzlose Brücke, die parallel zu einer Straße führt. Über diese eigentümliche Anlage von Burg Kakesbeck, kaum sichtbar und scheinbar halb verfallen und doch so voller Leben, dass Flötenklänge über den Wassergraben hinüber dringen. Darüber, dass man überhaupt auf so einer Burg leben kann.

Das letzte Stück führt am Kanal entlang zum Schloss von Senden. Auch dieses steht verschlossen hinter seinem Wassergraben und reibt sich noch müde die Augen vom jahrzehntelangen Dornröschenschlaf. Immerhin wird fleißig saniert und ich bin voller Hoffnung, bald einziehen oder wenigstens einige Blicke hinein werfen zu können.

Am Ende stellt sich raus: Es gibt einen Radweg namens „100-Schlösser-Route“. Mir reichen heute allerdings fünf, für einen Tag eine gute Ausbeute.

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Die Nördlichen.

48 Kilometer durch die nördlichen Münsteraner Stadtteile.

Zu viel Zeit, zu wenig Zeit – irgendwie hatte ich mich an die Nördlichen eine Weile nicht ran gewagt. Schließlich fehlten mir zur Vervollständigung der Tour de Münsteraner Stadtteile noch 9 derselben (so dachte ich! Es waren aber nur 8. Puh.) – jedenfalls zu Tagestrip für eine Feierabendrunde, zu Feierabendrunde für einen Tagestrip, zu ach, was weiß ich. Dann war es aber überhaupt nicht schlimm und genau genommen sogar tausend mal schöner als der gewerbegebietlastige, südliche Teil der Tour. Vielleicht blies aber auch einfach der Wind damals heftiger als heute.

Los ging es also in Gievenbeck, dessen Ortseingang so sehr mit der Kernstadt verschmolzen ist, dass man kaum ein Schild findet, an dem sich der Grenzübertritt festmachen ließe. Bis vor hundert Jahren standen hier nur ein paar Bauernhäuser, ha! Heut ist von den Bauern nicht viel geblieben, Studenten und „Universitätsangehörige“ haben das Gebiet in ein eng bebautes 80er/90er/00er-Neubaumolloch verwandelt, dessen Wohnwert sich an der Nähe zur Innenstadt bemisst, weniger an der zur Autobahn, welche überquert werden muss, um zum herrlichen Haus Rüschhaus (ja, zweimal „Haus“) zu gelangen, ehemaliger Wohnsitz von Johann Conrad Schlaun und Annette von Droste Hülshoff. Wenn man es schafft, das Rauschen der A1 zu überhören, könnte man hier, im Garten zwischen den barocken Buchsbäumchen, fast zum Dichter werden.

Ein paar Landwirtschaftswege weiter ist dann Nienberge, zu dem auch das Rüschhaus (offiziell) gehört. Ansonsten sticht Nienberge nicht als einziger Stadtteil, aber in ganz besonderer Weise als „besonders bei Familien beliebter Wohnvorort“ heraus. Symptomatisch dafür: In der Ortsmitte steht neben den handelsüblichen Geschäften die gusseiserne Statue einer vermutlich Schwangeren und wenige Meter weiter die eines Paares mit Kind. Natürlich ist nich viel los, hier wird gewohnt, nicht gelebt, zumindest nicht öffentlich, höchstens hinter hohen Hecken.

Ein Stück die große Straße runter, dann links und idyllisch über die Felder zur Gasselstiege gelangt man am schnieken Golfplatz Wilkinghege vorbei zu einer anderen Realität: die Wohnsiedlung „Brüningheide“ im Stadtteil Kinderhaus. In den 70ern als mustergültige Wohnsiedlung errichtet, liest sich die Gegenwart so: „Ein Drittel der 3000 Bewohner ist unter 18 Jahre alt. Die Hälfte der Bewohner ist auf staatliche Unterstützung angewiesen, mehr als zwei Drittel hat eine Migrationsgeschichte.“ Als Kind war ich oft in Kinderhaus, aber eigentlich nur im Hallenbad, und selbst davon weiß ich nur noch, wie der Knopf aussah, mit dem man die Dusche anmachte. Außerdem wusste ich früh vom Lepramuseum, wenn auch bis heute nicht, dass der Ort seinen Namen vom ehemaligen Leprosenhaus hat („der armen kinderen Hus“). Mit dem unbedingten Wunsch, hier öfter hinzukommen (nicht ins Leprosenhaus, nein – nach Kinderhaus), im Hinterkopf, belasse ich es heute bei einem Kurzbesuch.

Zu Nienberge gehörend, dann aber doch wieder ein eigener Stadtteil: Häger, nicht verwandt oder verschwägert mit dem berühmten Wikinger und auch nur halb so schrecklich. Häger hat es vermutlich nur seines Bahnhaltepunkts wegen zum Stadtteil bzw. Ortsteil gebracht – ungeklärt, warum Häger, nicht aber die vergleichbaren Flecken Mariendorf oder Sudmühle es zu offiziellen Stadtteilen gebracht haben (vielleicht ja gerade wegene des Bahnhaltepunkts). An selbigem stehen erstaunlich viele Räder mit platten Reifen, was die Assoziation an Abfahrten ohne Rückkehr weckt. Ansonsten: eine Straße (okay, eine große und ein paar kleine), wenige Häuser, ein Papierkorb, ein Mann, der „Guten Tag“ sagt, fertig. Trotzdem sehr schön, weil wahnsinnig friedlich. Außerdem liegt Häger umgeben von den Nienberger Höhen, die mit knapp hundert Metern über NN die höchste Erhebung auf Münsteraner Stadtgebiet darstellen. Entsprechend schön die Weiterfahrt nach… Moment…

Sprakel! Ein Name wie ein langbeiniges Insekt, das abends durch das angekippte Fenster kommt, dabei bedeutete es einst „dichtes Unterholz“. Sprakel. Meinetwegen. Der Ort: Einfamilienhaus mit Garten, Einfamilienhaus mit Garten, Einfamilienhaus mit… gähn. Was natürlich für den Ort spricht. Schlafen und Rosen züchten kann man hier sicher bestens. Wie immer, wenn sonst alles tot ist, gibt es doch wenigstens eine Kirche, eine Volksbank und einen nah und gut, in dem ein angegrautes Ehepaar eine Dose Prosecco am Kassenband vergisst.

Schnell weiter durch die fantastisch daliegenden Rieselfelder, in denen früher die Abwässer der Stadt verdunsteten oder versickerten (so richtig war mir nie klar, was mit „verrieseln“ gemeint ist) und wo heute hunderte Vögel rasten. Hinter den Felder und über den Kanal und sonst auch irgendwie nie kommt man nach Gelmer. Direkt am Ortseingang das geile „Heidestadion“ der Heidekicker vom örtlichen DJK Grün-Weiß Gelmer. Vom Namen her würde ich glatt Mitglied werden, aber hier ist keiner. Außerdem ergoogel ich mir die Bedeutung von DJK: Deutsche Jugendkraft. Ich schwanke zwischen irgendwie cool und würde man eigentlich heutzutage so nicht mehr… Einerseits. Anderseits: der Ortskern mega nice. Ein paar winzige Geschäfte, viele mit einem Verweis auf die Heide im Namen, stehen im Schatten des berühmten Spargelhofes na, wie heißt er doch gleich, irgendwas mit Lütke oder Große, sonst Schulte. Eine Straße weiter grasen Schafe. Frauen grüßen unkrautzupfend aus ihren Vorgärten.


Dann die große Überraschung: über schotterhafte Wege gelange ich zu einem Luxushotel, das ich nie vorher zu Gesicht bekam, wie in einer Fata Morgana schießt es plötzlich aus dem sandigen Boden. Ich traue mich kaum über den Hof, zu groß ist die Furcht davor, einen elitären Ärztezirkel mit dicken Autos und dünnen Nerven beim Aperol zu stören. Ich übertreibe, so elitär ist es dann doch nicht, ein Einzelzimmer gibt es schon für hundert Euro. Aber ich habe ja noch zwei Stadtteile und das schönste Stück vor mir, nämlich jetzt: ein schmaler Feldweg führt mich an einer idyllischen Wassermühle entlang über die Werse zum Gut Havichhorst, einem etwas zu großen und zu schicken Pferdehof mit angeschlossenem Tagungszentrum. Ich kaufe kontaktfrei Lokalhonig und düse schnell runter nach Handorf.

Handorf, das früher aufgrund seiner zahlreichen Ausflugscafés, von denen nicht viele geblieben sind, „das Dorf der großen Kaffeekannen“ genannt wurde. Das schönste an Handorf ist aber heute wie damals die Lage an der grünen Werse, die sich wie willenlos, von urigen Bäumen gesäumt, durch die Landschaft schlängelt. Außerdem: das Westfälische Pferdezentrum, die Westfälische Reit- und Fahrschule und so weiter, aber. Für mich war Handorf lange Zeit nur das, was zwischen den Fixpunkten liegt: dem traumhaften Boniburger Wald, dem weitläufigen Freibad Sudmühle und der Pilgerstadt Telgte. Handorf selbst habe ich nie gebraucht.

Aber Coerde, das ich über die „Kö“ erreiche (wobei „Kö“ hier nicht für Königsallee, sondern für Königsberger Straße steht, was insgesamt auch besser passt). Früher dachte ich immer, außer der Müllkippe sei hier nichts. Heute gehört Coerde zu meinen Hoflieferanten, für so ein Gefühl das ich nicht benennen kann. Käme ich aus dem Ruhrgebiet, ich würde mich hier heimisch fühlen. Vielleicht ist es also diese Schönheit zweiter Klasse, die eher im Verborgenen liegt, vielleicht ist es auch, dass Coerde so wenig wie Münster ist, so wenig sauber und wohlhabend und spießig. Am zubenotierten, zugequaderten Coerdemarkt prallen Kulturen aufeinander, zwei Straßen weiter heißen die Straßen Iltisweg und Mümmelmannpfad, dahinter quaken die Frösche. Ich erfahre, nein, eigentlich wusste ich es schon, dass Coerde in den 60ern auf dem Reißbrett entstand. Damals quadratisch, praktisch, gut, dann lange Zeit asi, dabei ist es irgendwie so schön – und ein würdiger Abschluss für meine Tour de Münsteraner Stadtteile.

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The main dish.

70 Kilometer von Recklinghausen über Marl nach Gelsenkirchen und am RH-Kanal zurück

Nachdem es vor ein paar Wochen den Appetizer gab, eine kleine Runde von Erkenschwick nach Recklinghausen, gönne ich mir heute die Hauptspeise, von der ich aber vorher noch gar nicht weiß, dass sie es wird. Im Gegenteil, eigentlich will ich nach Bochum, aber auf Höhe Recklinghausen ist die Platte von Grönemeyer durch (fahre ich so langsam oder singt Herbert so schnell?), also fahre ich raus. Recklinghausen, das liegt mir seit meinem letzten Besuch noch auf der Seele, hatte ich irgendwie nicht recht gewürdigt, dabei ist es so nett. Also nochmal quer durch die Citywüste aus hübschen Gässchen und Nachkriegsbeton und dann hoch zum Ruhrfestspielhaus. 1965 wurde es eigens für „eines der renommiertesten Theaterfestivals Europas“ auf dem „grünen Hügel“ errichtet. Mittlerweile modernisiert und mit Glas verkleidet sieht es echt schön aus, so schön, dass ich gerne wiederkomme, wenn mal wieder Festspiele sind.

An der Sternwarte entlang geht es der Sonne nach Richtung Westen, es sieht aus wie zu Hause: Felder, Höfe, Pferde, so weit das Auge reicht. Dann Marl. Ich wollte schon immer marl nach Marl, schon alleine, weil einem mit einem Marl so schöne Wortspiele einfallen. Also, Marlzeit! Fester Termin: das alte Jahnstadion, in dessen Stehplatzkurven mittlerweile Birken und Buchen statt Schlachtenbummlern stehen sollen. Nach einer halben Stunde Rumfahrerei finde ich es, in geisterhafter Atmosphäre. Die alte Schule sieht an sich schon aus wie ein Gruselhaus, dass an allen Bäumen Kreuze gepinselt sind macht es nicht besser. Hintergrund: Wald, Schule und Stadion sollen seit Jahren abgerissen werden. Gottseidank wurden sie es nicht. Das Stadion, das einst 35.000 Platz bot und in dem der VfB Marl-Hüls Anfang der Sechziger erstklassig spielte, ist sogar auf: Baseball statt Fußball, klong, klong, klong, die Schlagmänner der „Sly Dogs Marl“ bereiten sich auf das Freundschaftsspiel gegen die „Bochum Barflies“ vor. Es gibt kalte Softdrinks und Würstchen vom Grill.

Weiter gen Südwesten erreiche ich in gewohntem und bewährtem Kreuz-und-Quer-Verfahren den beschaulichen Ortsteil Polsum, von dort weiter zum Hof Lüttinghaus, einem Wasserschloß, an dem sich mein Weg ausnahmsweise mal mit dem aller anderen kreuzt. Ein Stückchen weiter beginnt dann Gelsenkirchen, wie immer klischeehaft: in der Straße „Bergmannsglück“ parkt ein Proletenauto vor einer königsblau gestrichen Garage. Durch das Werksgelände der Firma uniper, ein Energieriese, den ich nicht hätte verorten können, erreiche ich den Gelsenkirchener Stadtteil Buer, wie fast immer im Pott eine Mischung aus Multikulti, Shopping Queen und Spießbürgertum. Von hier ist es nicht weit nach Schalke. Ich versuche, einen Weg am Stadion vorbei zu erzwingen, doch es gelingt mir nicht, irgendwie rausche ich dran vorbei, stolpere kurz über das Grab des letzten Grubenpferdes Alex und komme erst in Horst wieder zum Stehen. Schönes Schloß! Überhaupt erstaunlich, wie viele Schlösser es hier gibt, man hatte ja gedacht, außer Zechen, Trinkhallen und Stadien gäbe es hier nichts, aber Pusteblume – da Ruhrgebiet ist grün! Und blau! Und rot! Und schwarz-gelb!


Es wird Zeit, ich muss den Rückflug antreten, doch da, ein Schild der Route Industriekultur, Nordsternpark, da schnell noch hin. Was ich fast überfahren hätte entpuppt sich als riesiger Landschaftspark auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Nordstern, interesting and wunderbar lebendig, viele spielende Kinder, schön gemacht! Hier ein andermal nochmal hin!

Am Rhein-Herne-Kanal zurück Richtung Osten, business as usual am Kanal: Heerscharen an Ausflüglern und Halbwüchsigen, wohl dem, der eine Klingel hat. Ich mache drei Kreuze, dass ich diese Route, die auch in meinem Wanderführer verzeichnet ist, noch nie zu Fuß gelaufen bin: es zieht sich und ist wenig abwechslungsreich, Kanal halt. Einzig die Künstlerzeche Alter Fritz könnte… aber sie ist es nicht, nur eine Halle voller Kunst und dazu ein Biergarten. Die letzten 10 Kilometer führen mich über eine vierspurige Straße zurück ins Recklinghäuser (nicht -hauser!) Zentrum. Um auf’s main dish zurückzukommen: es war reichlich, aber ein bisschen so wie Schnitzel Pommes – irgendwie viel und geil, aber zum Ende hin isst man es nur noch aus Pflichtbewusstsein auf.

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Der Appetizer.

Kleine Radtour von Oer-Erkenschwick nach Recklinghausen und zurück, mit Rumgetingel vielleicht 25 km.


Ich liebe ja Zechen. Das Nomen, nicht das Verb, wobei das auch, aber das ist ein anderes Thema. Also, ich meine die Dinger, wo früher Kohle gefördert wurde. Niemals hätte ich dort gerne gearbeitet, eine elende Schufterei muss das gewesen sein, wobei Kumpel zu sein ja auch Status war, aber das ist ein anderes Thema. Nachdem ich also kürzlich bei der Zeche Ewald war, las ich nun von der Zeche Ewald Fortsetzung. Das ist nicht etwa der zweite Teil einer Netflix-Serie oder was, nee, die Zeche heißt tatsächlich so: Zeche Ewald Fortsetzung. Sie liegt zudem in Oer-Erkenschwick, einem Ort, den ich schon lange mal besuchen wollte. Also mehr Erkenschwick, weniger Oer. Erkenschwick hat eine gewisse Fußballtradition, die auch wieder mit der Zeche Ewald Fortsetzung zusammenhängt, aber das ist ein anderes Thema. Was Oer hat, weiß ich nicht. Aber genug der Vorrede, los geht’s: in Erkenschwick lasse ich das Auto stehen und radele zunächst zur Zeche. Klein, aber fein! Beziehungsweise auch völlig verfallen, aber eben sehr zechig. In den Verwaltungsgebäuden haben sich irgendwelche Cateringbetriebe und so angesiedelt, ansonsten viel Staub.

Ich frage mich ja, was untendrunter ist, da müssen ja unendlich tiefe, weite … ach was, wahrscheinlich alles zugeschüttet. Also weiter geht’s auf einen Berg, nanu, ein Berg im nördlichen Ruhrgebiet, im südlichen Münsterland, während der Auffahrt wundere ich mich wie ein Würmchen, dass man seinem Biotop entnimmt, und erst oben angekommen wird mir klar, dass der Berg die Halde ist. Nicht hoch, aber schöner Blick über Erkenschwick. Oben trinkt man Dosenbier. Endlich finde ich auch das Stadion der sagenumwobenen Spvgg (=Spielvereinigung), ein Pracht-Relikt früher Fußballzeiten, in das einst 25.000 Leute gingen, heute aus Sicherheitsgründen weniger. Leider ist alles abgeschottet. Ich folge dem Radweg entlang einer vielbefahrenen Straße – unschön, aber zielführend – nach Recklinghausen. Wir kannten uns bislang nur vom Hörensagen und der ein oder anderen Durchfahrt, doch was ich sehe ist mir durchaus sympathisch, teilweise. Schäbiger Ruhrgebietscharme (erwartbar) gepaart mit schnuckeliger Altstadt, umgeben von üppigen Bauten der Jahrhundertwende, furchtbar viel Straßenverkehr (erwartbar). Ich habe nicht viel Zeit mitgebracht, weswegen ich noch mal wiederkommen werden muss, aber eines muss ich noch sehen: das Rathaus!

Ein Klotz von einem Rathaus, der davon zeugt, dass man zumindest mal davon ausging, diese Stadt werde sehr bedeutend sein. Sie war es natürlich auch mal, jedenfalls much more than today, aber das ist ein anderes Thema. Für heute fahre ich zurück nach Oer-Erkenschwick, also nicht nach Oer, sondern ihr wisst schon, wo ich mich schon fast wie zu Hause fühle.

Komoot entfällt, Tour zu einfach. Immer den Schildern nach.

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