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Die Perlenkette.

109 Kilometer von Hamm nach Duisburg.

Naja, also eigentlich ist es keine Perlenkette, nur halt irgendwie eine Kette. Aber nur halt irgendwie eine Kette, das klingt ja komisch. Treffender wäre natürlich sowas wie: 6 auf einen Streich. 6 Großstädte auf gut 100 Kilometern, das gibt es sonst nur – nirgends! Aber irgendwie gefällt mir Perlenkette besser. Whatever.

Startpunkt ist Hamm Hauptbahnhof, nicht bekannt aus Film und Fernsehen, bekannt aber von zahlreichen und nicht selten misslungenen Umstiegen, was willste hier auch sonst. Es ist aber eindeutig schon Pott: Innenstädte aus Beton, Handyshops und Shisha-Bars, wo einst kurze Waren verkauft oder kurze Schnäpse getrunken wurden, Radwege versanden in aufgerissenen Fußwegen („Fahrräder frei!“), zu leben heißt zu arbeiten (beziehungsweise eben unverkennbar auch: nicht zu arbeiten). Es dauert ungefähr ’ne Stunde, bis ich aus der Stadt raus bin und mich mangels Beschilderung – Lünen und Unna sind konsequent ausgeschildert, ich will aber nach Dortmund – irgendwie übers Feld und immer wieder über irgendwelche Autobahnen bis zu Ikea durchschlage. Nicht falsch verstehen, ich fahre nicht über die Autobahnen, sondern über sie drüber, wobei mir der Unterschied jetzt auch nicht mehr klar ist, denkbar wäre in diesem Durcheinander alles. Dann wieder, was mir bis Duisburg ständig passieren wird: Du kommst ausse Stadt raus, eben noch Industriehallen und Hochhäuser oder halt Ikea, plötzlich aber, als wie wenn du abrupt das Fernsehprogramm gewechselt hättest: Felder, Pferde, Höfe, Stille (also relative Stille). Hinter Afferde beginnt Dortmund mit der Betonung auf beginnt. Erst kommt Wickede, dann Asseln, Brackel, Wambel, schließlich Körne und dann, immer den Gleisen der Straßenbahn nach habe ich in Gedanken längst die Speisekarten verschiedener Imbissbuden rauf und runter bestellt, „Dortmund Zentrum“. Also, dass Dortmund nicht schön ist wusste ich irgendwie schon, aber mit welch schamloser Hässlichkeit mich das Zentrum rund um die Reinoldikirche empfängt lässt mir die Kinnleiste in die Pedale rutschen. Auf die Kirchtreppen strömen Jugendliche mit prallvollen Netto-Tüten und Regenbogenflaggen, „Alkohol!“, und am U, der ehemaligen Brauerei, die erfreulicherweise zu einem Kunst- und Kulturzentrum umgebaut wurde, schallt es aus den Boxen „Ich habe meine Hausaufgaben nie gemacht“ (… der Track geht noch weiter, den Rest habe ich aber vergessen.)


Von dort ist Bochum ausgeschildert, jedenfalls für eine kurze Weile. Erstmal geht es auf den Uni-Hügel, von wo man einen tollen Blick auf die Stadt, das Stadion und die Studenten, nein, die nicht, hat, dann von dort wieder runter. Die Uni ist ein Mikrokosmos, mit Bauklötzen aus dem Boden gezogen in den 60ern – und das auch nur als Reaktion auf wütende Proteste der Dortmunder hinsichtlich der Eröffnung der Ruhr-Universität in Bochum. Es könne doch nicht sein, dass Bochum, Dortmund aber nicht! Dieser hat sie nun sogar eine Hochbahn mit dem bemerkenswerten Namen „H-Bahn“ voraus, der den Eindruck der Künstlichkeit noch unterstreicht. Felder, Pferde, Höfe, ein bisschen, und dann schon: Bochum, wenn auch nur: Langendreer, noch 5 Kilometer bis Bochum-Zentrum. Der Radweg ist eine Katastrophe, aber immerhin steht neben der zerbeulten und von Unkraut zerwachsenen Piste ab und an ein ausgeblichenes Radfahrschild, Pfeil geradeaus.

Bochum-Zentrum wiederum empfängt mich, Besucher 9.842.873 (in welchem Zeitraum auch immer), wie eine Kupplung ihr Gegenstück – ich rausche hinein und bin passgenau drinnen. Leider bleibe ich irgendwie nicht lange, bin schon wieder weg, erinnere mich an nichts.* Wohingegen Wattenscheid mir im Gedächtnis bleibt – Wattenscheid, ganz Fußballdeutschland kennt Wattenscheid von der einst so durch die Decke geschossenen SG 09, die nun gerade in die endgültige Insolvenz geriet. Die Lohrmühle steht aber noch, nebenan kicken ein paar Winzlinge auf dem Ascheplatz und streiten sich um die Torausbeute. Wattenscheid ist dann schon fast Essen. Neben die A40 haben sie einige hundert Meter perfekten Radfahrweg gebaut, bevor es diffus in die Innenstadt geht. Zwischenfazit: die Strecke ist scheiße, aber das Ruhrgebiet geil. Diese Hautnähe, in der ich hier die Wirren der jüngeren Geschichte und die rasanten Entwicklungen der Gegenwart erfahre, kriege ich selten so ungeschönt auf das Silbertablett gerotzt. Darauf am Essener Hauptbahnhof erstmal „eine kleine Persönlichkeit“ (wie sich das lokale Bier qua Unterzeile nennt).

*doch, jetzt wieder: ich laufe eine Art Partymeile hinunter bis zum Bermudadreieck und ein Mann relativiert im Tonfall eines Diavortraghaltenden das Virus an sich, es sei alles gar nichts Schlimmes und Besonderes, die ganze Aufregung vollkommen übertrieben. Und dann lande ich im Rotlichtviertel, nur weil die Straße im Abendsonnenschein so schön aussieht, doch Kneipen namens „Eros“ klingen verdächtig und die Aufpasser gucken auch schon – Kundschaft? Daneben, wie konnte ich sie unerwähnt lassen: die Jahrhunderthalle! Mega schön, auf weiter Wiese wird zu Ravemusik der Blick auf das monströse Industriedenkmal genossen, es ist zum hierbleiben und festwachsen!

Am nächsten Morgen erwartet mich die Essener Innenstadt kalt und leer. Die Fressbuden, die jetzt statt auf den Jahrmärkten überall in den Innenstädten stehen, wirken seltsam deplatziert und überflüssig. Ich weiß überhaupt nicht wohin, und fahre stattdessen erstmal auf die Margaretenhöhe, nur des Namens wegen, also nur des Klangs des Namens wegen, denn mit dem Namen selbst kann ich gar nichts anfangen. Was mich, dort angekommen, schon wundert, denn das ist schon bemerkenswert. Ich streife eine halbe Stunde lang durch die Straßen und es ist unvorstellbar, dass es jemanden gibt, der hier nicht wohnen wollen würde. Es ist für ein Wohngebiet beinahe paradiesisch, die Häuser strahlen eine einheitliche Friedfertigkeit aus, es riecht nach Edvard Grieg und klingt nach selbstgemachter Apfeltorte, die Boheme ist unter sich. Schlimm, aber bezeichnend: an den Straßen stehen doppelt so viele Autos, wie es Häuser gibt. Dafür sind die Fassaden begrünt.


Die Sonne ist jetzt mein einziger Wegweiser, an Tagen wie diesen (was ich nicht mehr sagen oder schreiben kann, ohne an die Toten Hosen zu denken) braucht es nicht mehr. Ich gerate, welch Glück!, in das Rumbachtal, ein hügeliges Naturschutzgebiet, in dem sich vortrefflich Bücher über Hasen schreiben ließen, finde mich nach einer halben Stunde an der Ruhr wieder, es hätte nicht schöner kommen können, und wie in einem Tagtraum geht es dem Flusslauf entlang nach Mülheim, nicht Mühlheim, davon gibt es dutzende anderswo, nein Mülheim, eine Stadt, Entschuldigung, ich muss mal einen Punkt machen. Eine Stadt also wie Flasche leer – von außen schön, aber innen nicht, wobei es vielleicht eher andersrum ist, na, egal. So schlimm ist es auch gar nicht, wobei, doch. Aber es hat was, wie das „Forum“ mitten in die City gebummst wurde und die vielspurigen Straßen sich gemeinsam mit den Fußgängerzonen durch den Pudding graben. An der Ruhr wiederum: Wasser, Bäume, Rentner, schön. Über die Ruhr führt eine Fahrradautobahn, die jedoch ein paar hundert Meter weiter an der Hochschule schon wieder endet. Hinter einem Mann, für dessen Gattung (trotz Hitze lange, dicke, schwarze Kleidung und Pudelmütze) ich mir beizeiten einen Namen überlegen werde, radele ich am Duisburger Zoo, vor dem lange Schlangen an Menschen auf Einlass warten, entlang die paar Kilometer bis zur Endstation, Duisburg Zentrum, das mich an diesem Sonntagnachmittag wie eine alte, verarmte und soeben aus dem Mittagsschlaf erwachte Diva empfängt. Ich drehe noch ein paar Runden durch den Garten der Erinnerung (der wirklich so heißt und dessen alternative Gestaltung mich immer wieder umhaut), esse endlich die obligatorische Currywurst (immer am gleichen Stand und immer passiert es, dass ich auf das „Guten Appetit!“ der Verkäuferin „Danke, gleichfalls!“ erwidere) und dann verschwinde ich irgendwo zwischen Gleis 12 und Gleis 23 in einem Zug.

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Hermann extern, oder so.

Knapp 29 Kilometer von den Externsteinen zum Hermannsdenkmal und zurück.

Weil mir Berlin zu weit war, fuhr ich also nach Bad Meinberg, genauer: nach Horn-Bad Meinberg. Eigentlich, als die Orte am 1.1.1970 zusammengelegt wurden, sollte es Bad Meinberg-Horn heißen, aber „es regte sich massiver Widerstand“, wie es so schön heißt. Von Horn kriege ich aber ohnehin nichts mit, von Bad Meinberg etwas mehr, aber das ist ja auch egal, es geht ja primär ums Wandern. Horn-Bad Meinberg also deshalb, weil hier die Externsteine sind, weil man von den Externsteinen eine gute Runde zum Hermannsdenkmal und zurück drehen kann, und weil Berlin mir, wie gesagt, zu weit war. Außerdem sollte es am Sonntag regnen, nur am Samstag einige wenige sonnige Stunden geben, sonst Regen, aber das war natürlich wieder nicht so, am Ende gab es überhaupt keinen Regen, weder am Samstag, noch am Sonntag. Aber zurück zum Thema.

Ich starte direkt am Highlight, weil ich nicht wüsste, wo sonst. Die Externsteine sind eine Felsformation aus Sandstein, aber vor allem auch: eine enorm beeindruckende Felsformation aus Sandstein. So unvermittelt stehen sie da, dass man kaum glauben kann die Natur schüttele sowas einfach mal aus dem Handgelenk, ohne Absicht und Kalkül, doch vielleicht war es ja gerade Kalkül und Absicht, dass die Menschen kommen und da stehen und die Felsen bestaunen (und sie zigtausendfach fotografieren), wie sie da stehen. Es ist noch früh, ein Mann spielt auf einer Art Querflöte während die ersten sich anstellen, um die Felsen zu beklettern.
In dem Wissen, am Abend zurückzukehren, mache ich mich schnell auf den Hermannsweg zum Hermannsdenkmal, gut 12 Kilometer. Herrlich, mal wieder bergauf und bergab durch echten Wald zu laufen, keinen Stadtforst, aber es ist auch: sehr populär, also ich meine: SEHR populär. Nach dem sechsundvierzigsten „Hallo“ vergeht mir die Lust am Grüßen und ich wünschte, ich hätte eine Nebenstrecke genommen. Dennoch: der Weg ist schön, führt auf und ab auf schmalen Pfaden und breiten Trassen mitten durch den Garten von Mutter Natur.

Obwohl mich die Externsteine viel mehr beeindruckten, scheint der Arminius, mit knapp 54 Metern die größte Statue Deutschlands, eine viel stärkere Anziehungskraft auf Touristen auszuüben, sie tummeln sich in Scharen, zu allem Überfluss findet noch ein Fotoshooting mit irgendwelchen Stinktier-Darstellern statt und eine breitbeinige Truppe offen Rechtsradikaler arbeitet ihre Liste germanischer Pilgerstätten ab. So wahnsinnig und bemerkenswert diese Umsetzung deutscher Nationalromantik auch ist, mir wird schlecht und ich trete den Rückzug an. Der soll eigentlich easy über den X6 gehen, doch, wie so oft, ich verliere ihn und irre, nicht nolens noch volens, den nicht zielführenden X10 zu laufen, offen durch den Wald. Was in Kanada oder den Karpaten spannend werden könnte, endet hier allerdings nur damit, dass ich einen Abhang hinunterstolpere, wo ich wiederum auf einen Wanderweg treffe, „Hallo!“. Es scheint, die deutschen Wälder seien mit Wegen durchzogen wie meine Nerven mit dünnen Drahtseilen, ach was, Drahtfasern, die jeden Augenblick zu reißen drohen. Bergauf, bergab, ich wusste nicht mehr, wie wenig ich das gewohnt bin und wie sehr es nerven kann, es ist Monate her, dass ich mit Höhenmetern in Kontakt kam, und jetzt, wo ich mich wieder den Externsteinen nähere, nimmt die Dichte an Grüßaugusten erneut anstrengende Ausmaße an. Als ich dann aber schließlich dort bin, die Kraft der Naturgewalt vor Augen, fröhliche, multikulturelle Familien statt rechtsnationaler Symbolik, Weite statt Enge, da fällt der Frust in sich zusammen. Vielleicht bleibe ich beim nächsten Mal einfach bei den Externsteinen, lege mich dort den ganzen Tag ins nassfeuchte Gras und spiele auf meiner Querflöte. Das ist zwar keine sportliche Leistung, aber es schont die Nerven, und manchmal kann man beides zugleich eben nicht haben.

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Baltrum (6)

Fläche: 6,5 km²
Einwohner: 496
Übernachtungen: ?

Wenn man mich fragt, wo‘s am schönsten war, sag‘ ich: Baltrum. Heiaoaheia, Heiahoahe. Dabei liegt es vermutlich nur am Kurze-Hosen-Wetter, dass es mir hier so gut gefällt. Vielleicht aber auch daran, dass mir niemand gesagt hat, wie schön es hier ist. Alle nur so: Baltrum? Ach, Baltrum. Der kleine Flecken zwischen Norderney und Langeoog, „nee, da war ich noch nie“ und vielleicht sagte auch jemand „da soll es nicht so schön sein.“, aber das weiß ich nicht mehr. Ich vergrabe meine Objektivität am Nordseestrand, kaufe mir das Lustige Taschenbuch, Sonderedition „Ein Tag am Meer“ – Nomen est omen – und flüchte vor der fiebrigen Sommersonne in einen rot-weiß gestreiften Strandkorb.

Was hatte ich mir für einen Stress gemacht, vorher. Vom plötzlichen Schulbeginn übertölpelt und mit der Angst, mein ohnehin coronabedingt wackeliges Reisegerüst könne irgendwo zwischen Lehr- und Fährplänen zusammenbrechen, stürzte ich mich Freitag mittag auf die Autobahn. Kaum war ich angekommen, mutterseelenallein, klitschnassgeschwitzt und viel zu früh am Kai, dachte ich: So nie wieder. Aber wie dann?

Baltrum – mein Dornröschen der Nordsee. Diesen Slogan schuf der ehemalige Badedirektor Wilhelm Vogel (wer kennt ihn nicht?) bereits in den 20ern, also in den letzten, und… Moment? Dornröschen? Hundertjähriger Schlaf? Es dürfte dann nicht mehr lange dauern, bis Baltrum erwacht, doch wie genau soll das aussehen? Schon jetzt scheint das Eiland längst kein Geheimtipp mehr zu sein, allein seine mangelnde Größe schützt es davor, vom Mobilismus und Massentourismus überrollt zu werden. Andererseits habe ich bis heute keine schlüssigen Übernachtungszahlen gefunden: 14.000 im Jahr? Klingt angesichts von einer Million auf der nun auch nicht wesentlich größeren Insel Wangerooge wie ein Missverständnis. Die Häuser jedenfalls sind nach Baujahr nummeriert. Es gibt drei- oder vierhundert, in den meisten wohnen Gäste und die Alarmglocken schrillen leise von den Pinnwänden – Gesucht: Wohnraum für Menschen, die auf Baltrum arbeiten! Für die Kassiererinnen, Bademeister und Küchenkräfte! Ist kaum noch zu kriegen. Warum ist die Insel auch so klein? Vor vierhundert Jahren war sie viel größer, verlor große Teile ans Meer und an den versnobten Nachbarn Norderney – Gottlob wird heute auf sie aufgepasst, wie auf fast allen Ostfriesischen Inseln schützen Buhnen und massive Uferbestigungen die Insel vor weiterem Landverlust an der Westseite, von den Deichen ganz zu schweigen: Well ne will dieken, de mutt wieken (was auf Hochdeutsch noch ein bisschen blöder klingt: Wer nicht weichen will, muss deichen.)

Der erste Abend ist der Hammer: weiter Strand, weites Meer, weite, warme Luft, kaltes Jever, olivgrüner, nee, orangeroter (aber das klingt so abgenutzt) Sonnenuntergang, dann diese ins familiäre abdriftende Urlaubsstimmung, die ich auf keiner anderen Insel so erlebt habe, so als würde jeder jeden schon ewig kennen, und plötzlich: ein Soundcheck an Strandabschnitt B – drei bärtige Männer spielen Coversongs für lau, Joe Cocker’s „summer in the city“, Bob Marley’s „no island no cry“, dann der Höhepunkt: „Wenn ich König von Baltrum wär’.“ In der Trinkpause schlendere ich weiter zum „Sonnenuntergangscafé“, das seinem Namen alle Ehre macht. Ein völlig gemischtes Publikum aus bunten Kindern, Jugendlichen, Eltern und polobehemdeten Senioren sitzt und steht auf den Stufen und erfreut sich am farbwarmen Versinken der Sonne. Es ist herrlich.

Am nächsten Morgen brennt der gelbe Ballon schon früh lichterloh, die Insel ist fast schattenlos. Im ersten Haus am Platz, einem ich glaube 90-jährigen Schnickschnackgeschäft, kaufe ich eine Matrosenmütze, reserviere mir einen Strandkorb, siehe oben – ich glaube, nur Baltrum erlaubt es sich, die Dinger unabgeschlossen herumstehen zu lassen – und – erst die Arbeit, bla, bla, bla – fotografiere noch schnell die wichtigsten, allerdings viel zu stark beleuchteten Baudenkmäler: die große evangelische und die kleine katholische Kirche, letztere mehr Wikingerhauptquartier als Gotteshaus, aber sehr hübsch, eine Besucherin versteigt sich gar zu der Bemerkung: „Eine der schönsten Kirchen, die ich je gesehen habe!“ Interessant, ne, welche Bedeutung den Worten „ich“ und „je“ hier zugute kommt, zwischen 2 und 20.000 „je gesehenen“ Kirchen, die eine einzige Person gesehen hat, ist ja alles drin und davon abhängig der Wert des Urteils, das aber dennoch erstmal beeindruckt. Der Rest des Tages also Strandkorb, Salzwasser und Lustiges Taschenbuch. Mich wundert, dass es aus den Körben ringsum nur zu schwäbeln scheint. Großmutter: „Letschtes Jahr ware ma auch hier, des war herrlisch. Aber dies Jahr mit de Kinder, desch is kei Urlaub.“ Pause. „Um Gottes Wille, ich liebe de Kinder, aber Urlaub isch des net.“ Womit wir beim Thema Kinder wären. Gibt es hier reichlich, wobei ich nicht weiß, ob ich das nur deshalb erwähne, weil ich las, Baltrum sei „die Kinderinsel“. Also nicht nur Dornröschen, sondern auch Kinder. Was stimmt: Es gibt viele, aber gut, es sind ja auch Ferien. Und: für Kinder ist es toll: kurze Wege, viel Strand und keine Autos. Umso mehr sticht der Flugplatz heraus, auf dem so ungefähr im Minutentakt winzige Propropropellermaschinen quietschend auf die Landebahn setzen und knatternd von ihr abheben, während neben dem Rollfeld einige ungewöhnlich kräftige Pferde grasen.

Wie geht es weiter? Ich weiß es nicht mehr. Es ist Sonntag, einer dieser halben Tage, an denen man schon den Rucksack für die Abreise mit sich rumschleppt und trotzdem noch einige Stunden zu verbringen hat. Also laufen, doch noch. Am Westende fischen zwei Jungs, ein Stück weiter reckt und streckt sich eine Yoga-Runde. Unten, an der Wattseite, haufenweise Wanderer, verteilt auf kleine Grüppchen. „Auf einem Quadratmeter scheißen hier also 14 Wattwürmer!“, höre ich einen Führer euphorisch ins Publikum brüllen. Dann Salzwiesen, Rotschenkel, Lachmöwe, Ringelgans. Ich komme am Ostende der dann doch überraschend großen Insel raus und stelle fest: sieht aus wie immer, also wie fast immer. Oben, am Strand, stechen mir diese linealartigen Muscheln, wie heißen die, ins Auge.* Sind mir sonstwo nie aufgefallen. Mal abgesehen von all diesen Pflanzen, die ich fast jedesmal sehe, und die ich auch nicht kenne – außer Strandhafer, Distel und Hagebutte. Am Ende werde ich auf zwölf Inseln gewesen sein und nichts als Sand im Kopf haben. Aber wenigstens das. Vielleicht liegt es auch gar nicht nur am Kurze-Hosen-Wetter, dass es mir hier so gut gefällt. Vielleicht ist Baltrum einfach so Dornröschen, dass es sich lohnt, ihr sein Herz zu schenken.

*Ich recherchiere: Schwertmuschel! Von Frachtschiffen aus Amerika eingeschleppt!

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Die Verburgte.

62 Kilometer mit dem Rad von Senden über Nordkirchen nach Lüdinghausen.

Manchmal will ich gar nicht groß rauskommen, nur ne schmale Runde drehen, aber dann doch wieder nicht dahin, wo ich schon tausend mal war. Also muss doch wieder Ludwig (das Auto) ran, weil mit der Bahn zu umständlich und zu teuer, um mich aus dem Kern in die Peripherie zu katapultieren. Und so lasse ich Ludwig am Park-and-Ride-Platz an der A43 in Bösensell zurück und habe fortan die Freiheit gepachtet: der Himmel ist blau und die Straßen sind frei. Einmal Nordkirchen hin und zurück, ich schätze mal zwei, drei Stunden. Dass es am Ende fünf werden und ich eine erbärmliche Durchschnittsgeschwindigkeit von nicht mal 15 km/h berechne liegt zwar zum Einen an den obligatorischen Foto-Stopps, zum Anderen bringt es mich dem Kauf eines Rennrads ein Stückchen näher.

Erste Station: das Venner Moor. Über Holzbalken holpere ich durch die stille Naturlandschaft, kleine Eidechsen kreuzen erschrocken meinen Weg, eine Gruppe Rentner stößt am Torfstich mit einem Schluck Rotwein an. Ehrlich gesagt: das war’s. Wenn ich mal Ruhe suche, komme ich wieder, aber heute bin ich weg, Grund: siehe oben (Nordkirchen! Zwei, drei Stunden!). Also husch, husch, raus aus dem Moor und am namensgebenden Örtchen Venne vorbei nach Otti-Botti, wie der Fachmann sagt, offiziell: Ottmarsbocholt. Wie oft denke ich bei der Einfahrt: nice! Hier möchte ich wohnen! Endlich Ruhe! Bei der Ausfahrt denke ich das oft schon nicht mehr. Aber nichts gegen Otti-Botti. Ein Corona-Kunstprojekt aus bemalten Steinen geleitet den Weg in den Ort, der Sportplatz von Otti-Botti ist tippi-toppi, die CDU wünscht hier und da auf großen Bannern einen „Schönen Sommer!“ und Sonnenblumen stehen am Ortsausgang wie neugierige Zuschauer Spalier.

Weiter nach Ascheberg, will ich gar nicht hin, geht aber nicht anders, wüsste jedenfalls gerade nicht, wie. Direkt an der A1 gelegen, dominieren Lager- und Logistikhallen das Stadtbild (zumindest in der Peripherie, aber mehr werde ich heute von Ascheberg nicht mitbekommen). Tschüß. Und ab jetzt wird’s richtig schön. Über Landwirtschaftswege geht es an zahlreichen Höfen, Heu und Hühnern vorbei ins Touri-Nest Nordkirchen. Auf dem Mauritiusplatz, der leider nicht wegen der Insel so heißt, lässt es sich vorzüglich Eis essen, im Schlosspark herrschaftlich Kinderwagen oder sonst was hin und herschieben und der blaue Blick auf das „Westfälische Versailles“ lässt die Herzen aller Freunde der Symmetrie in die Wolken gehen. Nachdem das Schloß über die Jahrhunderte von einem hochverschuldeten Herzog zum anderen vererbt wurde, muss man heute dankbar sein, dass das Land die Gebäude in seine Obhut nahm und nebenbei seine Finanzschule hier unterbrachte. Vielleicht ein guter Ort um zu lernen, wie man mit Geld umgeht.

Von Nordkirchen ist es ein Dreiviertelstündchen bis Lüdinghausen. Unterwegs passiere ich die winzige „Alte Schule“ von Bechtrup oder Getrup, nein: Westrup! Man kann sich bildlich vorstellen, wie zwei Handvoll Bauernkinder über den Hof toben und beim Läuten der Turmglocke brav in die Klasse eilen. In der 25.000-Einwohner-Stadt Lüdinghausen, die erst seit kurzem wieder durch ihr eigenes Autokennzeichen ungeahnte Präsenz erreicht, schießen die Burgen aus dem Boden. Also sie schießen nicht aus dem Boden, denn sie sind ja schon lange dort, aber äh. Es gibt drei! Die meisten Städte haben nicht mal eine. Drei! Da ist einmal „Die Burg.“, wie sie sich selbst nennt, also „die Burg“ Vischering, tatsächlich aber ein Prachtexemplar, hat man sie der Gräfte entlang umrundet, möchte man es gleich noch einmal tun. Giebel, Gauben und Erker spiegeln sich im trübtauben Gewässer und bei „Junker Jörg“ kaufe ich ein Burgbrot. Ein paar hundert Meter die Stever hinunter dann die zweite Burg, die ursprünglich dem Herrn von Lüdinghausen gehörte (während Burg Vischering irgendwem anders gehörte, der sich mit dem Herrn nicht grün war). Auch schön, aber entweder bin ich nach dem Anblick von Burg Vischering schon satt, oder Burg zwo ist halt nicht so schön wie Burg eins. Burg drei schaffe ich dann nicht mehr, stattdessen juckel ich noch etwas kreuz und quer durch die hübsche Altstadt, versuche die schiefschrägen Fahrradständer vor der Musikschule ins Bild zu kriegen, erfahre vom Branntweinbrenner „mit dem zweiten Gesicht“ (er konnte Dinge vorhersehen, ob mit oder ohne Branntwein ist nicht näher erklärt) und fühle mich von der Uhr aus der Stadt getrieben. Wollte ich nicht nur eine kleine Runde drehen?

Auf dem Weg zur nächsten Burg kommt die nächste Burg, die ich aber erst bemerke, als ich mich an ihr vorbeifahrend wundere. Über eine nutzlose Brücke, die parallel zu einer Straße führt. Über diese eigentümliche Anlage von Burg Kakesbeck, kaum sichtbar und scheinbar halb verfallen und doch so voller Leben, dass Flötenklänge über den Wassergraben hinüber dringen. Darüber, dass man überhaupt auf so einer Burg leben kann.

Das letzte Stück führt am Kanal entlang zum Schloss von Senden. Auch dieses steht verschlossen hinter seinem Wassergraben und reibt sich noch müde die Augen vom jahrzehntelangen Dornröschenschlaf. Immerhin wird fleißig saniert und ich bin voller Hoffnung, bald einziehen oder wenigstens einige Blicke hinein werfen zu können.

Am Ende stellt sich raus: Es gibt einen Radweg namens „100-Schlösser-Route“. Mir reichen heute allerdings fünf, für einen Tag eine gute Ausbeute.

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Ehrlich, herrlich.

16 km vom Gysenbergpark in Herne über Castrop-Rauxel und die Siedlung Teutoburgia, anschließend eine kleine Radtour durch die City.


Ich werde ja oft gefragt, warum ich jetzt so viel im Ruhrgebiet wandere. Nee, eigentlich werde ich fast nie gefragt und so lange mache ich es ja auch noch nicht, aber täte mich heute jemand fragen, ich müsste gar nicht antworten, sondern nur den Arm ausstrecken: Wälder, Wiesen, Straßen, Häuser und Industriekultur, alles durcheinander wie in einer Mischtüte und alles darf so sein, wie es ist. Der Wald wird nicht bewirtschaftet wie sonstwo, das lohnt nicht, außerdem ist das Grün hier wertvoll. Die Häuser tragen die Patina vergangener Tage und verlaufen kann man sich nicht, wie eine Bowlingkugel stößt man sich an Autobahnen, Bahnstrecken und Schrebergärten und rauscht mit Karacho in die nächste Großstadt, von der man zwar ahnte, aber nie wusste, wo genau sie sich befindet. Heute also: Herne.

Start ist am Gysenbergpark, genauer: an der Hannibal-Arena. An der Tür nur ein Schild: der Eiswart sei in Notfällen unter folgender Telefonnummer erreichbar. Der Gysenbergpark schläft noch, doch später wird er zum Mekka erholungsuchender Familien, später werden hier Schlangen vor der Gelateria stehen, im kleinen Freizeitpark werden die Mädels und die Bremsen quietschen und auf der weitläufigen Wiese werden mehr Bälle geschossen und geworfen als in Wimbledon, Maracana und St. Peter-Ording zusammen.

Der Weg führt durch den schönen Gysenberger Wald und dann durch das idyllische Auengebiet Langeloh. Die Menschen sind bestens gelaunt, ein jeder trägt ein Hallo auf den Lippen und ärgert sich höchstens über den eigensinnigen Hund, der mal wieder nicht so recht hören will. Weiter geht’s durch die ehemalige Zechensiedlung Obercastrop, die an diesem Pfingstmontag wie verlassen wirkt. An der Bahnlinie entlang laufe ich zügig durch ein Industriegebiet, hier gibt es nichts zu genießen, außerdem ist es mittag und furchtbar heiß. Angenehmer wird es wieder hinter der A42, im Castroper Holz, wo die Erzieherinnen eines Kindergartens bitten, die bunten Steine liegen zu lassen, die seien für die Kinder. Wie überall wird auch hier auf den Wiesen das Heu gewendet. Der Weg macht einen Bogen und es geht zurück Richtung Süden durch den Kunstwald Teutoburgia, wo einstmals die Zeche stand (jetzt Kunst), und die angrenzende, sehr schöne Arbeitersiedlung.

Zum Abschluss laufe ich einen Berg hinauf, wo mich der Kaiser-Wilhelm-Turm erwartet, zu dessen Füßen sich der Ascheplatz des SV Sodingen ausbreitet. Es wirkt, als sei der Wasserturm dazu da, um das Spielgeschehen zu überblicken. Aber dem ist nicht so. Jedenfalls nicht primär.

Vom Berg runter erreiche ich wieder den Gysenbergpark, in dem, wie gesagt, nun die Affen tanzen. Es ist noch früh, also beschließe ich den Ausflug mit einer Stadterkundung per Rad. Ich gerate zum Trümmerfeld der abgerissenen Zeche Mont Cenis, auf dem sich nun ein schickes Fortbildungszentrum befindet.

Hinter dem Bahnhof entdecke ich Schloß Strünkede, dessen Vorläufer sich hier schon vor knapp tausend Jahren befanden. Ein schöner Park drumherum lädt zum Verweilen ein.

Im Park: das „Stadion am Schloß Strünkede“, dessen Kapazität von 32.000 Zuschauern davon zeugt, dass Herne zum einen eine Großstadt ist, zum anderen der heimische SC Westfalia zwanzig Jahre lang erstklassig spielte, bis 1963 – heute jedoch nur noch fünftklassig. Durch die sehr lebendige Fußgängerzone, an deren Ende mich das moderne Museum für Archäologie überrascht, strampele ich zurück und erhole mich beim Anblick kickender Kinder mit einer kalten Cola.

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