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Baltrum (6)

Fläche: 6,5 km²
Einwohner: 496
Übernachtungen: ?

Wenn man mich fragt, wo‘s am schönsten war, sag‘ ich: Baltrum. Heiaoaheia, Heiahoahe. Dabei liegt es vermutlich nur am Kurze-Hosen-Wetter, dass es mir hier so gut gefällt. Vielleicht aber auch daran, dass mir niemand gesagt hat, wie schön es hier ist. Alle nur so: Baltrum? Ach, Baltrum. Der kleine Flecken zwischen Norderney und Langeoog, „nee, da war ich noch nie“ und vielleicht sagte auch jemand „da soll es nicht so schön sein.“, aber das weiß ich nicht mehr. Ich vergrabe meine Objektivität am Nordseestrand, kaufe mir das Lustige Taschenbuch, Sonderedition „Ein Tag am Meer“ – Nomen est omen – und flüchte vor der fiebrigen Sommersonne in einen rot-weiß gestreiften Strandkorb.

Was hatte ich mir für einen Stress gemacht, vorher. Vom plötzlichen Schulbeginn übertölpelt und mit der Angst, mein ohnehin coronabedingt wackeliges Reisegerüst könne irgendwo zwischen Lehr- und Fährplänen zusammenbrechen, stürzte ich mich Freitag mittag auf die Autobahn. Kaum war ich angekommen, mutterseelenallein, klitschnassgeschwitzt und viel zu früh am Kai, dachte ich: So nie wieder. Aber wie dann?

Baltrum – mein Dornröschen der Nordsee. Diesen Slogan schuf der ehemalige Badedirektor Wilhelm Vogel (wer kennt ihn nicht?) bereits in den 20ern, also in den letzten, und… Moment? Dornröschen? Hundertjähriger Schlaf? Es dürfte dann nicht mehr lange dauern, bis Baltrum erwacht, doch wie genau soll das aussehen? Schon jetzt scheint das Eiland längst kein Geheimtipp mehr zu sein, allein seine mangelnde Größe schützt es davor, vom Mobilismus und Massentourismus überrollt zu werden. Andererseits habe ich bis heute keine schlüssigen Übernachtungszahlen gefunden: 14.000 im Jahr? Klingt angesichts von einer Million auf der nun auch nicht wesentlich größeren Insel Wangerooge wie ein Missverständnis. Die Häuser jedenfalls sind nach Baujahr nummeriert. Es gibt drei- oder vierhundert, in den meisten wohnen Gäste und die Alarmglocken schrillen leise von den Pinnwänden – Gesucht: Wohnraum für Menschen, die auf Baltrum arbeiten! Für die Kassiererinnen, Bademeister und Küchenkräfte! Ist kaum noch zu kriegen. Warum ist die Insel auch so klein? Vor vierhundert Jahren war sie viel größer, verlor große Teile ans Meer und an den versnobten Nachbarn Norderney – Gottlob wird heute auf sie aufgepasst, wie auf fast allen Ostfriesischen Inseln schützen Buhnen und massive Uferbestigungen die Insel vor weiterem Landverlust an der Westseite, von den Deichen ganz zu schweigen: Well ne will dieken, de mutt wieken (was auf Hochdeutsch noch ein bisschen blöder klingt: Wer nicht weichen will, muss deichen.)

Der erste Abend ist der Hammer: weiter Strand, weites Meer, weite, warme Luft, kaltes Jever, olivgrüner, nee, orangeroter (aber das klingt so abgenutzt) Sonnenuntergang, dann diese ins familiäre abdriftende Urlaubsstimmung, die ich auf keiner anderen Insel so erlebt habe, so als würde jeder jeden schon ewig kennen, und plötzlich: ein Soundcheck an Strandabschnitt B – drei bärtige Männer spielen Coversongs für lau, Joe Cocker’s „summer in the city“, Bob Marley’s „no island no cry“, dann der Höhepunkt: „Wenn ich König von Baltrum wär’.“ In der Trinkpause schlendere ich weiter zum „Sonnenuntergangscafé“, das seinem Namen alle Ehre macht. Ein völlig gemischtes Publikum aus bunten Kindern, Jugendlichen, Eltern und polobehemdeten Senioren sitzt und steht auf den Stufen und erfreut sich am farbwarmen Versinken der Sonne. Es ist herrlich.

Am nächsten Morgen brennt der gelbe Ballon schon früh lichterloh, die Insel ist fast schattenlos. Im ersten Haus am Platz, einem ich glaube 90-jährigen Schnickschnackgeschäft, kaufe ich eine Matrosenmütze, reserviere mir einen Strandkorb, siehe oben – ich glaube, nur Baltrum erlaubt es sich, die Dinger unabgeschlossen herumstehen zu lassen – und – erst die Arbeit, bla, bla, bla – fotografiere noch schnell die wichtigsten, allerdings viel zu stark beleuchteten Baudenkmäler: die große evangelische und die kleine katholische Kirche, letztere mehr Wikingerhauptquartier als Gotteshaus, aber sehr hübsch, eine Besucherin versteigt sich gar zu der Bemerkung: „Eine der schönsten Kirchen, die ich je gesehen habe!“ Interessant, ne, welche Bedeutung den Worten „ich“ und „je“ hier zugute kommt, zwischen 2 und 20.000 „je gesehenen“ Kirchen, die eine einzige Person gesehen hat, ist ja alles drin und davon abhängig der Wert des Urteils, das aber dennoch erstmal beeindruckt. Der Rest des Tages also Strandkorb, Salzwasser und Lustiges Taschenbuch. Mich wundert, dass es aus den Körben ringsum nur zu schwäbeln scheint. Großmutter: „Letschtes Jahr ware ma auch hier, des war herrlisch. Aber dies Jahr mit de Kinder, desch is kei Urlaub.“ Pause. „Um Gottes Wille, ich liebe de Kinder, aber Urlaub isch des net.“ Womit wir beim Thema Kinder wären. Gibt es hier reichlich, wobei ich nicht weiß, ob ich das nur deshalb erwähne, weil ich las, Baltrum sei „die Kinderinsel“. Also nicht nur Dornröschen, sondern auch Kinder. Was stimmt: Es gibt viele, aber gut, es sind ja auch Ferien. Und: für Kinder ist es toll: kurze Wege, viel Strand und keine Autos. Umso mehr sticht der Flugplatz heraus, auf dem so ungefähr im Minutentakt winzige Propropropellermaschinen quietschend auf die Landebahn setzen und knatternd von ihr abheben, während neben dem Rollfeld einige ungewöhnlich kräftige Pferde grasen.

Wie geht es weiter? Ich weiß es nicht mehr. Es ist Sonntag, einer dieser halben Tage, an denen man schon den Rucksack für die Abreise mit sich rumschleppt und trotzdem noch einige Stunden zu verbringen hat. Also laufen, doch noch. Am Westende fischen zwei Jungs, ein Stück weiter reckt und streckt sich eine Yoga-Runde. Unten, an der Wattseite, haufenweise Wanderer, verteilt auf kleine Grüppchen. „Auf einem Quadratmeter scheißen hier also 14 Wattwürmer!“, höre ich einen Führer euphorisch ins Publikum brüllen. Dann Salzwiesen, Rotschenkel, Lachmöwe, Ringelgans. Ich komme am Ostende der dann doch überraschend großen Insel raus und stelle fest: sieht aus wie immer, also wie fast immer. Oben, am Strand, stechen mir diese linealartigen Muscheln, wie heißen die, ins Auge.* Sind mir sonstwo nie aufgefallen. Mal abgesehen von all diesen Pflanzen, die ich fast jedesmal sehe, und die ich auch nicht kenne – außer Strandhafer, Distel und Hagebutte. Am Ende werde ich auf zwölf Inseln gewesen sein und nichts als Sand im Kopf haben. Aber wenigstens das. Vielleicht liegt es auch gar nicht nur am Kurze-Hosen-Wetter, dass es mir hier so gut gefällt. Vielleicht ist Baltrum einfach so Dornröschen, dass es sich lohnt, ihr sein Herz zu schenken.

*Ich recherchiere: Schwertmuschel! Von Frachtschiffen aus Amerika eingeschleppt!

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Pellworm (5)

Fläche: 37,4 km²
Einwohner: 1.142 (2018)
Übernachtungen: 0,16 Mio. (2018)

Eigentlich beginnt hier ein anderes Kapitel. Würde ich mich über meine Ziele vorab informieren, ich hätte es wissen können, doch so kam mir der Verdacht erst, als ich mich auf der Fähre „Pellworm“ auf dem Weg zu eben jener Insel befand. Außer mir an Bord nur einige in sich gekehrte, darunter ein Mann mit einer Violine und eine Frau, deren Gesicht sich hinter einer überdimensionalen Sonnenbrille verbarg. Dass es sich um ein neues Kapitel handeln würde – oder vielleicht auch ein ganz eigenes –, wurde mir aber so richtig klar, als ich mit dem Leihrad eine erste Runde über die Insel drehte, von der ich zwischenzeitlich vergaß, dass sie eine ist. Genau so gut hätte ich irgendwo in Dithmarschen oder vielleicht in der Prignitz, wobei: nein. In der Prignitz gibt es keine Deiche. Noch nicht. Außerdem: diese Ruhe. Das kannte ich von den Ostfriesischen gar nicht. Es scheint, als sei Pellworm ein Geheimtipp, seines eigentümlichen Namens wegen verpönt, vielleicht fehlen die Massen auch „aufgrund der aktuellen Lage“, wie es allerorten heißt. Andererseits: Aktuelle Lage hin oder her, wo sollten die Massen hier hin? Nicht, dass es nicht genug Platz gäbe, es gibt reichlich! Aber keine Hotels oder Ferienparks, die diese Massen beherbergen könnten. Entsprechend liest sich die Zahl der Übernachtungen: gerade mal 164.000 im Jahr 2018, verglichen mit beispielsweise Borkum (um die 2,5 Millionen) ist das wie ein dünner Friesentee im zweiten Aufguß. In einer Studie lese ich, dass man sich zum Ziel gesetzt hat, daran was zu ändern (nach oben hin), dass dabei aber um Himmels Willen kein zweites Sylt entstehen soll. Naja. Auf Sylt war ich noch nicht, doch es klingt zunächst als vergleiche man Kartoffeln mit Kaviar. Zudem: Auf Pellworm sehe ich null Meter Sandstrand. Raum für Golfplätze hingegen wäre reichlich vorhanden. Noch etwas: während auf den Ostfriesischen Inseln die Bevölkerungszahlen stetig steigen, geht der Trend hier konsequent nach unten: Ältere sterben, manch einer zieht weg, Häuser werden an Landratten verkauft, die diese als Ferienhaus verwenden oder, im besseren Fall, vermieten. Schade eigentlich. Nur mit Mühe kann ich die Illusion aufrecht erhalten, Pellworm sei ein Stück heile Welt.

Es regnet. Ich sitze im Aufenthaltsraum meiner Herberge und frage den Hausherrn, wo die Betonung liege, auf „Pell“ oder auf „worm“ (Ich hab’s immer so mit der Betonung. Vermutlich habe ich einfach paranoide Angst davor, den Namen einer Insel falsch auszusprechen und von den lokalen Möwen ausgelacht zu werden).
Ich also: „Sagt man „PELLworm“ oder „PellWORM“?
Er: Das weiß ich nicht. Ist egal. Pellworm kennt ja auch keiner. Fragen alle: Pellworm? Was soll das sein? Was zu essen?
Ich: Ist halt nicht so bekannt wie Föhr oder Amrum. Aber hat ja auch sein Gutes.
Er: Nee, hier ist nix los. Manche Leute kommen hierhin und sagen: Was ist denn hier los? Wenn ich begraben werden will, gehe ich auf den Friedhof!

Danach ging es um Corona und die Auswirkungen für das Gastgewerbe, ich erspare Euch die Details. Der Mann schien jedenfalls reif für die Insel, wenn auch eher nicht für Pellworm.

Nachdem sich der Regen gen Festland gewandt hat, steige ich in die Pedale und umfahre die Außenlinie, geschätzte 25 Kilometer, rechts der durchweg von Schafen okkupierte Deich, links der Blick auf sattgrüne Wiesen und Weiden. Immer wieder tauchen idyllische, reetbedeckte Häuser auf. Man meint: in genau diesem Haus leben doch der kleine Bär und der kleine Tiger! Man möchte reinschauen und Moin sagen, doch vielleicht suchen sie ja gerade Panama oder der Bär kocht Bouillon. Also weiter.
Der alte Kirchturm von Sankt Salvator, der 1611 zur Hälfte einstürzte, ragt 26 Meter empor und ist heute das Wahrzeichen der Insel. Deich, Schafe, Reetdach, dann: Der imposante Leuchtturm von 1906, klassisch rot-weiß – angeblich der erste, in dem man sich trauen lassen konnte. Schließlich Tammensiel, der Hauptort der Insel, dem sein aufgezwungenes Wachstum nicht zum Vorteil geraten ist: alte, schöne und neue, hässliche Backsteinbauten wie wild durcheinander, dazwischen einige etwas dröge Geschäfte, das Freizeitbad „PelleWelle“, ein bisschen Leerstand, ausrangierte Gabelstapler und Traktoren. Kein Vergleich mit den Seebädern Ostfrieslands, natürlich nicht, schon historisch fällt Pellworm völlig aus dem Rahmen: ursprünglich mit dem Festland verbunden erwuchs durch mehrere Sturmfluten eine Insel, die nur durch konsequentes Eindeichen und stete Deicherneuerung überhaupt zu halten war. Ohne Deich also kein Pellworm. Von Seebad oder Sandstrand kann demnach keine Rede sein, auch wenn es rund um die Insel Badestellen gibt, allerdings nur bei Flut zu gebrauchen. Bei Ebbe: Watt. What? Watt. Endlos. Nur irgendwo in der Ferne lässt sich das offene Meer erahnen. Dazwischen: Halligen. Die Hallig Hooge lässt sich prima erlaufen, nur geführt, zu fester Zeit, wieder mal bedauere ich die Kürze meines Aufenthalts. Die Warften von Nordmarsch-Langeneß ragen im Norden wie kleine Festungen aus dem Watt (zuerst dachte ich, es seien Kriegsschiffe, aber so weit ist es dann doch noch nicht.) Ein Wunder, dass da jemand wohnt. Im Westen die kleine Hallig Norderoog mit dem Vogelwärterhäuschen. Oben: nix. Unten: Watt.

Während auf allen Inseln, wie sollte es anders sein, mit „Moin“ gegrüßt wird, passiert es mir hier zum ersten Mal, das wirklich jeder, dem ich begegne, „moint“, selbst die Schwerfälligen oder mit dem falschen Bein Aufgestandenen nicken grunzend, wenn auch widerwillig. Spräche ich platt, ich würde mich fast heimisch fühlen: auf „So löpt dat hier:“ folgen die Corona-Regeln (es brauchte eine Weile, bis ich verstand, was mit „Snutenpulli“ gemeint ist) und an der Feuerwache steht „Ob Füür ob Floot – Wi helpen in Noot“. Es gibt erstaunlich viele Orte auf Pellworm, nach jeder Kurve, meint man, beginnt schon der nächste, auch wenn der vorherige noch gar nicht zu Ende war. Schönster Name: Tilli. Andere heißen Waldhusen oder Nordermitteldeich, wo es zwischen Rosenranken und alten Bäumen Tee und Friesentorte gibt – eine köstliche Sahne-Baiser-Torte mit Pflaumenmus. Die alte Nordermühle im Rückspiegel betrachtend komme ich wieder zum Ausgangspunkt, der Hooger Fähre ganz im Nordwesten. An den Badestellen kauern Menschen in Windjacken und vereinzelt lassen Kinder Drachen steigen. Es ist erschreckend wenig los auf dieser Insel, immer wieder muss ich mir ins Gedächtnis rufen, dass nicht Oktober, sondern Juli ist, doch gerade diese weite Ruhe und ruhige Weite müsste man als alleiniges Wesensmerkmal Pellworms doch gewinnbringend vermarkten. Oder besser nicht, damit es so bleibt.

Am nächsten Morgen sitze ich am Watt und lausche. Diese Stille gepaart mit der Weite. Sofort denke ich, diesen Moment konservieren zu müssen. Erst nach ein paar Minuten bemerke ich, dass die Stille von kaum wahrnehmbaren Geräuschen unterlegt ist. Etwas klackt, etwas kratzt, etwas blubbt, aber wo? Erneute Minuten später sehe ich, dass das Watt lebt. Da kriecht eine Schnecke über den Rücken einer Muschel, da noch eine und noch eine! Die Ebbe hat ein kleines Universum freigelegt, an dessen Rand ich staunend stehe und es nicht wagen würde, dieses Schauspiel mit einem Räuspern zu unterbrechen.

Das Handy vibriert in die Stille. Steffi schreibt, sie habe gelesen, dass man Pellworm entweder hasst oder liebt. Ich glaube, ich habe mich schon entschieden.

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Wangerooge (4)

Fläche: 7,94 km²
Einwohner: 1.264 (2017)
Übernachtungen: 1,00 Mio. (2017)

Wer hätte das gedacht? Ich nicht. Ich hätte gedacht, dass es erstens im Juli unerträglich voll sein würde und außerdem zweitens eher warm, jedenfalls nicht so herbststürmisch – wie es den Koten hier gerade die Kapitänsmützen vom Kopfe weht! Und drittens, dass der Turm zwar da steht, neben der Jugendherberge, man aber nicht in ihm übernachten kann. Ich verlasse den selbigen um kurz nach zehn wie ein Seemann auf schwankenden Planken im Orkan, nur ohne Ölzeug, ich kämpfe mich dreißig Schritte voran und bin jetzt schon völlig durchnässt, dabei kommt der Regen nicht von oben, sondern von der Seite oder von unten. „Zurück zum Turm!“, brülle ich leise gegen das feuchte Gebläse an, um zehn Minuten später von drinnen zu beobachten, wie die Sonne die Insel in ein grüngelbwarmes Licht taucht und mich das Piepen der Vögel wieder nach draußen ruft.

Wanger-ooge, so viel habe ich schon gelernt, wieder so eine Insel, die ich bis zum Sankt Nimmerleinstag falsch ausgesprochen hätte, nämlich Wange-rooge, hätte ich sie nicht besucht. Die Insel (=ooge) des Wangerlands. Das beinhaltet eine Art Sonderstatus, denn Wanger-ooge – ich schreibe das noch ein paar Mal so, mit Bindestrich, damit es sich festigt – ist die einzige der sieben Ostfriesischen, die nicht zu Ostfriesland (Aurich, Leer, blabla), sondern zum Jeverland gehört, weswegen an dem vorderen Wortbestandteil auch kein Weg vorbei führt. Im Gegenteil, obwohl ich rasende Kopfschmerzen habe, sitze ich schon an Bord der MS Harlingerland mit einer kleinen, grünen Flasche an Deck. Und sei es nur, um zu feiern, dass das Schiff so klein ist und nicht mal voll besetzt, von den fehlenden Autos mal ganz zu schweigen. Es mag am Bier oder an den intensiven Schiffsabgasen liegen, die der Wind in meine Nase weht, dass die Schmerzen wie weggeblasen sind, als wir in Wangerooge, Verzeihung: Wanger-ooge, festmachen.

Wie gesagt, ich übernachte im Westturm, dem dritten. Es gibt zwar nur einen, aber die zwei vorherigen sind überflutet und oder abgerissen worden. Dieser hier wurde vor achtzig Jahren erst errichtet, aus angeblich 500.000 Steinen (ich zähle mal nicht nach und glaube es einfach), diente der Hitlerjugend und dann, als der erste Wortbestandteil wegfiel, eben nur noch dem zweiten. Durch den Turm pfeift es wie verrückt, man müsste einzelne Fenster systematisch öffnen und schließen, dann könnte man ihn wie eine Blockflöte benutzen.
Rings um den Turm, ganz im Westen der kleinen Insel, liegen einige Schullandheime. Schalksmühle, Bielefeld, Bünde – sie alle haben hier irgendwann (meist in den Fünfzigern) ihre Schullandheime errichtet, ich wusste gar nicht, dass es so was noch gibt. Ich finde sie ihn einer Art unruhigem Dämmerschlaf, ohne Corona wäre hier vermutlich mehr, also überhaupt was, los. An der Buhne H, dem „größten Buhnenbauwerk Deutschlands“, das anderthalb Kilometer ins Meer reinragt, wovon ich allerdings höchstens 200 Meter sehe, warte ich um kurz nach neun auf den Sonnenuntergang. Ob mir der Unterschied zwischen Buhne und Bühne in diesem Moment klar ist, kann ich nicht sagen. Die Sonne will jedenfalls gar nicht verschwinden, sie versteckt sich erst hinter einer Schicht Wolken, kommt dann wieder hervor und verschmilzt dann in aller Seelenruhe wie eine Kugel Schokoladeneis langsam mit dem Meer. Möwen surfen mit erstaunlicher Leichtigkeit im böigen Westwind. Nachts schickt der Leuchtturm alle vier Sekunden sein tiefrotes Licht in mein Badezimmerfenster und man kann gar nicht anders, als vom Meer zu träumen.

Die Inselumrundung, der ich auf Borkum eigentlich abgeschworen hatte, erlebt auf Wangerooge einen zweiten Frühling – ob es mit der Größe der Insel zusammenhängen mag? Hmm… Nachdem ich die 4 Kilometer bis ins Inseldorf geblasen wurde und dort feststellen muss, dass das berühmte Café Pudding (wer es auf dem ehemaligen Bunker an der Strandpromenade thronen sieht weiß, warum es so heißt) montags geschlossen ist, gehe ich an den Strand. Strandkörbe stehen wie Legionen in Reih und Glied dem Wind abgewendet und – wer hätte es gedacht? Es ist Sommer. Zwar weniger meteorologisch, das sagte ich ja bereits, aber halt kalendarisch: Kinder baggern wie blöde, von der Meteorologie unberührt, im Sand, springen in die Wellen, Erwachsene dösen kalendarisch ausgepowert und meteorologisch angefressen im Liegestuhl. Es ist ja bei den Inseln so: Es gibt die, die immer auf die Eine fahren, Wangerooge aus Prinzip sozusagen, und es gibt die, denen ist die Insel letztlich Wurst, Hauptsache es ist eine. Wangerooge: schön, aber beim nächsten Mal kann es auch Baltrum oder vielleicht doch wieder Mallorca sein. Auf Wangerooge gibt es hierfür einen Code: 1804. Wer Shirt, Hoodie oder Kappe mit „1804“ trägt, ist mehr als ein Besucher, er outet sich als Fan. Nicht wenige reisen schon im 1804-Dress an und es würde mich nicht wundern, wenn eine Horde Ultras am Strand noch eine pyrotechnisch unterlegte Choreo machte.

Die Wellen sind neckisch, schlagen schäumend an den Strand, ab und an übertreibt es eine und flutet unter großem Geschrei eine Sandburg. Ich laufe dem Strand entlang nach Westen, mache ein Nickerchen in den Dünen, laufe weiter, werde von einem „Mein Schiff“, das sich überraschend nah an der Insel entlangschält, haarscharf überholt, laufe weiter, und je weiter und weiter und weiter ich laufe, desto mehr fürchte ich den Rückweg, den harschen Gegenwind, der mir den Sand wie einen grobkörnigen Shitstorm ins Gesicht pusten wird. Und genau so kommt es. Am Westende, von dem aus man nichts als die unbewohnte Minsener Oog erblickt, folgt der Turnaround, es regnet Sand von vorne und von hinten, die Sonne, die ich gar nicht auf dem Schirm hatte, knallt mir plötzlich so sehr ins Gesicht, als wolle sie die Gelegenheit nutzen, mir nochmal einen kräftigen Sonnenbrand zu verpassen (sie tut es.) Irgendwann, wie immer im Osten der Insel: der Flugplatz, wie immer: in einer Art Wachkoma. Wobei man das so ja nicht sagen kann, vermutlich war es ja nie anders, also Wachkoma lebenslang. Und dann, auch wie immer: mit letzter Kraft ins Café. Pudding hat immer noch zu, ist erstaunlicherweise immer noch Montag, also „Der Inselbäcker“, dort gibt es „frisch gekochten Bienenstich“. Er liegt an der Zedeliusstraße, die man eigentlich – wie alle Hauptstraßen auf allen Inseln – meiden sollte. Auch hier. Trotzdem ist die Innenstadt herrlich dörflich und entspannt – man merkt dem Ort seine geringe Einwohnerzahl an und freut sich eigentlich pausenlos, dass es keine Autos gibt und man von einer bestimmten Klientel verschont bleibt. Wangerooge sagt, sie sei Familieninsel und liegt damit wohl nicht ganz falsch. Im Kurpark grasen ein paar Krähen, im Inselkino läuft das perfekte Geheimnis, vor dem Standesamt warten kleine Jungs mit Jacket und Fliege auf die zu verheiratende Verwandtschaft und der alte Leuchtturm nimmt achselzuckend in Kauf, dass er auf unbestimmte Zeit zum Anschauungsobjekt degradiert wurde. Am Kriegsgräberfriedhof entlang geht es zurück zum Westturm. Wangerooges Glück war zur Kriegszeit ihr Pech: die Lage. An der Ausfahrt des Marine-Headquarters Wilhelmshaven gelegen wurde Wangerooge damals zur Festung ausgebaut und kurz vor Kriegsende noch schnell in einen Bombenhagel gelegt. Ein Schicksal, dass sich Wangerooge, so wie den Bäderantisemitismus, mit den meisten anderen Kurinseln teilt.

In der Jugendherberge sitzt man zu fester Zeit an festem Platz. Essen A: Asiatische Reispfanne mit Hähnchenbrust. Essen B: Asiatische Reispfanne mit Tofu. Ich sitze am Tisch der Alleinreisenden, zusammen mit einer verwitweten Frau, deren Namen ich nicht weiß, obwohl wir uns zunehmend gut verstehen und noch besser unterhalten oder andersrum. Komischerweise reden wir weniger über die Insel als über Israel. Vielleicht erinnere ich mich aber auch schlecht. Ich hatte mich jedenfalls immer für fortschrittlich gehalten, bis jetzt, bis zu dem Zeitpunkt, wo mir diese Frau, die meine Mutter sein könnte, begeistert ihre AppleWatch erklärt. Nun ja, jede Insel bringt auch irgendeine Selbsterkenntnis.

Als ich am nächsten Tag im Schauerregen am kaiserlich überdimensionierten Bahnhof von Wangerooge mit einer Handvoll anderer Touristen auf den Zug zum Hafen warte, frage ich mich, wie es hier normalerweise zugeht, ich meine: diese Infrastruktur ist ja auf ganz andere Menschenmengen ausgelegt. Was würde ich erleben, hätte ich mein Projekt nicht in diesem, sondern im letzten Jahr durchgeführt? Es würde mich reizen, das herauszufinden – und gleichzeitig bin ich froh darüber, es nicht erfahren zu müssen. So bleibt die Erinnerung an den Wind, den Turm, die Ruhe, den lebendigen Strand und das Jahr der ersten Badesaison: 1804.

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Borkum (3)

Fläche: 30,74 km²
Einwohner: 5.200 (2019)
Übernachtungen: 2,52 Mio. (2017)

Die MS Ostfriesland ist mit dem „Blauen Engel“ ausgezeichnet, nicht etwa wegen ihres hohen Alters von 35 Jahren, sondern wurde sie auf Flüssiggasantrieb umgestellt, Hashtag: wiewillstdureisen. Wir dieseln also nicht, wir gasen – wenn man das so sagen darf – vom Emder Außenhafen raus auf die Ems und in die offene See. Links und rechts Windräder, und zwar nicht mal zwei, drei, sondern hunderte, man könnte meinen, der Strom für ganz Deutschland würde hier gewonnen.

Wer hätte das also gedacht? Es ist Mitte Juni, drei Monate nach Lockdown, und ich kann mein Inselprojekt fortsetzen, alles wieder normal. Alles? Nicht alles. Aber vieles. An Bord herrscht strenge Maskenpflicht, gleichzeitig wird das Angebot des Bordbistros gepriesen. Draußen, „auf Deck“, darf man sich maskenlos in der angenehmen 17-Uhr Sonne aalen.

Nach zwei Stunden erreichen wir Borkum, den südlichsten und einst künstlich angelegten Zipfel, genannt: Reede. Ein Großteil der Fahrgäste steigt in die Kleinbahn und ich laufe zusammen mit zwei Familien zur nahegelegenen Jugendherberge. Ist sie es? Oder ist es eine Kaserne? Beides! Wobei, das eine ist es, nämlich eine Jugendherberge, das andere war es, bis 1996. Heute: die größte Jugendherberge Deutschlands, 600 Betten, ein riesiges Gelände, Bundeswehr-Charme, und ich dank Corona allein mit einer Handvoll weiterer Gäste, herrlich. Auch hier allerdings: strenge Regeln. Im Gang nur rechts gehen, Maske auf, Essen wird mit Abstand ausgegeben und – dem Geschmack nach zu urteilen – vor Ausgabe gründlich sterilisiert. Ja ja ja. Der Abendspaziergang ist ein wahres Pläsier: neben der Kaserne das unendliche, feuchte und piepsende Wattenmeer – Borkum ist aufgrund seiner Größe und Landschaftsvielfalt Hotspot vieler Vögel, Austernfischer, Kiebitze, Möwen, Gänse en masse, immer wieder auf eine aufgeregt auf der Stelle flatternde Rohrweihe, bereit zum Zugriff. Auf der anderen Seite der Hafen inklusive einiger verlodderter Baracken und Baufahrzeuge, so wie ich’s gern hab. Zur Belohnung noch ein Herforder (!) im „Teacher’s Inn“, der herbergseigenen Pinte.


Am nächsten Tag: Aufbruch zur traditionellen Inselumrundung, knapp dreißig Kilometer, machbar. Nach fünf Kilometern: Abbruch. Eine erbarmungslose, fette Hitze, diesig, als hätte jemand eine Glocke auf die Insel gelegt oder bilde ich mir das ein, mir schwindelt, vielleicht habe ich die Platte zu schnell zu hoch gedreht, meine Restenergie verdampft jedenfalls in Windeseile am Südstrand, wo ich mir erstmal einen blau-weißen Strandkorb miete und in ein mehrstündiges Koma falle. Meerjungfrauen und Klabautermänner buddeln im Sand und draußen, auf den flachen Wellen, laufen die Männer zum Walfang aus. Als ich aufwache, leihe ich mir ein Herrenrad, kaufe zwei Flaschen Wasser und versuche, wieder klarzukommen.


Die Abendrunde wird wieder zum Highlight. Am Nordstrand schwirrt die Sonne in Ekstase ihrem Feierabend entgegen, wie Schaulustige stehen einige Betonklötze an der Promenade und gaffen auf die See, und auf dem Hohen Riff, dass dem Strand Jahr für Jahr ein Stück näher kommt, faulenzt eine Bande Robben. Zurück durch die City. Auf Borkum gibt’s zu viele Leuchttürme. Einen ganz alten, einen neueren, einen noch ein bisschen neueren und – das war’s. Wahrscheinlich wegen der Ecklage und der Emsmündung. Dass sich da keiner verfährt. Jedenfalls, wie beim Gouda ist der mittelalte am besten, er schießt wie eine Rakete aus einer Freifläche heraus und man möchte sich oben reinsetzen und dem Weltuntergang harren. Um die Ecke eine Litfaßsäule, von der jedes Jahr Borkumer eingeborene Männer springen, aus Tradition, es geht darum irgendwen zu küren. Genaueres weiß ich nicht.

Die Nacht ist kühl, nee, stimmt gar nicht, passte aber gerade so gut. Aber nochmal zur Ecklage. Als westlichste der ostfriesischen Insel (und nordwestlichster Punkt Deutschlands) fand man Borkum eine Zeit lang super als Militärstützpunkt. Im Kaiser- und dritten Reich und danach auch noch, siehe oben, Kaserne Schrägstrich Jugendherberge. Antisemitisch war Borkum auch, volle Kanne, man ersann sogar das „Borkumlied“, dass die Insel als germanisch pries und allen Juden mit Prügel drohte, die es wagten, das Eiland aufzusuchen – es wurde eine Zeitlang gar täglich von der Kurkapelle gespielt. Heute gibt es eine Neuauflage, natürlich frei von antisemitischer Hetze: „Borkum – Insel meiner Träume“ von den Ostfriesischen Jungs. Soweit zur Ecklage.


Am Sonntag wird mir nochmal klar, was für eine beschissene Idee das mit der Inselumrundung ist. Klingt natürlich toll, Inselumrundung, konsequent, aber als ich mit dem Rad die Außenlinien (so weit es irgend geht) abfahre, merke ich: langweilig, schrecklich langweilig. Röhricht, Salzwiesen, Deiche, Dünen, so weit das Auge reicht, auf den Bänken sitzen alte Paare, ebenso desillusioniert wie ich. Und das ist ja auf jeder Insel das Gleiche! Interessant jedoch: der oder die oder das Tüskendör, das früher einmal Borkum in zwei Hälften teilte, bis es dann zu seiner heutigen Größe zusammenwuchs. Kurios: der Flughafen ein deja-vu, als hätte man ihn von Norderney mit copy-paste auf allen anderen Inseln exakt gleich minimalistisch-verschlafen eingefügt. Nebenan das verwahrloste Fliegerheim.


Nachdem ich mir von zwei Siebenjährigen für einige billige und auch noch missratene Zaubertricks insgesamt einen Euro und zwanzig Cent aus der Tasche habe ziehen lassen („… aber Du musst uns dann Geld dafür geben!“), geht es zurück zum Fährhafen, standesgemäß mit der quietschenden Schmalspurbahn, und weiter mit dem muffigen, aber fixen Katamaran „Nordlicht“ zurück auf’s Festland. Wie auch während meines gesamten Aufenthalts, in dem mich Freunde per WhatsApp mit Nachdruck darauf hinweisen, dass Borkum „doch nicht so schön“ sei, verwehre ich mich dieser Ansicht bis heute. Gerade ob seiner Schandflecke fand ich diese Insel besonders schön. Angesichts ihrer Größe kann sie diese durchaus verkraften.

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Corona Island

So hatte ich mir das natürlich nicht vorgestellt. Nicht nur, dass Corona keine deutsche Nordseeinsel ist, ganz im Gegenteil – Corona ist der Parasit, der ihr betreten derzeit verhindert! Also keine Wanderungen durch die Dünen von Föhr, kein Meeresrauschen an den langen Stränden von Sylt, keine kleinen Kirchen, Leuchttürme, kein Seemannsgarn, keine dünnen Jugendherbergsbetten, kein Land, kein Jever und kein frischer Fisch. Stattdessen: Dosenravioli und Netflix auf 72 Quadratmetern. Ich frage mich, ob ich den Absprung verpasst habe, ob ich rechtzeitig den Erstwohnsitz auf dem Eiland hätte anmelden sollen, aber was soll’s, nun ist es zu spät. Nicht Mallorca, nein – Corona heißt das siebzehnte deutsche Bundesland und meine dreizehnte Nordseeinsel.

Corona Island ist mit den bereits genannten 72 Quadratmetern die kleinste deutsche Insel, wobei das bei jedem anders ist. Außerdem habe ich den Garten nicht mitgezählt und die unzähligen Möglichkeiten, sich in kleinen Ausflugsbooten rund um die Insel treiben zu lassen. Arbeit gibt es auf Corona Island nur wenig, die Bewohner verbringen ihre Tage mit was weiß ich, irgendwas. Ich selbst entdecke zum Beispiel Vögel, alleine sieben Arten schwirren und zwitschern in meinen heimischen Schutzgebieten, wobei der Grünfink auch ein weiblicher Buchfink sein könnte und der Spatz ein Zaunkönig. Und während ich beginne, mir den Kopf über die Fortpflanzung des Regenwurms zu zerbrechen, beobachte ich, wie Vögel trinken. Sie können ja nicht saugen, so wie andere Tiere, eine Zunge haben sie … nicht, oder? Jedenfalls füllen sie den Schnabel mit Wasser, heben ihn an wie eine Schaufel und schütteln das Zeug dann in sich rein, wie so ’n Bagger. Furchtbar wachsam sind sie dabei, schauen sich ständig nach allen Seiten um, wie ein blasser Badetourist, der sich unbeholfen am Strand in seine enge Buchse zwängt. Soweit dazu. Die Anreise, ich habe noch gar nichts zur Anreise gesagt. Für mich liegt Corona Island direkt neben Juist, ja, beinahe gehen diese beiden Inseln sogar ineinander über, verlasse ich Juist doch mit allen noch nicht zusammengefügten Bauteilen einer ausgewachsene Grippe (oder Corona, who knows), betrete also mit Verlassen der einen direkt die andere Insel, von der endlosen blauen Weite, deren Horizont ich kaum erfasste, in die bedingungslose Enge, in der meine Augen die nicht mehr ganz arktisweiße Raufasertapete nach wiederkehrenden Mustern absuchen.

Ich verbringe die erste Woche von Fieberträumen geflasht im Bett und auf dem Sofa, fresse Chips und Arme Ritter, schaue mir auf Netflix zum zweiten Mal breaking bad an, als wäre es eine Gebrauchsanleitung, die ich mir vorgenommen hätte zu studieren, dabei ist es doch nur ein Rückzug in vertraute Gefilde. Und während ich mich frage, wann ich bereit bin, diese Insel wieder zu verlassen, schwappen Wellen der Nachrichten heran, immer größer, bis sie nicht mehr schwappen, sondern brechen und die Gewissheit herantragen, dass Wochen der Ungewissheit vor mir liegen und ich Corona Island zusammen mit allen anderen – und jetzt erfährt die Metapher ihre Grenzen – so schnell nicht verlassen werden kann, denn Corona Island ist nun sehr groß und sehr klein zugleich, völlig überlaufen und dabei ziemlich solitär. Die zweite Woche unterscheidet sich kaum von der ersten, die Fieberträume sind geschlagen, von Unsicherheit ob meiner eigenen und der allgemeinen Lage gezeichnet erkunde ich die ungeahnten Weiten der Insel, schreibe zahllose Emails, um ein Alibi zu haben, kämpfe mich durch ein Brombeerdickicht, das seit Jahren mehr und mehr die Johannisbeeren unter sich begrub, wage mich an einen 1.500-Seiten-Roman, der mich alsbald mit seinen zahllosen Schicksalsschlägen in die Flucht treiben wird. Auch klimatisch zeigt sich, dass Corona keine Nordseeinsel ist, viel zu warm und viel zu wenig Wind, eher Balearen oder meinetwegen Mainau. Woche drei: Menschen. Corona ist entgegen meiner anfänglichen Vermutungen nicht unbewohnt. Die Straßen zwar oft menschenleer, an den Futterstellen kommen sie jedoch zusammen, je nach Tageszeit vereinzelt oder in solch Massen, von denen ich gar nicht wusste, dass sie existieren, ab und an fühle ich mich an die Möwen erinnert, die sich in der angespülten Gischt gegenseitig kreischend ein Würmchen streitig machen. An den Türen der Geschäfte hängen Zettel, wahlweise in Kurzform „Wegen Corona vorübergehend geschlossen.“, in Langform „Liebe Kunden, aufgrund der derzeitigen Lage sehen auch wir uns gezwungen,… Ihre Gesundheit liegt uns am Herzen, deswegen…“ und natürlich „Wir liefern.“ Es ist die Stunde der vermeintlichen Gesundheitsstifter. Großflächig werben Apotheken, Waschmittel und die Saftmarke hohesC dafür, zu Hause zu bleiben, gesund zu bleiben, nebenbei ihre Produkte zu konsumieren. Alternativ feiern sie werbewirksam ihre Helden – Flaschenpostboten sind durch nichts zu ersetzen.

Genesen und der Isolation überdrüssig treffe ich mich vereinzelt zu gemeinsamen Spaziergängen und Gesellschaftsspielen mit Freunden. Sicherheitsabstände werden zunächst streng, im weiteren Verlauf immer laxer gehandhabt bis man irgendwann resigniert feststellt: „Jetzt haben wir ja eh schon…, da ist es nun auch egal.“ Die Zeit vergeht.

Eines Morgens erwache ich und jemand zieht mir an den Ohren, nein, es ist nicht jemand, es ist etwas. Ein Stück Stoff spannt sich quer über mein Gesicht, wie praktisch, dass da Ohren sind, an denen es befestigt ist. Bemaskete Menschen stehen in großen Abständen vor Bäckereien, Stoffhandlungen und Geldtransferbüros (mich würde es interessieren, wer hier Geld an wen transferiert, aber diese Masken und diese Abstände … ich traue mich nicht.) In den Schulen, wobei, ich spreche hier nur von einer, also in der Schule überall Linien, mit Tesakrepp auf den Boden geklebt, wie auf dem Rollfeld eines Flughafens, man versteht sie nicht, es sei denn, es ist ein Pfeil dran. Im Kopf drehen Flieger Dauerschleifen: Ich darf mir nicht ins Gesicht fassen, ich darf mir nicht ins Gesicht fassen, Ich darf … verdammt.

Die Insel ist jetzt keine Insel mehr, längst ist sie mit dem Festland verschmolzen, was immer das bedeutet. Corona Island ist überall, ein bisschen mehr hier, ein bisschen weniger da, die Insel verkehrt sich ins Gegenteil, Corona ist eine Flut, die alles überschwemmt, alles nass macht, tiefe Pfützen wirft, hier und da zurückzugehen scheint, und man watet so durch den Nebel und hofft, dass die Füße nicht nass werden. Und dann taucht da hinter wieder Festland auf… müsste das nicht Borkum sein?

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Juist (2)

Fläche: 16,4 km2
Einwohner: 1,515 (2018)
Übernachtungen: 1,06 Mio. (2017)

Fünf Wochen lang habe ich mich danach gesehnt, wieder am Meer zu sein, und jetzt geht alles viel zu schnell. Freitag Abend hin, Sonntag früh zurück – warum wird Juist nur einmal am Tag angefahren und Norderney (gefühlt) stündlich? Dass unter anderem diese Tatsache enorm dazu beiträgt, diese Insel so entspannt zu machen, ist allerdings der positive Nebeneffekt. Und, natürlich, dass es keine Autos gibt. Keine Autos! Wer einmal erlebt, welch Ruhe und Raum das freigibt, wünscht sich, die Dinger wären nie erfunden worden.

Mit dem Auto geht es aber erstmal von Münster nach Norddeich. Warum? Weil es so schön einfach ist, weil ich nicht alleine bin und man zu zweit manchmal primitiver ist als allein. Die Strecke zieht sich wie eine inhaltslose Konferenz, zwischen Münster und Emden ist schweigendes Gemurmel, das Nichts, von der Ems abgetrennte Ödnis, die man schließlich mit der Unterquerung derselben hinter sich lässt. Auf einem riesigen Parkplatz dürfen wir das Fahrzeug für 5,50 Euro pro Kalendertag zwischen hunderten anderen abstellen und begeben uns zur Fähre. Frisia 2 kann ihre Herkunft aus den Siebzigern nicht verleugnen, auch wenn hier und da „was gemacht wurde“. Die Wände sind mit so einer Art Nussbaumimitat verkleidet, der Boden mit Noppenlaminat ausgelegt und die bissig blauen Polsterstühle mit ihren knallroten, stilisierten Ankern sind sicher förderlich, Seekrankheit hervorzurufen. Die Atmosphäre an Bord ist dennoch friedlich, Kellner mit slawischen Namen servieren alkoholhaltige Getränke, Fahrgäste lösen reihenweise Kreuzworträtsel, spielen Karten oder schauen auf’s Handy, von einem Pärchen aus Haltern erfahren wir erste Fakten zur Insel Juist: es gibt nur eine Straße von Ost nach West, in der Mitte der Insel liegt ein Süßwassersee und – diese Schlussfolgerung war mir entgangen – es gibt ob der nur einmal täglich verkehrenden Fähre keine Tagesgäste, von ein paar Fliegenden mal abgesehen.

Nach 90 Minuten sind wir da. Wie schon auf Norderney speit das Schiff in hohem Bogen eine Ladung Menschen mit Gepäck auf die Insel, die sich wie eine bekofferte Pinguinkolonie in die Stadt bewegen und erst nach und nach auseinanderdividieren, bis man irgendwann dann doch der einzige ist, der in den Loogster Pad zur Jugendherberge abbiegt. Mit einem Mal habe ich Angst, mir könne die Zeit auf der Insel zu lang werden, absurd im Angesicht der wenigen Stunden, die wir hier sind, und überhaupt ähnelten sich die Insel doch arg zu sehr, so dass mir nach der dritten Insel sicher die Lust verginge, zumal und obwohl Juist doch viel weniger attraktiv daherkommt als Norderney, furchtbar lang zwar, aber auch dünn besiedelt, ein bisschen humorlos, gut für innere Einkehr, schlecht für Erlebnisse zu zweit.
Die Jugendherberge erstreckt sich über mehrere Gebäude, die zwar 300 Menschen Platz böten, jedoch an diesem Wochenende außer uns nur von einer Handvoll Rentner und zwei, drei Kleinfamilien gebucht ist. Das Angebot ist trotzdem da: extra für uns zurückgestellte Speisen, wärmende und kühlende Getränkeautomaten, riesige Waschräume und der Theatersaal einer ehemaligen Reformschule, in dem überspielte Billard-, Kicker- und Tischtennistische in einsamer Stille darauf warten, auf’s Neue traktiert zu werden.

„Der Tag auf Juist“, so müsste ich diesen Abschnitt nennen, da er den einzigen Tag beschreibt, den wir auf der Insel verbringen. Die Sonne macht schon am Morgen unmissverständlich klar, dass sie sich vorgenommen hat, die Insel heute non-stop zu bescheinen, was im frühen März natürlich alles andere als eine Bedrohung ist. Nach dem Frühstück, das sich alle Mühe gab, seine bedingungslose Preiswertigkeit hinter vermeintlicher Auswahl zu vertuschen, laufen wir zunächst Richtung Bill, dem in einer endlosen Sandfläche auslaufenden Westende der Insel. Durch hügelige Baum- und Strauchwäldchen geht es durch eine Geräuschkulisse aus stetem Piepen, Zwitschern und Quaken. Falken, wachsam auf Zaunpfählen, Graugänse, haufenweise, und immer wieder huscht ein aufgeschreckter Fasan durch’s Blickfeld. Am Wärterhäuschen vorbei, das in den Sommermonaten über den Nationalpark wacht und informiert, laufen wir über einen zugigen Deich bis zum Strand. Die endlose Weite überwältigt mich schier. Der Blick geht über die Vogelinsel Memmert bis nach Borkum, zum Festland sowieso und gen Norden auf’s offene Meer. Man hört nur das Rauschen der Brandung und den Wind, der sich an der Kapuze bricht. Möwen und irgendwelche anderen, kleineren Vögel, die ich nicht zuordnen kann, stehen wie aufgereiht an der Wasserkante, auf der Suche nach einem Würmchen oder was weiß ich. Entlang der Nordküste geht es zurück nach Osten, es ist wunderschön, doch angesichts einer Länge von insgesamt 17 Kilometern verliert man irgendwann das Interesse.

Wir biegen in den Ort ein. Alles ne Nummer kleiner und beschaulicher als in Norderney, natürlich auch: Nebensaison. Viele Geschäfte öffnen nur vormittags oder noch gar nicht. Trotzdem gibt es alles, Cafés, Kneipen, eine Schule, kleine Supermärkte, gar einen Rossmann. Statt Autos gibt es ganze Armaden an E-Bikes, auf denen ältere und jüngere Pärchen durch die Gassen und über die Insel brausen, von Ost nach West, von West nach Ost. Norden und Süden: gibt es nicht. Außerdem natürlich Pferdekutschen und ihre Hinterlassenschaften, Pferdeäpfel markieren die wichtigsten Straßen. Nach einem Fischbrötchen geht es weiter, vom Hauptort am Strand gen Osten, immer fest im Blick: die dichte Bebauung von Norderney, auch wieder zum Greifen nah. Laufen, laufen, weil es so schön ist, laufen, laufen, weil der Tag noch lang ist, laufen, laufen, wer weiß, wofür’s gut ist. Auf Höhe des Flugplatzes, fast am Ostende der Insel, machen wir kehrt, immer wieder knattern kleine Maschinen aus den Dünen empor oder verschwinden dahinter. Es ist, so höre ich irgendwo, der niedersächsische Flugplatz mit den zweitmeisten Flugbewegungen, nach Hannover. Später höre ich, dass man das mal gemacht haben muss, einmal mit dem Flugzeug nach Juist und einmal mit der Pferdekutsche über die Insel. Auch das wäre eine gute Idee gewesen, die Straße zurück in den Ort zieht sich endlos dahin, der Gegenwind pustet die letzte Kraft aus dem Körper, schweigend und zielstrebig kämpfen wir uns durch bis zum 17:30-Uhr-Abendessen, das uns in der Jugendherberge erwartet.

Am Abend trotz müder Glieder und Schmerzen in den Füßen: Nachtleben. Die Kellerbar „Welle“ oder „Die Welle“ scheint Anlaufpunkt echter Juister zu sein, zunächst derer, die glauben, was von Fußball zu verstehen, später auch derer, die rauchen und fröhlich sein wollen, was die erstgenannten vielleicht auch betrifft. Der örtliche Fußballklub hat sich kürzlich aufgrund zu geringer aktiver Mitgliederzahl aufgelöst, zuvor hatte er Bekanntheit erreicht, weil er seine Spiele auf dem Festland angesichts der mageren Fährzeiten immer im Doppelpack austrug. So heißt es. Hinter dem Tresen ein echter Friese: kräftig, klar und wortkarg. Wie es ihm gehe, will einer der Gäste wissen. „Bestens“, antwortet dieser, woraufhin er sich anhören muss, niemand würde so deprimiert „bestens“ sagen wie er. Auch wenn ich es am nächsten Morgen nicht wahrhaben will, so vermitteln mir die jevergetränkten Stunden in der „Welle“ doch zumindest das Gefühl etwas vom echten Juist zu erfahren, trotzdem ich nur einen Tag hier war.

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12islands

Norderney (1)

Fläche: 26,3 km²
Einwohner: 6,232 (2017)
Übernachtungen: 3,7 Mio. (2018)

Die Fahrt im Zug nach Norddeich-Mole strengt mich an. Ich habe gar keine Lust, alleine auf diese erste meiner zwölf Inseln zu fahren. Es ist Freitag und nach einer Woche voller rein und raus, Start und Stop, auf und ab und go go go bin ich einfach nur müde. Jede Nacht bin ich gegen vier aufgewacht. Mein Körper schlürfte den Schlaf nur notdürftig in sich hinein, wie einen schnellen Teller Suppe, und rief sogleich „weiter, weiter!“.
Seit siebenundzwanzig Jahren war ich nicht mehr auf Norderney, eine Zahl, die mich erschreckt, ich wusste gar nicht, dass ich schon so alt bin. Und diese Insel, die als Ziel zahlreicher Kurzurlauber und Klassenfahrten irgendwie immer präsent ist, lebte stets neben mir her, oder ich neben ihr. Je näher wir der Insel kommen, desto. Desto mehr Menschen wuseln immer dichter um mich herum, desto mehr Worte und Sätze schießen kreuz und quer durch den Raum wie ein unkontrolliertes Feuerwerk, desto mehr freue ich mich auf das Erlebnis. Nichts ist sicher, nichts ist klar, aber unsicher ist es auch nicht. Ich werde auf einer Insel sein, und das allein sorgt schon für ziemlich viel Fokus.
Die Frisia 3 legt ab, sie fasst 1350 Personen, ich habe sie nicht gezählt, doch sie scheinen alle da zu sein. Das Land wird kleiner, das Meer wird weiter, der Wind hat eine Kraft, wie ich sie seit Monaten nicht gespürt habe. Ich frage mich, wie es wäre, vom Land auf die Insel zu schwimmen, und ich weiß, dass ich es nie erfahren werde und frage mich, warum. Would it kill me? So bleibt der Nervenkitzel auf das leichte Schaukeln des Fährschiffs beschränkt, dass sich von den Wellen gekitzelt leicht quietschend hin und her bewegt.

Wer auch immer den Rollkoffer erfunden hat, muss heute reich sein. Hunderte rattern vom Anleger in den Ort, den Kindern fallen sie immer wieder um, anscheinend ziehen sie nicht konsequent genug.
In der Jugendherberge erwartet mich der Geruch chlorhaltiger Reinigungsmittel. Ich wusste nicht, dass man seine Betten immer noch mit einfachen Laken selbst bezieht, dass die Matratzen dünn sind wie eine Scheibe Graubrot, dass alles so wahnsinnig funktional ist und man die Tische nach dem Essen bitte abwischt. Nach kurzer Zeit freunde ich mich jedoch an, freue mich über die Moderne, die an einigen Ecken Einzug hält, und die Ehrlichkeit, die diese Unterkunft lebt. Neben dem Speisesaal setze ich mich in eine schicke Lounge und überlege, wie ich mir diese Insel erschließen kann. Ziemlich schnell wird mir klar: zwei Tage werden für einen umfassenden Eindruck zu kurz sein. Überhaupt, es wird wie immer sein: es wird einfach sein, wie es kommt. Meine Besuche werden von den Launen der Natur und meiner selbst abhängen, vom Zufall, Dinge zu entdecken, die ich nicht auf dem Schirm hatte, und vom Unvermögen, Dinge zu entdecken, die ich mir vorgenommen hatte, zu entdecken. Ab halb sechs gibt es Kartoffelsuppe, ich löffele einen Teller in mich hinein und wage mich nochmal nach draußen: starker Wind peitscht mir den Regen entgegen, ein Wind so stark, dass der Schirm mehr hinderlich ist, als dass er nützt. Immerhin sehe ich noch ein paar Geschäfte, deren Auslagen mich überraschen, sind sie doch tatsächlich ganz hübsch und nicht so durchgehend ramschig, wie man es sonst aus touristischen Hochburgen gewohnt ist. Im Conversationshaus, einem sauber gehaltenen Palast aus den Anfangsjahren des Kurverkehrs, der damals noch in den königlich-kaiserlichen Kinderschuhen steckte, liegen dutzende Zeitungen zur Auswahl, sogar die Hürriyet. Tatsächlich gibt es auf der Insel zwar einige Migranten, jedoch sind diese erstens keine Türken und zweitens mit Bauarbeiten beschäftigt. Die Hürriyet liegt also unangetastet zwischen dem Norderneyer Badeblatt und dem Ostfriesen-Kurier.

Am nächsten Morgen breche ich zur Inselumrundung auf, eine Idee, die ich vorhabe, auf jeder Insel umzusetzen, schließlich muss man doch jede Insel umrunden können, sonst wäre es ja keine. Norderney ist dementsprechend wohl eher keine, jedenfalls endet mein Versuch zwischen Priel und Naturschutzgebiet, am Ostende der Insel, noch vor dem berühmten Wrack, das ich vorhatte zu bergen, wenigstens aber zu besichtigen. Gut drei Stunden bin ich zuvor den Nordstrand entlang gelaufen, menschenleer, so breit, dass ich mich nicht traute, am Wasser zu laufen, weil die schützenden Dünen dann, bei plötzlicher Flut, so weit entfernt wären. Müsste man ein Bild für Freiheit finden, einen Moment, der diesen Zustand symbolisiert, das wäre er. Der Sand weht, wie von fremder Macht gezogen, in kurvigen Linien über den Boden. Ab und an verzehrt sich eine Möwe an den Resten eines Robbenkadavers. Meer und Wind rauschen monoton und unablässig, Sand und Muscheln knirschen unter meinem Gewicht. Schon früh sehe ich Häuser am Horizont, auf Norderney stehen sie nicht. Es ist Ebbe. Nur eine winzige Gasse trennt Norderney am Ostende von Baltrum, man fragt sich, warum da kein Steg ist, um die Inseln miteinander zu verbinden, doch bin ich auch froh, denn zwei Inseln zugleich wären mir zu viel. Ich taste mich entlang des Priels auf der Suche nach einem Übergang und gelange immer tiefer in das Naturschutzgebiet. Erstaunlich, wie weit sich diese Pfütze ins Innere zieht, kaum so tief, dass ein Fischlein darin schwimmen könnte, aber tief genug, um meine leichten Turnschuhe zu durchnässen.

Dem Wind entgegen laufe ich am Strand zurück, könnte vor Mühsal kotzen, doch die wüstenähnliche Perspektive, die sich vor meinen Augen auftut, hat was.

Den Leuchtturm habe ich fest im Blick, dünn und spitz wie ein Bleistift im Halter ragt er hinauf, doch es dauert lange, bis ich ihn erreiche. Daneben der Flugplatz, öde, hat mehr von einem verlassenen Verkehrskindergarten als dass er den Anschein erweckt, wirklich benötigt zu werden. Was man heute vielleicht auch nicht mehr meint, in den frühen Siebzigern jedoch, als Fliegen noch eine zukunftsweisende Idee schien, schon. Die Straße zurück in den Ort ist gesäumt von Männern, Kugeln und Gejohle. Einer wirft, einer steht gut dreißig Meter weiter mit einer Fahne in der Hand, weitere stehen gespannt an der Seite. Anhand ihrer Jacken sind sie als Teams auszumachen, auch als „Boßelvereine“. Nie gehört, nie gesehen, doch entpuppt es sich als ostfriesischer Nationalsport. Ziel ist es, eine Strecke mit möglichst wenigen Würfen zu bewältigen, die Kugel darf natürlich nicht von der Bahn abkommen. Hätte ich noch einen winzigen Rest an Energie, ich würde mich mehr dafür begeistern, so aber hetze ich zurück zur Herberge, nur um endlich einmal die Kapuze vom Kopf und die Schuhe vom Fuß zu ziehen und mich irgendwo hinsetzen zu können, wo ich nicht vom Wind weggeblasen werde oder erfriere.
Danke, Steffi, dass du mich auf die Milchbar hingewiesen hast. Hin und wieder tut es gut zu wissen, wohin. Die Milchbar ist ein Hort des Wohlgefühls, zwischen Chillout-Musik, frischen Waffeln und Aperol-Sprizz schauen Menschen schweigend aus den tiefen Fenstern auf die brandenden Wogen, schauen, schweigen, lesen, Kinder toben, ein Feuer flackert im Kamin. Schöner kann es jetzt nicht sein.

Eine Insel ist eine Insel. Die Abgetrenntheit vom Land verhilft der Insel zu einer ungewohnten Ruhe und Entschleunigung, hier ist nur, wer hier ist. Durchgangsverkehr gibt es nicht, die Wege sind kurz, wer hier lebt, hat die Ruhe weg, und die Touristen bemühen sich immerhin drum, ist es doch der meisten Ziel. Seit ein paar Jahren gibt es auch einen Netto. Dass er selbst hier, auf der Insel, die komplette Vielfalt bereit hält, scheint so selbstverständlich wie absurd, wird aber wohl dankbar angenommen, dabei braut Norderney selbst sein eigenes Bier und räuchert seinen eigenen Schinken. Allerdings räuchert es ihn auch nur, das Fleisch kommt vom Festland.

Wenn die Sonne der Nacht die Herrschaft überlässt, was gerade jetzt im Winter ja erschreckend früh geschieht, scheint der Wind noch stärker über die Insel zu blasen. Die Menschen haben sich hinter Wände und Scheiben verabschiedet, nur vereinzelt geht noch jemand mit dem Hund. Dürre Laternen erleuchten die schmalen Straßen und im Wasser blinken scheinbar willkürlich Bojen und Baken. Außer den Fähren, die den Hafen gut alle zwei Stunden anlaufen, sind keine Schiffe zu sehen. Das Stadtbild von Norderney, das darf man sagen, denn Norderney hat nach dem Krieg das Stadtrecht bekommen, ist geprägt von Durcheinander. Hübsche, historische Häuschen, gerne mit Veranda vornedran und frischweiß gestrichen, stehen unweit von grobklotzigen Quadern, in denen Ferienwohnungen wie kleine Kisten neben- und aufeinander gestapelt sind. Ab und an Zeichen der Geschichte, so ein monumentales Schulgebäude, das heute nur noch die Grundschule beherbergt, seitdem die Weiterführende ausquartiert wurde, der Damen- und der Herrenpfad aus den Zeiten, in denen geschlechtergetrennt gebadet wurde, und das ehemals kaiserliche Postamt, den Krieg unbeschadet überstanden, obwohl Norderney unter den Nazis zur Seefestung ausgebaut wurde. Avantgardistische Lokale, die man eher auf Sylt oder in Hamburg vermuten würde, hier und da, für die besser betuchten, die auf Norderney ein ungewohntes, aber auch ungestörtes Nebeneinander mit denen fristen, die sich Avantgarde nicht leisten können. In der Jugendherberge liefern sich Paul, Jakob und Mia eine wilde Schießerei, während mir schon die Augen zufallen. Die Schießerei muss ohne mich stattfinden.

Am Sonntag bleibt nur Zeit für eine schnelle Runde am Strand, bevor es zurück aufs Festland geht. Wie kam ich bloß auf die Idee, einer Insel wie Norderney nur anderthalb Tage Zeit zu geben, es reicht doch nur für einen ersten Eindruck. Ich stecke noch ein paar Muscheln in meine Taschen, sie liegen zu hunderttausenden am Strand herum, die Schalen, natürlich, wo die Muscheln sind, weiß kein Mensch, abgehauen, bevor Leute wie ich sie mit nach Hause nehmen. Die Schalen sind größtenteils gleichförmig, unterschiedlich nur in der Farbe, manche mehr braun, manche mehr grau, selten blaßrosa oder türkis. Ab und an ragt eine längliche Schale aus dem Sand, wie ein Etui. Ich weiß nicht, wer drin gewohnt hat, überhaupt scheint so viel Wissen über Flora und Fauna des Meeres wie durch ein Sieb aus mir herausgeflossen, wenn es denn jemals hinein floss, wer weiß.

Mit einem schrillen Klingeln kündigt die Frisia IV ihre Abfahrt an, tuckert langsam an der Insel vorbei bis zur Fahrrinne und eine knappe Stunde später stehe ich wieder auf festem Land. Diese war mein erster Streich, und die zweite folgt im März.