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What a wonderful Wald.

16 km-Runde von Hausdülmen nach Sythen

Es war der erste Ferientag. Ich saß in der Vormittagssonne auf der Terrasse und bis zum Abend lagen sieben Stunde Leere vor mir. Die Sonne schien zwar nicht, aber sie schien auch nicht nicht. Mit anderen Worten: eine kleine Tour wäre drin, nur wohin? Im lokalen DAV-Magazin lese ich von einem Waldgebiet namens Linnert, nie gehört, doch wo es liegt ist schnell ergoogled/ergooglet, nicht weit von hier, ich fahre hin, nehme das Rad mit, zum Laufen fehlt zwar nicht die Zeit, aber die Lust (sollte sich der Linnert als Fehlschlag erweisen, wäre ich wenigstens schnell durch).

Von einem ALDI-Parkplatz in Dülmen geht es zunächst am Silbersee vorbei, Nummer 3. Die Silberseen entstanden aus ehemaligen Gebieten der Quarzsandgewinnung, See 1 und 2 sind zum Baden freigegeben und tragen angeblich den Namen „Badewanne des Ruhrgebiets“, an diesem Montag ist so oder so niemand zu sehen. Den See im Rücken geht es nach Sythen, das ich – wie so einige Orte – stets nur an einer Seite angeknabbert hatte. Heute jedoch sehe ich den altbäuerlichen Ortskern, das Freibad, die Kühe, Pferde, spießige EFHs. Die angeknabberte Seite: das Schloß. Eher: Burg, von massivem Holztor verschlossen, hat Geschichte, ist aber leider Privatbesitz. Hinter dem Schloß aber: der Linnert. Auch Privatbesitz, gehört irgendeinem von und zu, man kann aber überall in ihm herumlaufen. Was diesen Wald so wonderful macht: Natur, Montag, Juli. Alles ist grün, Birken, Buchen, Eichen, Farne kreuz und quer wie Kraken und Partypeople, ein kleiner Bach kriecht hindurch, andere Menschen nicht zu sehen. Ich lege mich auf eine Lichtung und döse.

Bin ich wach oder träume ich, als ich auf einem Friedhof mit Kriegsgräbern stehe? Hunderte Tote aus dem ersten Weltkrieg, Polen, Russen, alle um die 30, als sie hier in Gefangenschaft kamen und starben, hier in Hausdülmen, einem eigentlich so friedlichen Örtchen, irgendwo zwischen Mühlenbach, Pfarrkirche und Burgschänke. Zurück in Dülmen selbst holt mich die Realität wieder ein: In einer kleinstädtischen Fußgängerzone sitze ich auf einer Bank, in der einen Hand eine Eiswaffel mit Stracciatella und noch irgendwas, in der anderen das Gefühl, viel zu wenig von dem, was mir heute geboten wurde, mitgenommen zu haben.

https://www.komoot.de/tour/411479503?share_token=aVd4DS6KdoXSD7KAie6IbhUomWcZqCeJ9mbY9H1CgtUDFoMKZh&ref=wtd

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Von Kurpark zu Kurpark.

15 km von Bad Rothenfelde nach Bad Laer und zurück

Zum Einstieg in die großen Ferien eine kleine Runde, von Bad nach Bad, von Kurpark zu Kurpark, einmal über den Berg (der tatsächlich „Kleiner Berg“ heißt) und durch den Wald. Startpunkt Bad Rothenfelde, unten in einer Ecke Niedersachsens, die nach NRW hineinragt, doch zu BRF später mehr, denn erstmal geht es auf den lokal höchsten Punkt, den Lüdenstein, auf dessen Kuppe (wenn man hier von einer Kuppe sprechen kann) man 1980 aus Beton einen 23 Meter hohen Aussichtsturm errichtete. Aussicht: Sturm? Nein, bestes Juliwetter, weiter Blick. Über publikumsgerechte Wege (Publikum: Kurgäste) wandere ich durch das zu dieser Jahreszeit übliche Brummen, Singen, Zwitschern und die dazwischenliegenden Grüntöne bis zum Kurpark von Bad Laer. Ein Barfusspfad lädt ein über Scherben, Rinde, Kiesel und durch den Salzbach zu laufen, was Menschen wahrnehmen, die Enten jedoch kalt lässt. So schön schon hier, dass ich mir den Ortskern spare. Zurück am Nordhang des „Kleinen Berges“, die anfängliche Euphorie wie immer verflogen, stattdessen Müdigkeit, Mücken und Schweiß, doch bis zum „Pavillon Amalienblick“, der an jeder der zahlreichen Wegkreuzungen ausgeschildert ist, laufe ich dann schon noch. Dort angekommen zwar Pavillon, jedoch kein Blick, daher schnell zurück zum Auto und dort auf’s mitgenommene Rad und nochmal nach Bad Rothenfelde, mitten hinein in den quirligen Kurtrubel, der, auf einigen Quellen basierend, von zahlreichen Kurkliniken, Drumrumgedöns und zwei mächtigen Gradierwerken angebtrieben wird. Nichts für einen durchgeschwitzten Wanderer wie mich, wobei, ein wenig kuren könnte nicht schaden, aber vielleicht nicht grad(e)(h)ier.

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Der P aus der R (2).

Vom Dortmunder Hauptbahnhof über Phoenixsee und Aplerbeck nach Schwerte, 25 km

Diese Tour ist reichlich durcheinander geraten. Hatte ich sie zunächst wegen kriechender Kälte und Nieselregen abbrechen müssen, konnte ich sie nun zwar äusserst befriedigend und in Begleitung fortsetzen, doch schob ich die Berichterstattung irgendwie so lange vor mir her, dass ich mich en detail dann doch nicht mehr so recht an alles erinnere. Von Dortmund City an der Emscher und dem Stahlwerk entlang zum Phoenixsee, von dort über Pommes frites weiter zu einem Wasserschloss, dass in eine Fußgängerzone gebaut wurde (oder andersrum?), durch einen schönen Wald bis nach Schwerte rein. Echt schöne Tour, doch mehr kann ich nicht rekapitulieren. Ich möchte jedoch nicht enden ohne zu erwähnen, dass wir mit ein wenig Überraschung mal wieder mit Blick auf die Hundhausen-Fabrik endeten und erneut recherchieren mussten, was sie eigentlich produziert, jedoch habe ich es mittlerweile natürlich auch schon wieder vergessen. Ich glaube: Hunde.

https://www.komoot.de/tour/344754514?share_token=amq00fDsGyKqImUx7fn8veuUeSEnUO4mp69CanREPiimUD0JqX&ref=wtd

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Die Zementrunde.

50 km Werseradweg von Ahlen nach Beckum inklusive der Zementrunde (aber ohne Korn)

Das Wetter war gut, ich hatte ein Auto parat, ich fuhr nach Ahlen. Es ist mir nicht ganz erklärlich, was genau der Grund dafür ist, warum mich diese an sich eher nicht so beliebte Stadt immer wieder anzieht, vermutlich ist es gerade das, also dass sie an sich eher nicht so beliebt ist. Vielleicht habe ich auch einfach was aufzuholen, in dieser Ecke, weil ich bislang so selten dort war.
Heute also mal nach Beckum, wo ich meines Wissens auch noch nie war, dabei ist Beckum ebenfalls nicht klein, das nehme ich aber auch erst anders wahr, seitdem das (wieder eingeführte) Beckumer Kennzeichen BE immer häufiger in Münster auftaucht (häufig an Fahrzeugen der Marke Mercedes-BEnz).
Ich brauche nicht lange zu überlegen, wie ich von Ahlen nach Beckum komme, es gibt ja den Werseradweg, ein Weg, der die Herzen radfahrender Rentner höher schlagen lässt: in vorsichtigen Schlangenlinien windet er sich dem leise zwitschernden Flüsschen entlang, ohne dabei auch nur einen einzigen Höhenmeter zu überwinden, die Elektroantriebe können dem Vatertagstreiben tatenlos zusehen.
Im hübschen Beckum werde ich weniger von Tattoo-Studios in Fachwerkhäusern, mehr jedoch von der Zementroute überrascht, ein schöner Weg rund um die Stadt mit vielen interessanten Informationstafeln. Dass diese Stadt ein oder gar DAS Zentrum der deutschen Zementindustrie ist, war mir überhaupt nicht bekannt. Es geht zunächst auf den Höxberg, auf dem sich eine Wald-Kita neben der historischen Windmühle niedergelassen hat. Von Zement noch keine Spur. Das ändert sich gewaltig, natürlich im wahrsten Sinne des Wortes, als ich den Berg wieder hinunter zum ersten Zementwerk rausche, wie so viele vor hundert oder hundertfünfzig Jahren entstanden, dekadenlang Wohlstandsmotor der Region, im beschleunigenden Turbokapitalismus der 90er Jahre an einen internationalen Großkonzern verkauft und wenige Jahre später dann auch schon zugunsten profitablerer Werke geschlossen. Weiter entlang der Route – ein Halbsatz, wie er vor Aufkommen sprechender Navigationsgeräte nur selten zu hören war – wurde eine mächtige Schneise in die Landschaft geschlagen: die B58, die bislang mitten durch Beckum führte, wird gerade mit viel Aufwand drum herum gelegt. Mächtige Schneise, im Hintergrund mächtige Zementwerke, dazwischen in Weite und Langeweile dahindösende Ackerflächen, es schmeckt ein bisschen nach Sci-Fi und Mondlandschaft mit Kartoffeln und Raps. Nächster Haltepunkt das Zementwerk „Phönix“. Auf 20 Baustellenbannern erläutert der freundliche Zementzwerg „Lukas“ dem jüngeren Publikum den Prozess der Zementherstellung (seine Kollegen haben weniger aktuelle Vornamen, sie heißen Günter, Werner und Heiko, vermutlich nähern sie sich dem Rentenalter). Ich persönlich hatte ja zuletzt Vorbehalte gegenüber der Zementindustrie – nein, nicht wegen Günter, Werner und Heiko. Stichwort: CO2! Aber so schlimm scheint es nicht zu sein. Der Zementzwerg spricht von Umweltfreundlichkeit und die Luft, die ist sauber. Toll! Man kann angeblich sogar seine Wäsche wieder draußen aufhängen, ohne sie im Anschluss erneut waschen zu müssen. Ich werde Zement-Fan. Die Route führt weiter durch ehemalige Steinbrüche, die heute dem Freizeitsport und der Naherholung dienen, immer wieder an Werken und Villen vorbei, die teils von Prosperität verkünden, teils von Unkraut durchwachsen sind, ich rutsche ab und lande in Neubeckum, das früher anders hieß, aber dank seiner Anbindung an die Köln-Mindener-Eisenbahn schon vor hundertsiebzig Jahren so wertvoll war, dass es namentlich Anschluss an die Zementmetropole fand. Heute hängt am denkmalgeschützen Bahnhof ein Schild: ab dem 30. August geschlossen. Man weiß nicht, welcher 30. August es gewesen ist, es muss lange her sein. Über das Beckumer Biotop, dessen kalkblaues Wasser herrlich in der Sonne schimmert, erreiche ich wieder den Werseradweg und verabschiede mich völlig unspektakulär in meinen Lufthafen Ahlen. Eines hätte ich fast vergessen! Der Korn! Ich las, dass den Zementarbeitern der Korn mehr taugte als der Kaffee, wodurch sich Beckum ein zweites Standbein als Kornmetropole erwirtschaftete (mir fällt es wie Ähren von den Augen: wächst hierzulande etwa Kaffee? Korn liegt doch viel näher!) Noch heute brennen die Stammhalter Hessling und Frölich (Hessling vertreibt ihn über die Domain korn4you.de) ihren Korn zum Kalk und ich freue mich darauf, wenn bald die Kornroute Beckum eröffnet wird.


Link zur Tour

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Der Phoenix aus der Ruhrgebietstristesse.

20 km vom Phoenixsee zum Westfalenstadion und zurück (to be continued)

Das ist mir auch noch nicht passiert. Dass ich eine Tour vorzeitig abbreche. Aber es war halt einfach zu kalt. Und dann der Nieselregen. Spätestens am Westfalenstadion froren mir die Finger und Füße ab, als hätte ich zwei Stunden im Januar auf der Südtribüne gestanden, oder besser: in der zugigen „Roten Erde“, die direkt daneben liegt. Nicht, dass ich es nicht vorher hätte wissen können. Aber was willste machen? Auf drei Wochen verlängerte Weihnachtsferien im Lockdown zu Hause verbringen, die Nase an die Fensterscheibe gedrückt, ob man nicht doch vielleicht irgendwo einen Sonnenstrahl erspäht? Und so war es immerhin eine wunderbare Zwei-Stunden-Tour, Startpunkt Phoenixsee, man braucht nicht lange um zu ahnen, wer oder was hier aus der Asche des ehemaligen Stahlwerks entstand: die Gentrifizierung. Dort, wo früher Stahl gegossen wurde, wo ein paar Straßen weiter die Stahlarbeiter lebten, wurde nun ein sauberer See in die Landschaft gegossen, damit die Wohlbetuchten in ihren weißen Luxuslogen ringsherum wissen, wohin mit ihren Blicken, nach dem dritten Glas Champagner. Immerhin darf sich jedermann und -frau um Ufer des Sees naherholen, das ist ja auch nicht selbstverständlich – und der Renaturierung der Emscher dient er auch. Ich fahre emscherabwärts und wie immer ahnungslos, weswegen mich das plötzliche Auftauchen des Fernsehturms (Hintergrund), und des Westfalenparks (Vordergrund) auf (literally) kaltem Fuß erwischt. Dass ein paar Brücken weiter das Stadion folgt, war dann jedoch zu erwarten, zumal die steigende Dichte an schwarz-gelben Graffiti nicht zu übersehen ist. Es überrascht mich immer wieder, dass solch eine Kathedrale der Weltreligion Fußball einfach so zwischen Schrebergärten und Bundesstraßen steht, dass man gar bis auf wenige Meter an sie rankommt, dass marode Schankwagen beispielsweise namens „Steffi’s Anstoß“ immer noch Teil dieses milliardenschweren Schauspiels sein dürfen. Während ich noch staune, fängt es an zu regnen. Durchgefroren trete ich den Rückzug an, doch die Tour wird aus Prinzip fortgesetzt, vielleicht wenn Regen und Lockdown vorüber sind, zu vielseitig und interessant ist es hier. Ich rausche rechts der Emscher geradewegs in das alte Hochofenwerk Phoenix-West, wo einige Schaulustige trotz Dreckswetter ein Fotoshooting abhalten und ein anderer seinen Roadster übersteuert, werde, zurück am See, von breitbeinigen Ordnern streng auf die Fußgängerzone hingewiesen (dabei dachte ich, sie würden nur das Einhalten der Maskenpflicht kontrollieren), lasse alles, was noch von Interesse wäre, links und rechts liegen und flüchte mich ins Trockene, auf König Ludwigs Sitzheizung.

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Die Übliche.

Rund 30 Kilometer von Ahlen nach Hamm und anders zurück.

Stadt, Schloss, Stadion, Kanal, noch ein Schloss, Feld, Wald, Zeche. Irgendwie also alles wie immer. Und trotzdem relativ zur Länge eine der schönsten Strecken, die ich je fuhr.
Los geht es wie üblich in Ahlen, ach, natürlich nicht wie üblich, aber wie beim letzten oder vorletzten Mal auch schon, im Schatten des ja bereits als Ungetüm beschriebenen Rathauses beziehungsweise des als Rathaus beschriebenen Ungetüms. Abgesehen davon, was ist üblich? Wo beginnt die Üblichkeit, wo hört sie auf?
Vollkommen unüblich lasse ich mich auf den ersten Metern von der komoot-App leiten, in 40 Metern rechts, dann links abbiegen, dann 100 Meter geradeaus. Schnell merke ich, dass ich eh der rotweißen Beschilderung folge, App also aus. Es geht über einen zwar asphaltierten, jedoch zugeschissenen Wirtschaftsweg nach Süden, bis zum Schloss Oberwerries ist es nicht weit. Hübsch friedlich liegt es zwischen Lippe und Sonne, als ich ein Foto über WhatsApp verschicke fragt H., ob es Burg Hülshoff sei. Tatsächlich sehen sich westfälische Wasserburgen irgendwann oft sehr ähnlich. Anders Schloss Heesen, ein paar Kilometer weiter westlich, ein bisschen mehr Hogwarts und Ratzeburger Dom, Stichworte: Internat und Stufengiebel. Danach die Doppelüberquerung: erst Datteln-Hamm-Kanal, dann Lippe. Oder andersrum. Nee, andersrum, sonst macht es keinen Sinn. Hinterm Kanal dann der schöne Sportpark Hamm-Ost. Die Haupttribüne der „nexx24-Arena“ („Design your life!“) steht etwas auf verlorenem Posten, Kinder auf Wiesen, Menschen auf Bänken, an der Saline – wie kommt die hier plötzlich hin – herrscht Hochbetrieb, ein älteres Paar joggt mehrmals drumherum.
Richtung Osten geht es für ein zwei, drei Kilometer am Kanal, das ist gerade noch erträglich, mehr wäre langweilig, dann auf einem erstaunlich gut ausgebauten Radweg im großen Bogen zurück nach Ahlen. Zuerst sehe ich den Berg, da wird man in den hiesigen Breitengraden schon misstrauisch. Kann doch nur ne Halde sein! Und so ist es. Gleich daneben also die Zeche Westfalen, das Knallgelb der „letzten Lore“ aus dem Jahr 2000 steht im harten Kontrast zu den ins Rostbraun driftenden Betriebsgebäuden. Hinter der Bergarbeitersiedlung steht dann schon das Stadion und von dort geht es nur noch die Werse hoch zum Rathaus.

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Amrum (7)

Fläche: 20,46 km²
Einwohner: 2.279
Übernachtungen: 1,325 Mio. (2017)


Mannomann, Noch nie habe ich so lange gebraucht, um meinen Inselbericht zu verfassen. Vielleicht liegt es daran, dass ich mir darüber klar wurde, es in diesem Jahr ohnehin nicht mehr zu schaffen, alle zwölf Inseln zu besuchen (es sei denn, ich deklarierte es als unaufschiebbare Dienstreise, aber selbst dann müsste ich mich ranhalten). Oder es liegt daran, dass die Schule wieder richtig losging. Oder am Alkoholverzicht. Oder daran, dass ich nicht alleine auf Amrum war, weswegen sich diese Insel eher wir Urlaub anfühlte und weniger wie eine Recherche. Und ich auch gar keine Lust hatte, auf der Insel jeden Stein umzudrehen. Wobei, das hatte ich bei so manch anderer auch schon nicht und habe es denn auch nur halbherzig getan.
Wie immer habe ich im Nachhinein vergessen, was ich im Vorhinein dachte. Vielleicht irgendwas mit Pferden, glaube ich. Und dann war da natürlich M., der mir immer wieder von seinen Sommerurlauben auf Amrum erzählte, von der Weite, von der Stille, von der Anspruchslosigkeit und den endlosen Sonnenuntergängen, und es nicht versäumte, seine Sehnsucht mit Fotostrecken via WhatsApp zu untermalen. Am Ende war es natürlich genau so: Weite, Stille, Anspruchslosigkeit, endlose Sonnenuntergänge und Pferde. Aber das wäre ein bisschen einfach und würde den Verdacht nähren, ich gäbe das Gehörte und Gelesene unhinterfragt und dankbar einfach so wieder, um einen schnellen Abschluss zu finden. Aber so nicht! Nicht mit mir!
Die Fährfahrt von Nordstrand aus war jedenfalls ein Meisterwerk. Der Himmel: wie gemalt. Die Fähre: gepfeffert („Adler-Express“). Das Fährbier: hat gerade noch gefehlt, um diese Reise einfach nur zu genießen. Adler-Express schlängelt sich durchs Niedrigwasser, unterwegs halten wir auf Hallig Hooge, und schon wieder ist nicht klar, was eine Hallig von einer Insel nun unterscheidet, obwohl ich es dutzende Male schon gegoogelt hatte. Es gibt einen ordentlichen Anleger, hinten stehen Häuser, es gibt sogar eine befestigte Straße. Aber keinen Leuchtturm. Vielleicht ist es ja das. Ja, ich glaube, das war’s: Insel nur MIT Leuchtturm.

Amrum ist irgendwie eigenwillig und einladend zugleich, wie eine freundliche, aber etwas kauzige Seele, halb Pferd, halb Aussteiger, halb Strandkorb. Dass die Straßen unaussprechliche Namen tragen erfahre ich erst durch A., ich nehme es ungläubig zur Kenntnis. Auf Baltrum hatten die Straßen überhaupt keine Namen, hier heißen sie Sanghugwai oder Bräätlun, als hätte man sie im Aquavitrausch ersonnen, so wie den eigentlichen Namen der Insel selbst: Öömrang. Man spricht „inselnordfriesisch“. Amrum, das hatte ich schon durch M. erfahren, ist eigentlich keine Insel, mehr so eine Art Lebenseinstellung. Jedenfalls für M. Weite, Ruhe, der Lärm der Welt erstickt im Kniepsand, so etwas wie Verbindlichkeit oder auch nicht, vielleicht auch Unverbindlichkeit. Verbindlichkeit, was die Insel betrifft, Unverbindlichkeit gegenüber allem anderen.

Wir umrunden die Nordspitze, die Amrumer Odde und da ist es wieder: das Weißgelb des Sandes, das Rauschblau des Himmels und dazwischen irgendwo ein dunkler Streifen zischenden Meeres. Möwen kreischen und ein paar Menschen sind vereinzelt in die Landschaft gesprenkelt. Es ist pure, intensive Schönheit. Es ist aber auch wie jedes Mal, wie auf Norderney, Wangerooge, Juist (aber nicht Pellworm), überall wo einen die ungewohnte Weite des Horizonts überwältigt, die Farben irritieren und der Sand wie Sprengstoff um die Ohren fliegt.

Die Insel rinnt mir durch die Finger. Statt wie sonst besessen alle points of interest and no return abzuklappern radele ich mit A. durch die Gegend, sitze im Standkorb, lasse mich im Minigolf besiegen und suche Fischrestaurants, leider allesamt ausgebucht – man hätte Tage vorher reservieren müssen. Das Öömrang-Huus hat zu, der Leuchtturm hat nur vormittags auf, aber was soll’s, der Wald auf dieser Insel ist eh viel schöner, in ihm verstecken sich hübsche Häuser wohlhabender Leute. Auf dem Friedhof in Nebel sind zahlreiche Kapitäne begraben, als wäre er eigens dafür angelegt worden, auch Hark Olufs, der Sklave, der zum Käpt’n wurde. Dass es sich um sprechende Grabsteine handelt, geht in der schleichenden Inselkälte, die hervorkriecht, sobald die Sonne mal nicht hinschaut, unter. Wir rauschen in die Dreharbeiten für den Netflix-Thriller „Schwarze Insel“. Psycho! Ein Mädchen kommt aus der zu einer Schule umetikettierten Kurklinik und pflaumt einen Jungen an, offenbar ist sie irgendwie eifersüchtig oder so. Man darf gespannt sein.
Der Himmel hat sich zugezogen. Im Strandkorb hält man es nicht mehr aus, wir gehen in die erstaunlich große Buchhandlung von Wittdün. Es gibt ganze Reiseführer nur über diese Insel, ich frage mich, ob ich mir vorher einen hätte kaufen sollen, ich wäre besser informiert gewesen. Selbst jetzt habe ich nicht das Gefühl, viel über Amrum zu wissen, nur: zwei Tage hier gewesen zu sein, die sehr schön waren.

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GlaBotKi.

Hätte man mich vor ein paar Jahren gefragt, was mir zu Gladbeck und Bottrop einfiele, wäre Folgendes dabei rausgekommen: Geiseldrama und Moviepark. Das ist ein bisschen dürftig, nicht wahr? Also rauf auf’s Rad und mal gucken, ob das wirklich alles ist.

Startpunkt ist zufällig die „Bezirkssportanlage“ Stadion Lüttinghof in Gelsenkirchen-Buer, weil direkt an der Autobahn und Parkplatz. Aufmerksame Leser werden bemerken, dass ich da schon mal war. Ich hab’s auch schon gemerkt. Deswegen das Adverb „zufällig“. Diesmal geht es jedoch weiter nach Westen, am ehemals zweitgrößten Kohlekraftwerk der Republik vorbei (Kraftwerk Scholven), das immer noch sehr betriebsam wirkt, wenn auch weniger und weniger kohlebetriebsam und mehr und mehr erdgasbetriebsam. Außerdem stehen da auf dem Hügel auch zwei Windräder, vermutlich als eine Art Feigenblatt.

Die Straße runter komme ich am offensichtlich auf halber oder viertel Kraft fahrendem Moviepark entlang (man könnte meinen, in den Ferien stünden die Besucher dort Schlange, aber statt Schlangen steht die Leere vor den Toren und nur aus der Ferne hört man vereinzelte Schreie aus so einem, ja was, keine Achterbahn, kein Riesenrad, wie heißen die Dinger, die einen quer durch die Luft wirbeln? Noch Karussel oder schon … Zentrifuge?) Daneben direkt der nächste Freizeitpark: Schloss Beck. Von irgendeiner Familie in den 60er brachliegend aufgekauft und umgebaut. Heute sieht es so aus: Familien mit Kindern bis 8 Jahre gehen nach Schloss Beck, alle anderen in den Moviepark. Ich weder noch, sondern zur Maschinenhalle Zweckel, einem imposanten und ordentlich gepflegten Überrest der ehemaligen Zeche, die ich allerdings nur kurz beschnuppern darf, denn eigentlich ist gar nicht auf und freundlich werde ich aufgefordert, das Gelände wieder zu verlassen.

Richtung Gladbeck Zentrum geht es wie überhaupt den ganzen Tag und meistens im Ruhrgebiet über schmale Straßenstreifen mit Rissen und Löchern. Kurz vor dem Zentrum war irgendwas, was ich mir markiert hatte, doch ich kann beim besten Willen nicht entdecken, was es war. Im Zentrum geben sich die Discountläden die Tüten in die Hand, sonst ist es aber friedlich und schön. Schön ist auch (herrlich, ich wollte schon lange mal wieder so eine hemdsärmelige Überleitung machen), also schön ist auch das Schloss Wittringen. Sogar sehr schön. Sehr schön, dass da plötzlich so ein Park auftaucht und dadrin ein Teich und dadrin ein Schloss. Und daneben ein Stadion, die „Vestische Kampfbahn“ für 35.000 Leute. Leider gibt es keinen Verein, der diese Menge an Menschen hier reinbrächte, aber vielleicht ja Bundesjugendspiele oder so was. Ich wäre jedenfalls dabei.

In einer Bergarbeitersiedlung versteckt sich die Hauptfiliale der „Grubenhelden“, einem Label für trendige Ruhrpottklamotten, Steiger-Style und so. Leider montags zu. Die dünnen Reifen meines Fixi (schreibt man es so?) rumpeln über Stock und Stein und die Bottroper Stadtgrenze, die an jeder Stelle, wo ich sie überquere – und ich überquere sie heute irgendwie ständig – die Europa-Stadt Bottrop mit ihren zahlreichen Partnerstädten feiert, bis ich über einen nicen Uferweg endlich die City erreiche, von der ich nicht gedacht hatte, dass es sie gibt. Ist man doch im Handumdrehen in Oberhausen, Essen oder Gelsenkirchen. Aber nein! Auch Bottrop hat eine Innenstadt, Fußgängerzone, Geschäfte, nette Menschen.

Die Sonne, die ich extra für heute gepachtet hatte, ist weg, die Lust – auch die meinte ich gepachtet zu haben – auch, der Rückweg wird so zu einer unangenehmen Sache. Ich wähle die kürzeste Verbindung, vernachlässige sträflich das Tetraeder, das sich rechts des Weges aus einer Halde erhebt, aber ganz ehrlich: aus jeder Halde wird hier ein Naherholungszentrum mit irgendeinem vermeintlich bemerkenswerten Special-Teil gemacht, hier ne Sonnenuhr, da ein Tetraeder, irgendwann ist auch gut. Dann doch lieber daran freuen, dass im Stadtteil Batenbrock (jetzt nicht fragen: Stadtteil von welcher Stadt? – Ich befinde mich im Bermudadreieck Gladbeck/Bottrop/Gelsenkirchen und habe den Überblick verloren), jedenfalls gibt es da einen schönen Laden, der zur Bürgerbeteiligung einlädt. Eine Tagespflege für deutsche und türkische Frauen. Loren vor den Häusern mit Blumen drin. Männer, die an Gebüsche urinieren.

Finally bin ich wieder da, wo ich auch schon mal war (man glaubt nicht, dass es in so einem scheinbar riesigen Raum wie dem Ruhrgebiet möglich ist): Buer. Gerade noch in Boy, jetzt in Buer. Das hübsche Buer (keine Ironie, wirklich hübsch). Jetzt kenne ich mich aus: Altstadt, Krankenhaus, alte Zeche, Arbeitersiedlung, Bezirkssportanlage Stadion Lüttinghof. Fertig. Und auch wenn das nur ne erste Kontaktaufnahme zu neuen Orten war steht eines schon fest: Bottrop ist mehr als Moviepark und das Geiseldrama von Gladbeck ist längst vorbei.

Tour bei komoot:

https://www.komoot.de/tour/274410783?ref=wtd

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Der Topf und der Deckel.

Je enger die Zeitfenster werden und je weniger das Wetter, nee, Moment, daran liegt’s eigentlich gar nicht. Eigentlich ist es doch so: an diesen unendlich vielen warmen, sonnigen Tagen, die dieses Jahr uns schon in den Hinter- oder Vordergrund unserer Lebensrealitäten gelegt hat, war es ein Leichtes, durch die Gegend zu ziehen und auch Touren mit langer Anreise damit zu rechtfertigen, dass es ja nun mal gerade so schön da draußen ist und man diese Zeit doch nutzen müsse. Jetzt, wo sich in den Wetterberichten immer häufiger die Adjektive „trüb, nass, grau, windig“ und „regnerisch“ verfangen, ertappe ich mich die Kosten und den Nutzen jedes Ausflugs sorgfältig abwägend, ob es denn wirklich sein müsse, und allzu oft die pragmatische der abenteuerlichen Lösung vorziehend. Kurz gesagt also doch das Wetter. Und auch die Zeitfenster. Wann wird es jetzt dunkel? Um 6? Und wann muss ich ins Bett? Um 10?

Dass ich durch irgendeinen Komoot-Newsletter auf Schloß Westerwinkel aufmerksam werde, nur 25 km südlich von Münster, muss also als glücklicher Zufall betrachtet werden, kannte ich es doch gar nicht und sieht es doch vielversprechend aus. Vom netten Herbern aus geht es also über die A1 zum Schloß, dessen urige Erscheinung umso weitere Fragen aufwirft: wer wohnt hier, wie schön ist das, warum liegt es inmitten eines Golfplatzes und wieso war ich noch nie hier? Keine Antworten, doch wäre das Rauschen der Autobahn nicht so laut, könnte ich wen fragen.

Über Feldwege und Bauernschaft geht es in leichtem Auf und Ab gen Südosten. Dass ich einen Teil des Weges bis Ahlen mit dem Auto statt mit dem Rad zurücklege lasse ich unerwähnt, weil’s mir unangenehm ist, es liegt aber zum Einen an der öden Landschaft (Hof, Feld, Wäldchen, Hof, Feld, Wäldchen) und zum Anderen an Schnupfen wegen Wetter (ich habe das Gefühl, das Wetter wird in den nächsten Wochen und Monaten öfter zur Sprache kommen).

In Ahlen war ich ebenfalls nie. Auch das ist erstaunlich, denn die Stadt hat immerhin 50.000 Einwohner, liegt am Werseradweg (ich müsste also einfach mal von Albersloh ein Stück weiter das Flüsschen runter fahren, was ich aus Gewohn- und Faulheit bislang nie tat) und hat einen Fußballverein, den wir damals regelmäßig mit Schmähgesängen überzogen, dessen Wortlaut ich hier nicht wiedergeben möchte, nur so viel: der ehemalige Mäzen Helmut Spikker kam dabei nicht gut weg. Auf dem Weg zum Stadion steht mir ein Koloss im Weg, ein schrecklich beeindruckendes aber eben auch schreckliches Bauwerk, ein Bürokratiemonster der Geschichte, wie es an vielen Orten vor rund 50 Jahren aus der Taufe gehoben wurde. Man fragt sich heute: wie konnte man bloß eine so düstergraue, lebensverneinende Verwaltungsmaschine hier hinsetzen während sich beim Betrachten der Zeitgeist offenbart, vor allem: das Bedürfnis nach Moderne und Funktionalität.

Schade, dass das Ahlener Rathaus laut Bürgerentscheid nun zugunsten eines Neubaus abgerissen werden soll, mir wäre es ja am liebsten, man ließe die Geschichte so lebendig oder tot in der Gegend rumstehen und mit den Jahrzehnten verfallen. Weiter die Werse runter dann das Stadion, dank einiger Jahre, die der rot-weiße Klub durch Finanzspritzen eines Großsponsors in der zweiten Liga verbrachte ein hübsches, kleines Kästchen für zwölfeinhalbtausend Zuschauer und während der große Bruder, das Weserstadion, bekanntlich direkt an der Weser liegt, liegt das Wersestadion eben an der Werse. (Trotzdem: würde man sich auf den Flussweg nach Bremen begeben und hätte der Rot-Weiß Ahlen e.V. gleichzeitig einen Lauf, käme man vermutlich zeitgleich oben an).

Ahlen ist dann auch schon wieder weit genug nah am Ruhrgebiet dran, um irgendwie auch Bergarbeiter- und Industriestadt zu sein. Irgendwo haben sie sogar eine alte Zeche, die ich allerdings nicht sehe, wegen Wetter. Dafür: Die Stanz- und Emaillierwerke Nahrath, wo früher „das Ahlener Wahrzeichen: der Pott“ hergestellt wurde und noch heute die riesige Topfpresse steht, und das Holtermann-Haus, dessen Eigentümer daran gelegen ist zu betonen, dass er sich in Verbundenheit mit seiner Heimatstadt für die Sanierung desselben einsetzt. Schön wäre es allemal, wo die Stadt schon bald auf ihr heimliches Highlight verzichten muss.

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Die Perlenkette.

109 Kilometer von Hamm nach Duisburg.

Naja, also eigentlich ist es keine Perlenkette, nur halt irgendwie eine Kette. Aber nur halt irgendwie eine Kette, das klingt ja komisch. Treffender wäre natürlich sowas wie: 6 auf einen Streich. 6 Großstädte auf gut 100 Kilometern, das gibt es sonst nur – nirgends! Aber irgendwie gefällt mir Perlenkette besser. Whatever.

Startpunkt ist Hamm Hauptbahnhof, nicht bekannt aus Film und Fernsehen, bekannt aber von zahlreichen und nicht selten misslungenen Umstiegen, was willste hier auch sonst. Es ist aber eindeutig schon Pott: Innenstädte aus Beton, Handyshops und Shisha-Bars, wo einst kurze Waren verkauft oder kurze Schnäpse getrunken wurden, Radwege versanden in aufgerissenen Fußwegen („Fahrräder frei!“), zu leben heißt zu arbeiten (beziehungsweise eben unverkennbar auch: nicht zu arbeiten). Es dauert ungefähr ’ne Stunde, bis ich aus der Stadt raus bin und mich mangels Beschilderung – Lünen und Unna sind konsequent ausgeschildert, ich will aber nach Dortmund – irgendwie übers Feld und immer wieder über irgendwelche Autobahnen bis zu Ikea durchschlage. Nicht falsch verstehen, ich fahre nicht über die Autobahnen, sondern über sie drüber, wobei mir der Unterschied jetzt auch nicht mehr klar ist, denkbar wäre in diesem Durcheinander alles. Dann wieder, was mir bis Duisburg ständig passieren wird: Du kommst ausse Stadt raus, eben noch Industriehallen und Hochhäuser oder halt Ikea, plötzlich aber, als wie wenn du abrupt das Fernsehprogramm gewechselt hättest: Felder, Pferde, Höfe, Stille (also relative Stille). Hinter Afferde beginnt Dortmund mit der Betonung auf beginnt. Erst kommt Wickede, dann Asseln, Brackel, Wambel, schließlich Körne und dann, immer den Gleisen der Straßenbahn nach habe ich in Gedanken längst die Speisekarten verschiedener Imbissbuden rauf und runter bestellt, „Dortmund Zentrum“. Also, dass Dortmund nicht schön ist wusste ich irgendwie schon, aber mit welch schamloser Hässlichkeit mich das Zentrum rund um die Reinoldikirche empfängt lässt mir die Kinnleiste in die Pedale rutschen. Auf die Kirchtreppen strömen Jugendliche mit prallvollen Netto-Tüten und Regenbogenflaggen, „Alkohol!“, und am U, der ehemaligen Brauerei, die erfreulicherweise zu einem Kunst- und Kulturzentrum umgebaut wurde, schallt es aus den Boxen „Ich habe meine Hausaufgaben nie gemacht“ (… der Track geht noch weiter, den Rest habe ich aber vergessen.)


Von dort ist Bochum ausgeschildert, jedenfalls für eine kurze Weile. Erstmal geht es auf den Uni-Hügel, von wo man einen tollen Blick auf die Stadt, das Stadion und die Studenten, nein, die nicht, hat, dann von dort wieder runter. Die Uni ist ein Mikrokosmos, mit Bauklötzen aus dem Boden gezogen in den 60ern – und das auch nur als Reaktion auf wütende Proteste der Dortmunder hinsichtlich der Eröffnung der Ruhr-Universität in Bochum. Es könne doch nicht sein, dass Bochum, Dortmund aber nicht! Dieser hat sie nun sogar eine Hochbahn mit dem bemerkenswerten Namen „H-Bahn“ voraus, der den Eindruck der Künstlichkeit noch unterstreicht. Felder, Pferde, Höfe, ein bisschen, und dann schon: Bochum, wenn auch nur: Langendreer, noch 5 Kilometer bis Bochum-Zentrum. Der Radweg ist eine Katastrophe, aber immerhin steht neben der zerbeulten und von Unkraut zerwachsenen Piste ab und an ein ausgeblichenes Radfahrschild, Pfeil geradeaus.

Bochum-Zentrum wiederum empfängt mich, Besucher 9.842.873 (in welchem Zeitraum auch immer), wie eine Kupplung ihr Gegenstück – ich rausche hinein und bin passgenau drinnen. Leider bleibe ich irgendwie nicht lange, bin schon wieder weg, erinnere mich an nichts.* Wohingegen Wattenscheid mir im Gedächtnis bleibt – Wattenscheid, ganz Fußballdeutschland kennt Wattenscheid von der einst so durch die Decke geschossenen SG 09, die nun gerade in die endgültige Insolvenz geriet. Die Lohrmühle steht aber noch, nebenan kicken ein paar Winzlinge auf dem Ascheplatz und streiten sich um die Torausbeute. Wattenscheid ist dann schon fast Essen. Neben die A40 haben sie einige hundert Meter perfekten Radfahrweg gebaut, bevor es diffus in die Innenstadt geht. Zwischenfazit: die Strecke ist scheiße, aber das Ruhrgebiet geil. Diese Hautnähe, in der ich hier die Wirren der jüngeren Geschichte und die rasanten Entwicklungen der Gegenwart erfahre, kriege ich selten so ungeschönt auf das Silbertablett gerotzt. Darauf am Essener Hauptbahnhof erstmal „eine kleine Persönlichkeit“ (wie sich das lokale Bier qua Unterzeile nennt).

*doch, jetzt wieder: ich laufe eine Art Partymeile hinunter bis zum Bermudadreieck und ein Mann relativiert im Tonfall eines Diavortraghaltenden das Virus an sich, es sei alles gar nichts Schlimmes und Besonderes, die ganze Aufregung vollkommen übertrieben. Und dann lande ich im Rotlichtviertel, nur weil die Straße im Abendsonnenschein so schön aussieht, doch Kneipen namens „Eros“ klingen verdächtig und die Aufpasser gucken auch schon – Kundschaft? Daneben, wie konnte ich sie unerwähnt lassen: die Jahrhunderthalle! Mega schön, auf weiter Wiese wird zu Ravemusik der Blick auf das monströse Industriedenkmal genossen, es ist zum hierbleiben und festwachsen!

Am nächsten Morgen erwartet mich die Essener Innenstadt kalt und leer. Die Fressbuden, die jetzt statt auf den Jahrmärkten überall in den Innenstädten stehen, wirken seltsam deplatziert und überflüssig. Ich weiß überhaupt nicht wohin, und fahre stattdessen erstmal auf die Margaretenhöhe, nur des Namens wegen, also nur des Klangs des Namens wegen, denn mit dem Namen selbst kann ich gar nichts anfangen. Was mich, dort angekommen, schon wundert, denn das ist schon bemerkenswert. Ich streife eine halbe Stunde lang durch die Straßen und es ist unvorstellbar, dass es jemanden gibt, der hier nicht wohnen wollen würde. Es ist für ein Wohngebiet beinahe paradiesisch, die Häuser strahlen eine einheitliche Friedfertigkeit aus, es riecht nach Edvard Grieg und klingt nach selbstgemachter Apfeltorte, die Boheme ist unter sich. Schlimm, aber bezeichnend: an den Straßen stehen doppelt so viele Autos, wie es Häuser gibt. Dafür sind die Fassaden begrünt.


Die Sonne ist jetzt mein einziger Wegweiser, an Tagen wie diesen (was ich nicht mehr sagen oder schreiben kann, ohne an die Toten Hosen zu denken) braucht es nicht mehr. Ich gerate, welch Glück!, in das Rumbachtal, ein hügeliges Naturschutzgebiet, in dem sich vortrefflich Bücher über Hasen schreiben ließen, finde mich nach einer halben Stunde an der Ruhr wieder, es hätte nicht schöner kommen können, und wie in einem Tagtraum geht es dem Flusslauf entlang nach Mülheim, nicht Mühlheim, davon gibt es dutzende anderswo, nein Mülheim, eine Stadt, Entschuldigung, ich muss mal einen Punkt machen. Eine Stadt also wie Flasche leer – von außen schön, aber innen nicht, wobei es vielleicht eher andersrum ist, na, egal. So schlimm ist es auch gar nicht, wobei, doch. Aber es hat was, wie das „Forum“ mitten in die City gebummst wurde und die vielspurigen Straßen sich gemeinsam mit den Fußgängerzonen durch den Pudding graben. An der Ruhr wiederum: Wasser, Bäume, Rentner, schön. Über die Ruhr führt eine Fahrradautobahn, die jedoch ein paar hundert Meter weiter an der Hochschule schon wieder endet. Hinter einem Mann, für dessen Gattung (trotz Hitze lange, dicke, schwarze Kleidung und Pudelmütze) ich mir beizeiten einen Namen überlegen werde, radele ich am Duisburger Zoo, vor dem lange Schlangen an Menschen auf Einlass warten, entlang die paar Kilometer bis zur Endstation, Duisburg Zentrum, das mich an diesem Sonntagnachmittag wie eine alte, verarmte und soeben aus dem Mittagsschlaf erwachte Diva empfängt. Ich drehe noch ein paar Runden durch den Garten der Erinnerung (der wirklich so heißt und dessen alternative Gestaltung mich immer wieder umhaut), esse endlich die obligatorische Currywurst (immer am gleichen Stand und immer passiert es, dass ich auf das „Guten Appetit!“ der Verkäuferin „Danke, gleichfalls!“ erwidere) und dann verschwinde ich irgendwo zwischen Gleis 12 und Gleis 23 in einem Zug.

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