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Die Zementrunde

50 km Werseradweg von Ahlen nach Beckum inklusive der Zementrunde (aber ohne Korn)

Das Wetter war gut, ich hatte ein Auto parat, ich fuhr nach Ahlen. Es ist mir nicht ganz erklärlich, was genau der Grund dafür ist, warum mich diese an sich eher nicht so beliebte Stadt immer wieder anzieht, vermutlich ist es gerade das, also dass sie an sich eher nicht so beliebt ist. Vielleicht habe ich auch einfach was aufzuholen, in dieser Ecke, weil ich bislang so selten dort war.
Heute also mal nach Beckum, wo ich meines Wissens auch noch nie war, dabei ist Beckum ebenfalls nicht klein, das nehme ich aber auch erst anders wahr, seitdem das (wieder eingeführte) Beckumer Kennzeichen BE immer häufiger in Münster auftaucht (häufig an Fahrzeugen der Marke Mercedes-BEnz).
Ich brauche nicht lange zu überlegen, wie ich von Ahlen nach Beckum komme, es gibt ja den Werseradweg, ein Weg, der die Herzen radfahrender Rentner höher schlagen lässt: in vorsichtigen Schlangenlinien windet er sich dem leise zwitschernden Flüsschen entlang, ohne dabei auch nur einen einzigen Höhenmeter zu überwinden, die Elektroantriebe können dem Vatertagstreiben tatenlos zusehen.
Im hübschen Beckum werde ich weniger von Tattoo-Studios in Fachwerkhäusern, mehr jedoch von der Zementroute überrascht, ein schöner Weg rund um die Stadt mit vielen interessanten Informationstafeln. Dass diese Stadt ein oder gar DAS Zentrum der deutschen Zementindustrie ist, war mir überhaupt nicht bekannt. Es geht zunächst auf den Höxberg, auf dem sich eine Wald-Kita neben der historischen Windmühle niedergelassen hat. Von Zement noch keine Spur. Das ändert sich gewaltig, natürlich im wahrsten Sinne des Wortes, als ich den Berg wieder hinunter zum ersten Zementwerk rausche, wie so viele vor hundert oder hundertfünfzig Jahren entstanden, dekadenlang Wohlstandsmotor der Region, im beschleunigenden Turbokapitalismus der 90er Jahre an einen internationalen Großkonzern verkauft und wenige Jahre später dann auch schon zugunsten profitablerer Werke geschlossen. Weiter entlang der Route – ein Halbsatz, wie er vor Aufkommen sprechender Navigationsgeräte nur selten zu hören war – wurde eine mächtige Schneise in die Landschaft geschlagen: die B58, die bislang mitten durch Beckum führte, wird gerade mit viel Aufwand drum herum gelegt. Mächtige Schneise, im Hintergrund mächtige Zementwerke, dazwischen in Weite und Langeweile dahindösende Ackerflächen, es schmeckt ein bisschen nach Sci-Fi und Mondlandschaft mit Kartoffeln und Raps. Nächster Haltepunkt das Zementwerk „Phönix“. Auf 20 Baustellenbannern erläutert der freundliche Zementzwerg „Lukas“ dem jüngeren Publikum den Prozess der Zementherstellung (seine Kollegen haben weniger aktuelle Vornamen, sie heißen Günter, Werner und Heiko, vermutlich nähern sie sich dem Rentenalter). Ich persönlich hatte ja zuletzt Vorbehalte gegenüber der Zementindustrie – nein, nicht wegen Günter, Werner und Heiko. Stichwort: CO2! Aber so schlimm scheint es nicht zu sein. Der Zementzwerg spricht von Umweltfreundlichkeit und die Luft, die ist sauber. Toll! Man kann angeblich sogar seine Wäsche wieder draußen aufhängen, ohne sie im Anschluss erneut waschen zu müssen. Ich werde Zement-Fan. Die Route führt weiter durch ehemalige Steinbrüche, die heute dem Freizeitsport und der Naherholung dienen, immer wieder an Werken und Villen vorbei, die teils von Prosperität verkünden, teils von Unkraut durchwachsen sind, ich rutsche ab und lande in Neubeckum, das früher anders hieß, aber dank seiner Anbindung an die Köln-Mindener-Eisenbahn schon vor hundertsiebzig Jahren so wertvoll war, dass es namentlich Anschluss an die Zementmetropole fand. Heute hängt am denkmalgeschützen Bahnhof ein Schild: ab dem 30. August geschlossen. Man weiß nicht, welcher 30. August es gewesen ist, es muss lange her sein. Über das Beckumer Biotop, dessen kalkblaues Wasser herrlich in der Sonne schimmert, erreiche ich wieder den Werseradweg und verabschiede mich völlig unspektakulär in meinen Lufthafen Ahlen. Eines hätte ich fast vergessen! Der Korn! Ich las, dass den Zementarbeitern der Korn mehr taugte als der Kaffee, wodurch sich Beckum ein zweites Standbein als Kornmetropole erwirtschaftete (mir fällt es wie Ähren von den Augen: wächst hierzulande etwa Kaffee? Korn liegt doch viel näher!) Noch heute brennen die Stammhalter Hessling und Frölich (Hessling vertreibt ihn über die Domain korn4you.de) ihren Korn zum Kalk und ich freue mich darauf, wenn bald die Kornroute Beckum eröffnet wird.


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