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ausfluege bike

Der Phoenix aus der Ruhrgebietstristesse.

20 km vom Phoenixsee zum Westfalenstadion und zurück (to be continued)

Das ist mir auch noch nicht passiert. Dass ich eine Tour vorzeitig abbreche. Aber es war halt einfach zu kalt. Und dann der Nieselregen. Spätestens am Westfalenstadion froren mir die Finger und Füße ab, als hätte ich zwei Stunden im Januar auf der Südtribüne gestanden, oder besser: in der zugigen „Roten Erde“, die direkt daneben liegt. Nicht, dass ich es nicht vorher hätte wissen können. Aber was willste machen? Auf drei Wochen verlängerte Weihnachtsferien im Lockdown zu Hause verbringen, die Nase an die Fensterscheibe gedrückt, ob man nicht doch vielleicht irgendwo einen Sonnenstrahl erspäht? Und so war es immerhin eine wunderbare Zwei-Stunden-Tour, Startpunkt Phoenixsee, man braucht nicht lange um zu ahnen, wer oder was hier aus der Asche des ehemaligen Stahlwerks entstand: die Gentrifizierung. Dort, wo früher Stahl gegossen wurde, wo ein paar Straßen weiter die Stahlarbeiter lebten, wurde nun ein sauberer See in die Landschaft gegossen, damit die Wohlbetuchten in ihren weißen Luxuslogen ringsherum wissen, wohin mit ihren Blicken, nach dem dritten Glas Champagner. Immerhin darf sich jedermann und -frau um Ufer des Sees naherholen, das ist ja auch nicht selbstverständlich – und der Renaturierung der Emscher dient er auch. Ich fahre emscherabwärts und wie immer ahnungslos, weswegen mich das plötzliche Auftauchen des Fernsehturms (Hintergrund), und des Westfalenparks (Vordergrund) auf (literally) kaltem Fuß erwischt. Dass ein paar Brücken weiter das Stadion folgt, war dann jedoch zu erwarten, zumal die steigende Dichte an schwarz-gelben Graffiti nicht zu übersehen ist. Es überrascht mich immer wieder, dass solch eine Kathedrale der Weltreligion Fußball einfach so zwischen Schrebergärten und Bundesstraßen steht, dass man gar bis auf wenige Meter an sie rankommt, dass marode Schankwagen beispielsweise namens „Steffi’s Anstoß“ immer noch Teil dieses milliardenschweren Schauspiels sein dürfen. Während ich noch staune, fängt es an zu regnen. Durchgefroren trete ich den Rückzug an, doch die Tour wird aus Prinzip fortgesetzt, vielleicht wenn Regen und Lockdown vorüber sind, zu vielseitig und interessant ist es hier. Ich rausche rechts der Emscher geradewegs in das alte Hochofenwerk Phoenix-West, wo einige Schaulustige trotz Dreckswetter ein Fotoshooting abhalten und ein anderer seinen Roadster übersteuert, werde, zurück am See, von breitbeinigen Ordnern streng auf die Fußgängerzone hingewiesen (dabei dachte ich, sie würden nur das Einhalten der Maskenpflicht kontrollieren), lasse alles, was noch von Interesse wäre, links und rechts liegen und flüchte mich ins Trockene, auf König Ludwigs Sitzheizung.