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Die Übliche.

Rund 30 Kilometer von Ahlen nach Hamm und anders zurück.

Stadt, Schloss, Stadion, Kanal, noch ein Schloss, Feld, Wald, Zeche. Irgendwie also alles wie immer. Und trotzdem relativ zur Länge eine der schönsten Strecken, die ich je fuhr.
Los geht es wie üblich in Ahlen, ach, natürlich nicht wie üblich, aber wie beim letzten oder vorletzten Mal auch schon, im Schatten des ja bereits als Ungetüm beschriebenen Rathauses beziehungsweise des als Rathaus beschriebenen Ungetüms. Abgesehen davon, was ist üblich? Wo beginnt die Üblichkeit, wo hört sie auf?
Vollkommen unüblich lasse ich mich auf den ersten Metern von der komoot-App leiten, in 40 Metern rechts, dann links abbiegen, dann 100 Meter geradeaus. Schnell merke ich, dass ich eh der rotweißen Beschilderung folge, App also aus. Es geht über einen zwar asphaltierten, jedoch zugeschissenen Wirtschaftsweg nach Süden, bis zum Schloss Oberwerries ist es nicht weit. Hübsch friedlich liegt es zwischen Lippe und Sonne, als ich ein Foto über WhatsApp verschicke fragt H., ob es Burg Hülshoff sei. Tatsächlich sehen sich westfälische Wasserburgen irgendwann oft sehr ähnlich. Anders Schloss Heesen, ein paar Kilometer weiter westlich, ein bisschen mehr Hogwarts und Ratzeburger Dom, Stichworte: Internat und Stufengiebel. Danach die Doppelüberquerung: erst Datteln-Hamm-Kanal, dann Lippe. Oder andersrum. Nee, andersrum, sonst macht es keinen Sinn. Hinterm Kanal dann der schöne Sportpark Hamm-Ost. Die Haupttribüne der „nexx24-Arena“ („Design your life!“) steht etwas auf verlorenem Posten, Kinder auf Wiesen, Menschen auf Bänken, an der Saline – wie kommt die hier plötzlich hin – herrscht Hochbetrieb, ein älteres Paar joggt mehrmals drumherum.
Richtung Osten geht es für ein zwei, drei Kilometer am Kanal, das ist gerade noch erträglich, mehr wäre langweilig, dann auf einem erstaunlich gut ausgebauten Radweg im großen Bogen zurück nach Ahlen. Zuerst sehe ich den Berg, da wird man in den hiesigen Breitengraden schon misstrauisch. Kann doch nur ne Halde sein! Und so ist es. Gleich daneben also die Zeche Westfalen, das Knallgelb der „letzten Lore“ aus dem Jahr 2000 steht im harten Kontrast zu den ins Rostbraun driftenden Betriebsgebäuden. Hinter der Bergarbeitersiedlung steht dann schon das Stadion und von dort geht es nur noch die Werse hoch zum Rathaus.

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Amrum (7)

Fläche: 20,46 km²
Einwohner: 2.279
Übernachtungen: 1,325 Mio. (2017)


Mannomann, Noch nie habe ich so lange gebraucht, um meinen Inselbericht zu verfassen. Vielleicht liegt es daran, dass ich mir darüber klar wurde, es in diesem Jahr ohnehin nicht mehr zu schaffen, alle zwölf Inseln zu besuchen (es sei denn, ich deklarierte es als unaufschiebbare Dienstreise, aber selbst dann müsste ich mich ranhalten). Oder es liegt daran, dass die Schule wieder richtig losging. Oder am Alkoholverzicht. Oder daran, dass ich nicht alleine auf Amrum war, weswegen sich diese Insel eher wir Urlaub anfühlte und weniger wie eine Recherche. Und ich auch gar keine Lust hatte, auf der Insel jeden Stein umzudrehen. Wobei, das hatte ich bei so manch anderer auch schon nicht und habe es denn auch nur halbherzig getan.
Wie immer habe ich im Nachhinein vergessen, was ich im Vorhinein dachte. Vielleicht irgendwas mit Pferden, glaube ich. Und dann war da natürlich M., der mir immer wieder von seinen Sommerurlauben auf Amrum erzählte, von der Weite, von der Stille, von der Anspruchslosigkeit und den endlosen Sonnenuntergängen, und es nicht versäumte, seine Sehnsucht mit Fotostrecken via WhatsApp zu untermalen. Am Ende war es natürlich genau so: Weite, Stille, Anspruchslosigkeit, endlose Sonnenuntergänge und Pferde. Aber das wäre ein bisschen einfach und würde den Verdacht nähren, ich gäbe das Gehörte und Gelesene unhinterfragt und dankbar einfach so wieder, um einen schnellen Abschluss zu finden. Aber so nicht! Nicht mit mir!
Die Fährfahrt von Nordstrand aus war jedenfalls ein Meisterwerk. Der Himmel: wie gemalt. Die Fähre: gepfeffert („Adler-Express“). Das Fährbier: hat gerade noch gefehlt, um diese Reise einfach nur zu genießen. Adler-Express schlängelt sich durchs Niedrigwasser, unterwegs halten wir auf Hallig Hooge, und schon wieder ist nicht klar, was eine Hallig von einer Insel nun unterscheidet, obwohl ich es dutzende Male schon gegoogelt hatte. Es gibt einen ordentlichen Anleger, hinten stehen Häuser, es gibt sogar eine befestigte Straße. Aber keinen Leuchtturm. Vielleicht ist es ja das. Ja, ich glaube, das war’s: Insel nur MIT Leuchtturm.

Amrum ist irgendwie eigenwillig und einladend zugleich, wie eine freundliche, aber etwas kauzige Seele, halb Pferd, halb Aussteiger, halb Strandkorb. Dass die Straßen unaussprechliche Namen tragen erfahre ich erst durch A., ich nehme es ungläubig zur Kenntnis. Auf Baltrum hatten die Straßen überhaupt keine Namen, hier heißen sie Sanghugwai oder Bräätlun, als hätte man sie im Aquavitrausch ersonnen, so wie den eigentlichen Namen der Insel selbst: Öömrang. Man spricht „inselnordfriesisch“. Amrum, das hatte ich schon durch M. erfahren, ist eigentlich keine Insel, mehr so eine Art Lebenseinstellung. Jedenfalls für M. Weite, Ruhe, der Lärm der Welt erstickt im Kniepsand, so etwas wie Verbindlichkeit oder auch nicht, vielleicht auch Unverbindlichkeit. Verbindlichkeit, was die Insel betrifft, Unverbindlichkeit gegenüber allem anderen.

Wir umrunden die Nordspitze, die Amrumer Odde und da ist es wieder: das Weißgelb des Sandes, das Rauschblau des Himmels und dazwischen irgendwo ein dunkler Streifen zischenden Meeres. Möwen kreischen und ein paar Menschen sind vereinzelt in die Landschaft gesprenkelt. Es ist pure, intensive Schönheit. Es ist aber auch wie jedes Mal, wie auf Norderney, Wangerooge, Juist (aber nicht Pellworm), überall wo einen die ungewohnte Weite des Horizonts überwältigt, die Farben irritieren und der Sand wie Sprengstoff um die Ohren fliegt.

Die Insel rinnt mir durch die Finger. Statt wie sonst besessen alle points of interest and no return abzuklappern radele ich mit A. durch die Gegend, sitze im Standkorb, lasse mich im Minigolf besiegen und suche Fischrestaurants, leider allesamt ausgebucht – man hätte Tage vorher reservieren müssen. Das Öömrang-Huus hat zu, der Leuchtturm hat nur vormittags auf, aber was soll’s, der Wald auf dieser Insel ist eh viel schöner, in ihm verstecken sich hübsche Häuser wohlhabender Leute. Auf dem Friedhof in Nebel sind zahlreiche Kapitäne begraben, als wäre er eigens dafür angelegt worden, auch Hark Olufs, der Sklave, der zum Käpt’n wurde. Dass es sich um sprechende Grabsteine handelt, geht in der schleichenden Inselkälte, die hervorkriecht, sobald die Sonne mal nicht hinschaut, unter. Wir rauschen in die Dreharbeiten für den Netflix-Thriller „Schwarze Insel“. Psycho! Ein Mädchen kommt aus der zu einer Schule umetikettierten Kurklinik und pflaumt einen Jungen an, offenbar ist sie irgendwie eifersüchtig oder so. Man darf gespannt sein.
Der Himmel hat sich zugezogen. Im Strandkorb hält man es nicht mehr aus, wir gehen in die erstaunlich große Buchhandlung von Wittdün. Es gibt ganze Reiseführer nur über diese Insel, ich frage mich, ob ich mir vorher einen hätte kaufen sollen, ich wäre besser informiert gewesen. Selbst jetzt habe ich nicht das Gefühl, viel über Amrum zu wissen, nur: zwei Tage hier gewesen zu sein, die sehr schön waren.

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GlaBotKi.

Hätte man mich vor ein paar Jahren gefragt, was mir zu Gladbeck und Bottrop einfiele, wäre Folgendes dabei rausgekommen: Geiseldrama und Moviepark. Das ist ein bisschen dürftig, nicht wahr? Also rauf auf’s Rad und mal gucken, ob das wirklich alles ist.

Startpunkt ist zufällig die „Bezirkssportanlage“ Stadion Lüttinghof in Gelsenkirchen-Buer, weil direkt an der Autobahn und Parkplatz. Aufmerksame Leser werden bemerken, dass ich da schon mal war. Ich hab’s auch schon gemerkt. Deswegen das Adverb „zufällig“. Diesmal geht es jedoch weiter nach Westen, am ehemals zweitgrößten Kohlekraftwerk der Republik vorbei (Kraftwerk Scholven), das immer noch sehr betriebsam wirkt, wenn auch weniger und weniger kohlebetriebsam und mehr und mehr erdgasbetriebsam. Außerdem stehen da auf dem Hügel auch zwei Windräder, vermutlich als eine Art Feigenblatt.

Die Straße runter komme ich am offensichtlich auf halber oder viertel Kraft fahrendem Moviepark entlang (man könnte meinen, in den Ferien stünden die Besucher dort Schlange, aber statt Schlangen steht die Leere vor den Toren und nur aus der Ferne hört man vereinzelte Schreie aus so einem, ja was, keine Achterbahn, kein Riesenrad, wie heißen die Dinger, die einen quer durch die Luft wirbeln? Noch Karussel oder schon … Zentrifuge?) Daneben direkt der nächste Freizeitpark: Schloss Beck. Von irgendeiner Familie in den 60er brachliegend aufgekauft und umgebaut. Heute sieht es so aus: Familien mit Kindern bis 8 Jahre gehen nach Schloss Beck, alle anderen in den Moviepark. Ich weder noch, sondern zur Maschinenhalle Zweckel, einem imposanten und ordentlich gepflegten Überrest der ehemaligen Zeche, die ich allerdings nur kurz beschnuppern darf, denn eigentlich ist gar nicht auf und freundlich werde ich aufgefordert, das Gelände wieder zu verlassen.

Richtung Gladbeck Zentrum geht es wie überhaupt den ganzen Tag und meistens im Ruhrgebiet über schmale Straßenstreifen mit Rissen und Löchern. Kurz vor dem Zentrum war irgendwas, was ich mir markiert hatte, doch ich kann beim besten Willen nicht entdecken, was es war. Im Zentrum geben sich die Discountläden die Tüten in die Hand, sonst ist es aber friedlich und schön. Schön ist auch (herrlich, ich wollte schon lange mal wieder so eine hemdsärmelige Überleitung machen), also schön ist auch das Schloss Wittringen. Sogar sehr schön. Sehr schön, dass da plötzlich so ein Park auftaucht und dadrin ein Teich und dadrin ein Schloss. Und daneben ein Stadion, die „Vestische Kampfbahn“ für 35.000 Leute. Leider gibt es keinen Verein, der diese Menge an Menschen hier reinbrächte, aber vielleicht ja Bundesjugendspiele oder so was. Ich wäre jedenfalls dabei.

In einer Bergarbeitersiedlung versteckt sich die Hauptfiliale der „Grubenhelden“, einem Label für trendige Ruhrpottklamotten, Steiger-Style und so. Leider montags zu. Die dünnen Reifen meines Fixi (schreibt man es so?) rumpeln über Stock und Stein und die Bottroper Stadtgrenze, die an jeder Stelle, wo ich sie überquere – und ich überquere sie heute irgendwie ständig – die Europa-Stadt Bottrop mit ihren zahlreichen Partnerstädten feiert, bis ich über einen nicen Uferweg endlich die City erreiche, von der ich nicht gedacht hatte, dass es sie gibt. Ist man doch im Handumdrehen in Oberhausen, Essen oder Gelsenkirchen. Aber nein! Auch Bottrop hat eine Innenstadt, Fußgängerzone, Geschäfte, nette Menschen.

Die Sonne, die ich extra für heute gepachtet hatte, ist weg, die Lust – auch die meinte ich gepachtet zu haben – auch, der Rückweg wird so zu einer unangenehmen Sache. Ich wähle die kürzeste Verbindung, vernachlässige sträflich das Tetraeder, das sich rechts des Weges aus einer Halde erhebt, aber ganz ehrlich: aus jeder Halde wird hier ein Naherholungszentrum mit irgendeinem vermeintlich bemerkenswerten Special-Teil gemacht, hier ne Sonnenuhr, da ein Tetraeder, irgendwann ist auch gut. Dann doch lieber daran freuen, dass im Stadtteil Batenbrock (jetzt nicht fragen: Stadtteil von welcher Stadt? – Ich befinde mich im Bermudadreieck Gladbeck/Bottrop/Gelsenkirchen und habe den Überblick verloren), jedenfalls gibt es da einen schönen Laden, der zur Bürgerbeteiligung einlädt. Eine Tagespflege für deutsche und türkische Frauen. Loren vor den Häusern mit Blumen drin. Männer, die an Gebüsche urinieren.

Finally bin ich wieder da, wo ich auch schon mal war (man glaubt nicht, dass es in so einem scheinbar riesigen Raum wie dem Ruhrgebiet möglich ist): Buer. Gerade noch in Boy, jetzt in Buer. Das hübsche Buer (keine Ironie, wirklich hübsch). Jetzt kenne ich mich aus: Altstadt, Krankenhaus, alte Zeche, Arbeitersiedlung, Bezirkssportanlage Stadion Lüttinghof. Fertig. Und auch wenn das nur ne erste Kontaktaufnahme zu neuen Orten war steht eines schon fest: Bottrop ist mehr als Moviepark und das Geiseldrama von Gladbeck ist längst vorbei.

Tour bei komoot:

https://www.komoot.de/tour/274410783?ref=wtd

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Der Topf und der Deckel.

Je enger die Zeitfenster werden und je weniger das Wetter, nee, Moment, daran liegt’s eigentlich gar nicht. Eigentlich ist es doch so: an diesen unendlich vielen warmen, sonnigen Tagen, die dieses Jahr uns schon in den Hinter- oder Vordergrund unserer Lebensrealitäten gelegt hat, war es ein Leichtes, durch die Gegend zu ziehen und auch Touren mit langer Anreise damit zu rechtfertigen, dass es ja nun mal gerade so schön da draußen ist und man diese Zeit doch nutzen müsse. Jetzt, wo sich in den Wetterberichten immer häufiger die Adjektive „trüb, nass, grau, windig“ und „regnerisch“ verfangen, ertappe ich mich die Kosten und den Nutzen jedes Ausflugs sorgfältig abwägend, ob es denn wirklich sein müsse, und allzu oft die pragmatische der abenteuerlichen Lösung vorziehend. Kurz gesagt also doch das Wetter. Und auch die Zeitfenster. Wann wird es jetzt dunkel? Um 6? Und wann muss ich ins Bett? Um 10?

Dass ich durch irgendeinen Komoot-Newsletter auf Schloß Westerwinkel aufmerksam werde, nur 25 km südlich von Münster, muss also als glücklicher Zufall betrachtet werden, kannte ich es doch gar nicht und sieht es doch vielversprechend aus. Vom netten Herbern aus geht es also über die A1 zum Schloß, dessen urige Erscheinung umso weitere Fragen aufwirft: wer wohnt hier, wie schön ist das, warum liegt es inmitten eines Golfplatzes und wieso war ich noch nie hier? Keine Antworten, doch wäre das Rauschen der Autobahn nicht so laut, könnte ich wen fragen.

Über Feldwege und Bauernschaft geht es in leichtem Auf und Ab gen Südosten. Dass ich einen Teil des Weges bis Ahlen mit dem Auto statt mit dem Rad zurücklege lasse ich unerwähnt, weil’s mir unangenehm ist, es liegt aber zum Einen an der öden Landschaft (Hof, Feld, Wäldchen, Hof, Feld, Wäldchen) und zum Anderen an Schnupfen wegen Wetter (ich habe das Gefühl, das Wetter wird in den nächsten Wochen und Monaten öfter zur Sprache kommen).

In Ahlen war ich ebenfalls nie. Auch das ist erstaunlich, denn die Stadt hat immerhin 50.000 Einwohner, liegt am Werseradweg (ich müsste also einfach mal von Albersloh ein Stück weiter das Flüsschen runter fahren, was ich aus Gewohn- und Faulheit bislang nie tat) und hat einen Fußballverein, den wir damals regelmäßig mit Schmähgesängen überzogen, dessen Wortlaut ich hier nicht wiedergeben möchte, nur so viel: der ehemalige Mäzen Helmut Spikker kam dabei nicht gut weg. Auf dem Weg zum Stadion steht mir ein Koloss im Weg, ein schrecklich beeindruckendes aber eben auch schreckliches Bauwerk, ein Bürokratiemonster der Geschichte, wie es an vielen Orten vor rund 50 Jahren aus der Taufe gehoben wurde. Man fragt sich heute: wie konnte man bloß eine so düstergraue, lebensverneinende Verwaltungsmaschine hier hinsetzen während sich beim Betrachten der Zeitgeist offenbart, vor allem: das Bedürfnis nach Moderne und Funktionalität.

Schade, dass das Ahlener Rathaus laut Bürgerentscheid nun zugunsten eines Neubaus abgerissen werden soll, mir wäre es ja am liebsten, man ließe die Geschichte so lebendig oder tot in der Gegend rumstehen und mit den Jahrzehnten verfallen. Weiter die Werse runter dann das Stadion, dank einiger Jahre, die der rot-weiße Klub durch Finanzspritzen eines Großsponsors in der zweiten Liga verbrachte ein hübsches, kleines Kästchen für zwölfeinhalbtausend Zuschauer und während der große Bruder, das Weserstadion, bekanntlich direkt an der Weser liegt, liegt das Wersestadion eben an der Werse. (Trotzdem: würde man sich auf den Flussweg nach Bremen begeben und hätte der Rot-Weiß Ahlen e.V. gleichzeitig einen Lauf, käme man vermutlich zeitgleich oben an).

Ahlen ist dann auch schon wieder weit genug nah am Ruhrgebiet dran, um irgendwie auch Bergarbeiter- und Industriestadt zu sein. Irgendwo haben sie sogar eine alte Zeche, die ich allerdings nicht sehe, wegen Wetter. Dafür: Die Stanz- und Emaillierwerke Nahrath, wo früher „das Ahlener Wahrzeichen: der Pott“ hergestellt wurde und noch heute die riesige Topfpresse steht, und das Holtermann-Haus, dessen Eigentümer daran gelegen ist zu betonen, dass er sich in Verbundenheit mit seiner Heimatstadt für die Sanierung desselben einsetzt. Schön wäre es allemal, wo die Stadt schon bald auf ihr heimliches Highlight verzichten muss.

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Die Perlenkette.

109 Kilometer von Hamm nach Duisburg.

Naja, also eigentlich ist es keine Perlenkette, nur halt irgendwie eine Kette. Aber nur halt irgendwie eine Kette, das klingt ja komisch. Treffender wäre natürlich sowas wie: 6 auf einen Streich. 6 Großstädte auf gut 100 Kilometern, das gibt es sonst nur – nirgends! Aber irgendwie gefällt mir Perlenkette besser. Whatever.

Startpunkt ist Hamm Hauptbahnhof, nicht bekannt aus Film und Fernsehen, bekannt aber von zahlreichen und nicht selten misslungenen Umstiegen, was willste hier auch sonst. Es ist aber eindeutig schon Pott: Innenstädte aus Beton, Handyshops und Shisha-Bars, wo einst kurze Waren verkauft oder kurze Schnäpse getrunken wurden, Radwege versanden in aufgerissenen Fußwegen („Fahrräder frei!“), zu leben heißt zu arbeiten (beziehungsweise eben unverkennbar auch: nicht zu arbeiten). Es dauert ungefähr ’ne Stunde, bis ich aus der Stadt raus bin und mich mangels Beschilderung – Lünen und Unna sind konsequent ausgeschildert, ich will aber nach Dortmund – irgendwie übers Feld und immer wieder über irgendwelche Autobahnen bis zu Ikea durchschlage. Nicht falsch verstehen, ich fahre nicht über die Autobahnen, sondern über sie drüber, wobei mir der Unterschied jetzt auch nicht mehr klar ist, denkbar wäre in diesem Durcheinander alles. Dann wieder, was mir bis Duisburg ständig passieren wird: Du kommst ausse Stadt raus, eben noch Industriehallen und Hochhäuser oder halt Ikea, plötzlich aber, als wie wenn du abrupt das Fernsehprogramm gewechselt hättest: Felder, Pferde, Höfe, Stille (also relative Stille). Hinter Afferde beginnt Dortmund mit der Betonung auf beginnt. Erst kommt Wickede, dann Asseln, Brackel, Wambel, schließlich Körne und dann, immer den Gleisen der Straßenbahn nach habe ich in Gedanken längst die Speisekarten verschiedener Imbissbuden rauf und runter bestellt, „Dortmund Zentrum“. Also, dass Dortmund nicht schön ist wusste ich irgendwie schon, aber mit welch schamloser Hässlichkeit mich das Zentrum rund um die Reinoldikirche empfängt lässt mir die Kinnleiste in die Pedale rutschen. Auf die Kirchtreppen strömen Jugendliche mit prallvollen Netto-Tüten und Regenbogenflaggen, „Alkohol!“, und am U, der ehemaligen Brauerei, die erfreulicherweise zu einem Kunst- und Kulturzentrum umgebaut wurde, schallt es aus den Boxen „Ich habe meine Hausaufgaben nie gemacht“ (… der Track geht noch weiter, den Rest habe ich aber vergessen.)


Von dort ist Bochum ausgeschildert, jedenfalls für eine kurze Weile. Erstmal geht es auf den Uni-Hügel, von wo man einen tollen Blick auf die Stadt, das Stadion und die Studenten, nein, die nicht, hat, dann von dort wieder runter. Die Uni ist ein Mikrokosmos, mit Bauklötzen aus dem Boden gezogen in den 60ern – und das auch nur als Reaktion auf wütende Proteste der Dortmunder hinsichtlich der Eröffnung der Ruhr-Universität in Bochum. Es könne doch nicht sein, dass Bochum, Dortmund aber nicht! Dieser hat sie nun sogar eine Hochbahn mit dem bemerkenswerten Namen „H-Bahn“ voraus, der den Eindruck der Künstlichkeit noch unterstreicht. Felder, Pferde, Höfe, ein bisschen, und dann schon: Bochum, wenn auch nur: Langendreer, noch 5 Kilometer bis Bochum-Zentrum. Der Radweg ist eine Katastrophe, aber immerhin steht neben der zerbeulten und von Unkraut zerwachsenen Piste ab und an ein ausgeblichenes Radfahrschild, Pfeil geradeaus.

Bochum-Zentrum wiederum empfängt mich, Besucher 9.842.873 (in welchem Zeitraum auch immer), wie eine Kupplung ihr Gegenstück – ich rausche hinein und bin passgenau drinnen. Leider bleibe ich irgendwie nicht lange, bin schon wieder weg, erinnere mich an nichts.* Wohingegen Wattenscheid mir im Gedächtnis bleibt – Wattenscheid, ganz Fußballdeutschland kennt Wattenscheid von der einst so durch die Decke geschossenen SG 09, die nun gerade in die endgültige Insolvenz geriet. Die Lohrmühle steht aber noch, nebenan kicken ein paar Winzlinge auf dem Ascheplatz und streiten sich um die Torausbeute. Wattenscheid ist dann schon fast Essen. Neben die A40 haben sie einige hundert Meter perfekten Radfahrweg gebaut, bevor es diffus in die Innenstadt geht. Zwischenfazit: die Strecke ist scheiße, aber das Ruhrgebiet geil. Diese Hautnähe, in der ich hier die Wirren der jüngeren Geschichte und die rasanten Entwicklungen der Gegenwart erfahre, kriege ich selten so ungeschönt auf das Silbertablett gerotzt. Darauf am Essener Hauptbahnhof erstmal „eine kleine Persönlichkeit“ (wie sich das lokale Bier qua Unterzeile nennt).

*doch, jetzt wieder: ich laufe eine Art Partymeile hinunter bis zum Bermudadreieck und ein Mann relativiert im Tonfall eines Diavortraghaltenden das Virus an sich, es sei alles gar nichts Schlimmes und Besonderes, die ganze Aufregung vollkommen übertrieben. Und dann lande ich im Rotlichtviertel, nur weil die Straße im Abendsonnenschein so schön aussieht, doch Kneipen namens „Eros“ klingen verdächtig und die Aufpasser gucken auch schon – Kundschaft? Daneben, wie konnte ich sie unerwähnt lassen: die Jahrhunderthalle! Mega schön, auf weiter Wiese wird zu Ravemusik der Blick auf das monströse Industriedenkmal genossen, es ist zum hierbleiben und festwachsen!

Am nächsten Morgen erwartet mich die Essener Innenstadt kalt und leer. Die Fressbuden, die jetzt statt auf den Jahrmärkten überall in den Innenstädten stehen, wirken seltsam deplatziert und überflüssig. Ich weiß überhaupt nicht wohin, und fahre stattdessen erstmal auf die Margaretenhöhe, nur des Namens wegen, also nur des Klangs des Namens wegen, denn mit dem Namen selbst kann ich gar nichts anfangen. Was mich, dort angekommen, schon wundert, denn das ist schon bemerkenswert. Ich streife eine halbe Stunde lang durch die Straßen und es ist unvorstellbar, dass es jemanden gibt, der hier nicht wohnen wollen würde. Es ist für ein Wohngebiet beinahe paradiesisch, die Häuser strahlen eine einheitliche Friedfertigkeit aus, es riecht nach Edvard Grieg und klingt nach selbstgemachter Apfeltorte, die Boheme ist unter sich. Schlimm, aber bezeichnend: an den Straßen stehen doppelt so viele Autos, wie es Häuser gibt. Dafür sind die Fassaden begrünt.


Die Sonne ist jetzt mein einziger Wegweiser, an Tagen wie diesen (was ich nicht mehr sagen oder schreiben kann, ohne an die Toten Hosen zu denken) braucht es nicht mehr. Ich gerate, welch Glück!, in das Rumbachtal, ein hügeliges Naturschutzgebiet, in dem sich vortrefflich Bücher über Hasen schreiben ließen, finde mich nach einer halben Stunde an der Ruhr wieder, es hätte nicht schöner kommen können, und wie in einem Tagtraum geht es dem Flusslauf entlang nach Mülheim, nicht Mühlheim, davon gibt es dutzende anderswo, nein Mülheim, eine Stadt, Entschuldigung, ich muss mal einen Punkt machen. Eine Stadt also wie Flasche leer – von außen schön, aber innen nicht, wobei es vielleicht eher andersrum ist, na, egal. So schlimm ist es auch gar nicht, wobei, doch. Aber es hat was, wie das „Forum“ mitten in die City gebummst wurde und die vielspurigen Straßen sich gemeinsam mit den Fußgängerzonen durch den Pudding graben. An der Ruhr wiederum: Wasser, Bäume, Rentner, schön. Über die Ruhr führt eine Fahrradautobahn, die jedoch ein paar hundert Meter weiter an der Hochschule schon wieder endet. Hinter einem Mann, für dessen Gattung (trotz Hitze lange, dicke, schwarze Kleidung und Pudelmütze) ich mir beizeiten einen Namen überlegen werde, radele ich am Duisburger Zoo, vor dem lange Schlangen an Menschen auf Einlass warten, entlang die paar Kilometer bis zur Endstation, Duisburg Zentrum, das mich an diesem Sonntagnachmittag wie eine alte, verarmte und soeben aus dem Mittagsschlaf erwachte Diva empfängt. Ich drehe noch ein paar Runden durch den Garten der Erinnerung (der wirklich so heißt und dessen alternative Gestaltung mich immer wieder umhaut), esse endlich die obligatorische Currywurst (immer am gleichen Stand und immer passiert es, dass ich auf das „Guten Appetit!“ der Verkäuferin „Danke, gleichfalls!“ erwidere) und dann verschwinde ich irgendwo zwischen Gleis 12 und Gleis 23 in einem Zug.

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Hermann extern, oder so.

Knapp 29 Kilometer von den Externsteinen zum Hermannsdenkmal und zurück.

Weil mir Berlin zu weit war, fuhr ich also nach Bad Meinberg, genauer: nach Horn-Bad Meinberg. Eigentlich, als die Orte am 1.1.1970 zusammengelegt wurden, sollte es Bad Meinberg-Horn heißen, aber „es regte sich massiver Widerstand“, wie es so schön heißt. Von Horn kriege ich aber ohnehin nichts mit, von Bad Meinberg etwas mehr, aber das ist ja auch egal, es geht ja primär ums Wandern. Horn-Bad Meinberg also deshalb, weil hier die Externsteine sind, weil man von den Externsteinen eine gute Runde zum Hermannsdenkmal und zurück drehen kann, und weil Berlin mir, wie gesagt, zu weit war. Außerdem sollte es am Sonntag regnen, nur am Samstag einige wenige sonnige Stunden geben, sonst Regen, aber das war natürlich wieder nicht so, am Ende gab es überhaupt keinen Regen, weder am Samstag, noch am Sonntag. Aber zurück zum Thema.

Ich starte direkt am Highlight, weil ich nicht wüsste, wo sonst. Die Externsteine sind eine Felsformation aus Sandstein, aber vor allem auch: eine enorm beeindruckende Felsformation aus Sandstein. So unvermittelt stehen sie da, dass man kaum glauben kann die Natur schüttele sowas einfach mal aus dem Handgelenk, ohne Absicht und Kalkül, doch vielleicht war es ja gerade Kalkül und Absicht, dass die Menschen kommen und da stehen und die Felsen bestaunen (und sie zigtausendfach fotografieren), wie sie da stehen. Es ist noch früh, ein Mann spielt auf einer Art Querflöte während die ersten sich anstellen, um die Felsen zu beklettern.
In dem Wissen, am Abend zurückzukehren, mache ich mich schnell auf den Hermannsweg zum Hermannsdenkmal, gut 12 Kilometer. Herrlich, mal wieder bergauf und bergab durch echten Wald zu laufen, keinen Stadtforst, aber es ist auch: sehr populär, also ich meine: SEHR populär. Nach dem sechsundvierzigsten „Hallo“ vergeht mir die Lust am Grüßen und ich wünschte, ich hätte eine Nebenstrecke genommen. Dennoch: der Weg ist schön, führt auf und ab auf schmalen Pfaden und breiten Trassen mitten durch den Garten von Mutter Natur.

Obwohl mich die Externsteine viel mehr beeindruckten, scheint der Arminius, mit knapp 54 Metern die größte Statue Deutschlands, eine viel stärkere Anziehungskraft auf Touristen auszuüben, sie tummeln sich in Scharen, zu allem Überfluss findet noch ein Fotoshooting mit irgendwelchen Stinktier-Darstellern statt und eine breitbeinige Truppe offen Rechtsradikaler arbeitet ihre Liste germanischer Pilgerstätten ab. So wahnsinnig und bemerkenswert diese Umsetzung deutscher Nationalromantik auch ist, mir wird schlecht und ich trete den Rückzug an. Der soll eigentlich easy über den X6 gehen, doch, wie so oft, ich verliere ihn und irre, nicht nolens noch volens, den nicht zielführenden X10 zu laufen, offen durch den Wald. Was in Kanada oder den Karpaten spannend werden könnte, endet hier allerdings nur damit, dass ich einen Abhang hinunterstolpere, wo ich wiederum auf einen Wanderweg treffe, „Hallo!“. Es scheint, die deutschen Wälder seien mit Wegen durchzogen wie meine Nerven mit dünnen Drahtseilen, ach was, Drahtfasern, die jeden Augenblick zu reißen drohen. Bergauf, bergab, ich wusste nicht mehr, wie wenig ich das gewohnt bin und wie sehr es nerven kann, es ist Monate her, dass ich mit Höhenmetern in Kontakt kam, und jetzt, wo ich mich wieder den Externsteinen nähere, nimmt die Dichte an Grüßaugusten erneut anstrengende Ausmaße an. Als ich dann aber schließlich dort bin, die Kraft der Naturgewalt vor Augen, fröhliche, multikulturelle Familien statt rechtsnationaler Symbolik, Weite statt Enge, da fällt der Frust in sich zusammen. Vielleicht bleibe ich beim nächsten Mal einfach bei den Externsteinen, lege mich dort den ganzen Tag ins nassfeuchte Gras und spiele auf meiner Querflöte. Das ist zwar keine sportliche Leistung, aber es schont die Nerven, und manchmal kann man beides zugleich eben nicht haben.

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Baltrum (6)

Fläche: 6,5 km²
Einwohner: 496
Übernachtungen: ?

Wenn man mich fragt, wo‘s am schönsten war, sag‘ ich: Baltrum. Heiaoaheia, Heiahoahe. Dabei liegt es vermutlich nur am Kurze-Hosen-Wetter, dass es mir hier so gut gefällt. Vielleicht aber auch daran, dass mir niemand gesagt hat, wie schön es hier ist. Alle nur so: Baltrum? Ach, Baltrum. Der kleine Flecken zwischen Norderney und Langeoog, „nee, da war ich noch nie“ und vielleicht sagte auch jemand „da soll es nicht so schön sein.“, aber das weiß ich nicht mehr. Ich vergrabe meine Objektivität am Nordseestrand, kaufe mir das Lustige Taschenbuch, Sonderedition „Ein Tag am Meer“ – Nomen est omen – und flüchte vor der fiebrigen Sommersonne in einen rot-weiß gestreiften Strandkorb.

Was hatte ich mir für einen Stress gemacht, vorher. Vom plötzlichen Schulbeginn übertölpelt und mit der Angst, mein ohnehin coronabedingt wackeliges Reisegerüst könne irgendwo zwischen Lehr- und Fährplänen zusammenbrechen, stürzte ich mich Freitag mittag auf die Autobahn. Kaum war ich angekommen, mutterseelenallein, klitschnassgeschwitzt und viel zu früh am Kai, dachte ich: So nie wieder. Aber wie dann?

Baltrum – mein Dornröschen der Nordsee. Diesen Slogan schuf der ehemalige Badedirektor Wilhelm Vogel (wer kennt ihn nicht?) bereits in den 20ern, also in den letzten, und… Moment? Dornröschen? Hundertjähriger Schlaf? Es dürfte dann nicht mehr lange dauern, bis Baltrum erwacht, doch wie genau soll das aussehen? Schon jetzt scheint das Eiland längst kein Geheimtipp mehr zu sein, allein seine mangelnde Größe schützt es davor, vom Mobilismus und Massentourismus überrollt zu werden. Andererseits habe ich bis heute keine schlüssigen Übernachtungszahlen gefunden: 14.000 im Jahr? Klingt angesichts von einer Million auf der nun auch nicht wesentlich größeren Insel Wangerooge wie ein Missverständnis. Die Häuser jedenfalls sind nach Baujahr nummeriert. Es gibt drei- oder vierhundert, in den meisten wohnen Gäste und die Alarmglocken schrillen leise von den Pinnwänden – Gesucht: Wohnraum für Menschen, die auf Baltrum arbeiten! Für die Kassiererinnen, Bademeister und Küchenkräfte! Ist kaum noch zu kriegen. Warum ist die Insel auch so klein? Vor vierhundert Jahren war sie viel größer, verlor große Teile ans Meer und an den versnobten Nachbarn Norderney – Gottlob wird heute auf sie aufgepasst, wie auf fast allen Ostfriesischen Inseln schützen Buhnen und massive Uferbestigungen die Insel vor weiterem Landverlust an der Westseite, von den Deichen ganz zu schweigen: Well ne will dieken, de mutt wieken (was auf Hochdeutsch noch ein bisschen blöder klingt: Wer nicht weichen will, muss deichen.)

Der erste Abend ist der Hammer: weiter Strand, weites Meer, weite, warme Luft, kaltes Jever, olivgrüner, nee, orangeroter (aber das klingt so abgenutzt) Sonnenuntergang, dann diese ins familiäre abdriftende Urlaubsstimmung, die ich auf keiner anderen Insel so erlebt habe, so als würde jeder jeden schon ewig kennen, und plötzlich: ein Soundcheck an Strandabschnitt B – drei bärtige Männer spielen Coversongs für lau, Joe Cocker’s „summer in the city“, Bob Marley’s „no island no cry“, dann der Höhepunkt: „Wenn ich König von Baltrum wär’.“ In der Trinkpause schlendere ich weiter zum „Sonnenuntergangscafé“, das seinem Namen alle Ehre macht. Ein völlig gemischtes Publikum aus bunten Kindern, Jugendlichen, Eltern und polobehemdeten Senioren sitzt und steht auf den Stufen und erfreut sich am farbwarmen Versinken der Sonne. Es ist herrlich.

Am nächsten Morgen brennt der gelbe Ballon schon früh lichterloh, die Insel ist fast schattenlos. Im ersten Haus am Platz, einem ich glaube 90-jährigen Schnickschnackgeschäft, kaufe ich eine Matrosenmütze, reserviere mir einen Strandkorb, siehe oben – ich glaube, nur Baltrum erlaubt es sich, die Dinger unabgeschlossen herumstehen zu lassen – und – erst die Arbeit, bla, bla, bla – fotografiere noch schnell die wichtigsten, allerdings viel zu stark beleuchteten Baudenkmäler: die große evangelische und die kleine katholische Kirche, letztere mehr Wikingerhauptquartier als Gotteshaus, aber sehr hübsch, eine Besucherin versteigt sich gar zu der Bemerkung: „Eine der schönsten Kirchen, die ich je gesehen habe!“ Interessant, ne, welche Bedeutung den Worten „ich“ und „je“ hier zugute kommt, zwischen 2 und 20.000 „je gesehenen“ Kirchen, die eine einzige Person gesehen hat, ist ja alles drin und davon abhängig der Wert des Urteils, das aber dennoch erstmal beeindruckt. Der Rest des Tages also Strandkorb, Salzwasser und Lustiges Taschenbuch. Mich wundert, dass es aus den Körben ringsum nur zu schwäbeln scheint. Großmutter: „Letschtes Jahr ware ma auch hier, des war herrlisch. Aber dies Jahr mit de Kinder, desch is kei Urlaub.“ Pause. „Um Gottes Wille, ich liebe de Kinder, aber Urlaub isch des net.“ Womit wir beim Thema Kinder wären. Gibt es hier reichlich, wobei ich nicht weiß, ob ich das nur deshalb erwähne, weil ich las, Baltrum sei „die Kinderinsel“. Also nicht nur Dornröschen, sondern auch Kinder. Was stimmt: Es gibt viele, aber gut, es sind ja auch Ferien. Und: für Kinder ist es toll: kurze Wege, viel Strand und keine Autos. Umso mehr sticht der Flugplatz heraus, auf dem so ungefähr im Minutentakt winzige Propropropellermaschinen quietschend auf die Landebahn setzen und knatternd von ihr abheben, während neben dem Rollfeld einige ungewöhnlich kräftige Pferde grasen.

Wie geht es weiter? Ich weiß es nicht mehr. Es ist Sonntag, einer dieser halben Tage, an denen man schon den Rucksack für die Abreise mit sich rumschleppt und trotzdem noch einige Stunden zu verbringen hat. Also laufen, doch noch. Am Westende fischen zwei Jungs, ein Stück weiter reckt und streckt sich eine Yoga-Runde. Unten, an der Wattseite, haufenweise Wanderer, verteilt auf kleine Grüppchen. „Auf einem Quadratmeter scheißen hier also 14 Wattwürmer!“, höre ich einen Führer euphorisch ins Publikum brüllen. Dann Salzwiesen, Rotschenkel, Lachmöwe, Ringelgans. Ich komme am Ostende der dann doch überraschend großen Insel raus und stelle fest: sieht aus wie immer, also wie fast immer. Oben, am Strand, stechen mir diese linealartigen Muscheln, wie heißen die, ins Auge.* Sind mir sonstwo nie aufgefallen. Mal abgesehen von all diesen Pflanzen, die ich fast jedesmal sehe, und die ich auch nicht kenne – außer Strandhafer, Distel und Hagebutte. Am Ende werde ich auf zwölf Inseln gewesen sein und nichts als Sand im Kopf haben. Aber wenigstens das. Vielleicht liegt es auch gar nicht nur am Kurze-Hosen-Wetter, dass es mir hier so gut gefällt. Vielleicht ist Baltrum einfach so Dornröschen, dass es sich lohnt, ihr sein Herz zu schenken.

*Ich recherchiere: Schwertmuschel! Von Frachtschiffen aus Amerika eingeschleppt!

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Die Verburgte.

62 Kilometer mit dem Rad von Senden über Nordkirchen nach Lüdinghausen.

Manchmal will ich gar nicht groß rauskommen, nur ne schmale Runde drehen, aber dann doch wieder nicht dahin, wo ich schon tausend mal war. Also muss doch wieder Ludwig (das Auto) ran, weil mit der Bahn zu umständlich und zu teuer, um mich aus dem Kern in die Peripherie zu katapultieren. Und so lasse ich Ludwig am Park-and-Ride-Platz an der A43 in Bösensell zurück und habe fortan die Freiheit gepachtet: der Himmel ist blau und die Straßen sind frei. Einmal Nordkirchen hin und zurück, ich schätze mal zwei, drei Stunden. Dass es am Ende fünf werden und ich eine erbärmliche Durchschnittsgeschwindigkeit von nicht mal 15 km/h berechne liegt zwar zum Einen an den obligatorischen Foto-Stopps, zum Anderen bringt es mich dem Kauf eines Rennrads ein Stückchen näher.

Erste Station: das Venner Moor. Über Holzbalken holpere ich durch die stille Naturlandschaft, kleine Eidechsen kreuzen erschrocken meinen Weg, eine Gruppe Rentner stößt am Torfstich mit einem Schluck Rotwein an. Ehrlich gesagt: das war’s. Wenn ich mal Ruhe suche, komme ich wieder, aber heute bin ich weg, Grund: siehe oben (Nordkirchen! Zwei, drei Stunden!). Also husch, husch, raus aus dem Moor und am namensgebenden Örtchen Venne vorbei nach Otti-Botti, wie der Fachmann sagt, offiziell: Ottmarsbocholt. Wie oft denke ich bei der Einfahrt: nice! Hier möchte ich wohnen! Endlich Ruhe! Bei der Ausfahrt denke ich das oft schon nicht mehr. Aber nichts gegen Otti-Botti. Ein Corona-Kunstprojekt aus bemalten Steinen geleitet den Weg in den Ort, der Sportplatz von Otti-Botti ist tippi-toppi, die CDU wünscht hier und da auf großen Bannern einen „Schönen Sommer!“ und Sonnenblumen stehen am Ortsausgang wie neugierige Zuschauer Spalier.

Weiter nach Ascheberg, will ich gar nicht hin, geht aber nicht anders, wüsste jedenfalls gerade nicht, wie. Direkt an der A1 gelegen, dominieren Lager- und Logistikhallen das Stadtbild (zumindest in der Peripherie, aber mehr werde ich heute von Ascheberg nicht mitbekommen). Tschüß. Und ab jetzt wird’s richtig schön. Über Landwirtschaftswege geht es an zahlreichen Höfen, Heu und Hühnern vorbei ins Touri-Nest Nordkirchen. Auf dem Mauritiusplatz, der leider nicht wegen der Insel so heißt, lässt es sich vorzüglich Eis essen, im Schlosspark herrschaftlich Kinderwagen oder sonst was hin und herschieben und der blaue Blick auf das „Westfälische Versailles“ lässt die Herzen aller Freunde der Symmetrie in die Wolken gehen. Nachdem das Schloß über die Jahrhunderte von einem hochverschuldeten Herzog zum anderen vererbt wurde, muss man heute dankbar sein, dass das Land die Gebäude in seine Obhut nahm und nebenbei seine Finanzschule hier unterbrachte. Vielleicht ein guter Ort um zu lernen, wie man mit Geld umgeht.

Von Nordkirchen ist es ein Dreiviertelstündchen bis Lüdinghausen. Unterwegs passiere ich die winzige „Alte Schule“ von Bechtrup oder Getrup, nein: Westrup! Man kann sich bildlich vorstellen, wie zwei Handvoll Bauernkinder über den Hof toben und beim Läuten der Turmglocke brav in die Klasse eilen. In der 25.000-Einwohner-Stadt Lüdinghausen, die erst seit kurzem wieder durch ihr eigenes Autokennzeichen ungeahnte Präsenz erreicht, schießen die Burgen aus dem Boden. Also sie schießen nicht aus dem Boden, denn sie sind ja schon lange dort, aber äh. Es gibt drei! Die meisten Städte haben nicht mal eine. Drei! Da ist einmal „Die Burg.“, wie sie sich selbst nennt, also „die Burg“ Vischering, tatsächlich aber ein Prachtexemplar, hat man sie der Gräfte entlang umrundet, möchte man es gleich noch einmal tun. Giebel, Gauben und Erker spiegeln sich im trübtauben Gewässer und bei „Junker Jörg“ kaufe ich ein Burgbrot. Ein paar hundert Meter die Stever hinunter dann die zweite Burg, die ursprünglich dem Herrn von Lüdinghausen gehörte (während Burg Vischering irgendwem anders gehörte, der sich mit dem Herrn nicht grün war). Auch schön, aber entweder bin ich nach dem Anblick von Burg Vischering schon satt, oder Burg zwo ist halt nicht so schön wie Burg eins. Burg drei schaffe ich dann nicht mehr, stattdessen juckel ich noch etwas kreuz und quer durch die hübsche Altstadt, versuche die schiefschrägen Fahrradständer vor der Musikschule ins Bild zu kriegen, erfahre vom Branntweinbrenner „mit dem zweiten Gesicht“ (er konnte Dinge vorhersehen, ob mit oder ohne Branntwein ist nicht näher erklärt) und fühle mich von der Uhr aus der Stadt getrieben. Wollte ich nicht nur eine kleine Runde drehen?

Auf dem Weg zur nächsten Burg kommt die nächste Burg, die ich aber erst bemerke, als ich mich an ihr vorbeifahrend wundere. Über eine nutzlose Brücke, die parallel zu einer Straße führt. Über diese eigentümliche Anlage von Burg Kakesbeck, kaum sichtbar und scheinbar halb verfallen und doch so voller Leben, dass Flötenklänge über den Wassergraben hinüber dringen. Darüber, dass man überhaupt auf so einer Burg leben kann.

Das letzte Stück führt am Kanal entlang zum Schloss von Senden. Auch dieses steht verschlossen hinter seinem Wassergraben und reibt sich noch müde die Augen vom jahrzehntelangen Dornröschenschlaf. Immerhin wird fleißig saniert und ich bin voller Hoffnung, bald einziehen oder wenigstens einige Blicke hinein werfen zu können.

Am Ende stellt sich raus: Es gibt einen Radweg namens „100-Schlösser-Route“. Mir reichen heute allerdings fünf, für einen Tag eine gute Ausbeute.

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Die Nördlichen.

48 Kilometer durch die nördlichen Münsteraner Stadtteile.

Zu viel Zeit, zu wenig Zeit – irgendwie hatte ich mich an die Nördlichen eine Weile nicht ran gewagt. Schließlich fehlten mir zur Vervollständigung der Tour de Münsteraner Stadtteile noch 9 derselben (so dachte ich! Es waren aber nur 8. Puh.) – jedenfalls zu Tagestrip für eine Feierabendrunde, zu Feierabendrunde für einen Tagestrip, zu ach, was weiß ich. Dann war es aber überhaupt nicht schlimm und genau genommen sogar tausend mal schöner als der gewerbegebietlastige, südliche Teil der Tour. Vielleicht blies aber auch einfach der Wind damals heftiger als heute.

Los ging es also in Gievenbeck, dessen Ortseingang so sehr mit der Kernstadt verschmolzen ist, dass man kaum ein Schild findet, an dem sich der Grenzübertritt festmachen ließe. Bis vor hundert Jahren standen hier nur ein paar Bauernhäuser, ha! Heut ist von den Bauern nicht viel geblieben, Studenten und „Universitätsangehörige“ haben das Gebiet in ein eng bebautes 80er/90er/00er-Neubaumolloch verwandelt, dessen Wohnwert sich an der Nähe zur Innenstadt bemisst, weniger an der zur Autobahn, welche überquert werden muss, um zum herrlichen Haus Rüschhaus (ja, zweimal „Haus“) zu gelangen, ehemaliger Wohnsitz von Johann Conrad Schlaun und Annette von Droste Hülshoff. Wenn man es schafft, das Rauschen der A1 zu überhören, könnte man hier, im Garten zwischen den barocken Buchsbäumchen, fast zum Dichter werden.

Ein paar Landwirtschaftswege weiter ist dann Nienberge, zu dem auch das Rüschhaus (offiziell) gehört. Ansonsten sticht Nienberge nicht als einziger Stadtteil, aber in ganz besonderer Weise als „besonders bei Familien beliebter Wohnvorort“ heraus. Symptomatisch dafür: In der Ortsmitte steht neben den handelsüblichen Geschäften die gusseiserne Statue einer vermutlich Schwangeren und wenige Meter weiter die eines Paares mit Kind. Natürlich ist nich viel los, hier wird gewohnt, nicht gelebt, zumindest nicht öffentlich, höchstens hinter hohen Hecken.

Ein Stück die große Straße runter, dann links und idyllisch über die Felder zur Gasselstiege gelangt man am schnieken Golfplatz Wilkinghege vorbei zu einer anderen Realität: die Wohnsiedlung „Brüningheide“ im Stadtteil Kinderhaus. In den 70ern als mustergültige Wohnsiedlung errichtet, liest sich die Gegenwart so: „Ein Drittel der 3000 Bewohner ist unter 18 Jahre alt. Die Hälfte der Bewohner ist auf staatliche Unterstützung angewiesen, mehr als zwei Drittel hat eine Migrationsgeschichte.“ Als Kind war ich oft in Kinderhaus, aber eigentlich nur im Hallenbad, und selbst davon weiß ich nur noch, wie der Knopf aussah, mit dem man die Dusche anmachte. Außerdem wusste ich früh vom Lepramuseum, wenn auch bis heute nicht, dass der Ort seinen Namen vom ehemaligen Leprosenhaus hat („der armen kinderen Hus“). Mit dem unbedingten Wunsch, hier öfter hinzukommen (nicht ins Leprosenhaus, nein – nach Kinderhaus), im Hinterkopf, belasse ich es heute bei einem Kurzbesuch.

Zu Nienberge gehörend, dann aber doch wieder ein eigener Stadtteil: Häger, nicht verwandt oder verschwägert mit dem berühmten Wikinger und auch nur halb so schrecklich. Häger hat es vermutlich nur seines Bahnhaltepunkts wegen zum Stadtteil bzw. Ortsteil gebracht – ungeklärt, warum Häger, nicht aber die vergleichbaren Flecken Mariendorf oder Sudmühle es zu offiziellen Stadtteilen gebracht haben (vielleicht ja gerade wegene des Bahnhaltepunkts). An selbigem stehen erstaunlich viele Räder mit platten Reifen, was die Assoziation an Abfahrten ohne Rückkehr weckt. Ansonsten: eine Straße (okay, eine große und ein paar kleine), wenige Häuser, ein Papierkorb, ein Mann, der „Guten Tag“ sagt, fertig. Trotzdem sehr schön, weil wahnsinnig friedlich. Außerdem liegt Häger umgeben von den Nienberger Höhen, die mit knapp hundert Metern über NN die höchste Erhebung auf Münsteraner Stadtgebiet darstellen. Entsprechend schön die Weiterfahrt nach… Moment…

Sprakel! Ein Name wie ein langbeiniges Insekt, das abends durch das angekippte Fenster kommt, dabei bedeutete es einst „dichtes Unterholz“. Sprakel. Meinetwegen. Der Ort: Einfamilienhaus mit Garten, Einfamilienhaus mit Garten, Einfamilienhaus mit… gähn. Was natürlich für den Ort spricht. Schlafen und Rosen züchten kann man hier sicher bestens. Wie immer, wenn sonst alles tot ist, gibt es doch wenigstens eine Kirche, eine Volksbank und einen nah und gut, in dem ein angegrautes Ehepaar eine Dose Prosecco am Kassenband vergisst.

Schnell weiter durch die fantastisch daliegenden Rieselfelder, in denen früher die Abwässer der Stadt verdunsteten oder versickerten (so richtig war mir nie klar, was mit „verrieseln“ gemeint ist) und wo heute hunderte Vögel rasten. Hinter den Felder und über den Kanal und sonst auch irgendwie nie kommt man nach Gelmer. Direkt am Ortseingang das geile „Heidestadion“ der Heidekicker vom örtlichen DJK Grün-Weiß Gelmer. Vom Namen her würde ich glatt Mitglied werden, aber hier ist keiner. Außerdem ergoogel ich mir die Bedeutung von DJK: Deutsche Jugendkraft. Ich schwanke zwischen irgendwie cool und würde man eigentlich heutzutage so nicht mehr… Einerseits. Anderseits: der Ortskern mega nice. Ein paar winzige Geschäfte, viele mit einem Verweis auf die Heide im Namen, stehen im Schatten des berühmten Spargelhofes na, wie heißt er doch gleich, irgendwas mit Lütke oder Große, sonst Schulte. Eine Straße weiter grasen Schafe. Frauen grüßen unkrautzupfend aus ihren Vorgärten.


Dann die große Überraschung: über schotterhafte Wege gelange ich zu einem Luxushotel, das ich nie vorher zu Gesicht bekam, wie in einer Fata Morgana schießt es plötzlich aus dem sandigen Boden. Ich traue mich kaum über den Hof, zu groß ist die Furcht davor, einen elitären Ärztezirkel mit dicken Autos und dünnen Nerven beim Aperol zu stören. Ich übertreibe, so elitär ist es dann doch nicht, ein Einzelzimmer gibt es schon für hundert Euro. Aber ich habe ja noch zwei Stadtteile und das schönste Stück vor mir, nämlich jetzt: ein schmaler Feldweg führt mich an einer idyllischen Wassermühle entlang über die Werse zum Gut Havichhorst, einem etwas zu großen und zu schicken Pferdehof mit angeschlossenem Tagungszentrum. Ich kaufe kontaktfrei Lokalhonig und düse schnell runter nach Handorf.

Handorf, das früher aufgrund seiner zahlreichen Ausflugscafés, von denen nicht viele geblieben sind, „das Dorf der großen Kaffeekannen“ genannt wurde. Das schönste an Handorf ist aber heute wie damals die Lage an der grünen Werse, die sich wie willenlos, von urigen Bäumen gesäumt, durch die Landschaft schlängelt. Außerdem: das Westfälische Pferdezentrum, die Westfälische Reit- und Fahrschule und so weiter, aber. Für mich war Handorf lange Zeit nur das, was zwischen den Fixpunkten liegt: dem traumhaften Boniburger Wald, dem weitläufigen Freibad Sudmühle und der Pilgerstadt Telgte. Handorf selbst habe ich nie gebraucht.

Aber Coerde, das ich über die „Kö“ erreiche (wobei „Kö“ hier nicht für Königsallee, sondern für Königsberger Straße steht, was insgesamt auch besser passt). Früher dachte ich immer, außer der Müllkippe sei hier nichts. Heute gehört Coerde zu meinen Hoflieferanten, für so ein Gefühl das ich nicht benennen kann. Käme ich aus dem Ruhrgebiet, ich würde mich hier heimisch fühlen. Vielleicht ist es also diese Schönheit zweiter Klasse, die eher im Verborgenen liegt, vielleicht ist es auch, dass Coerde so wenig wie Münster ist, so wenig sauber und wohlhabend und spießig. Am zubenotierten, zugequaderten Coerdemarkt prallen Kulturen aufeinander, zwei Straßen weiter heißen die Straßen Iltisweg und Mümmelmannpfad, dahinter quaken die Frösche. Ich erfahre, nein, eigentlich wusste ich es schon, dass Coerde in den 60ern auf dem Reißbrett entstand. Damals quadratisch, praktisch, gut, dann lange Zeit asi, dabei ist es irgendwie so schön – und ein würdiger Abschluss für meine Tour de Münsteraner Stadtteile.

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Pellworm (5)

Fläche: 37,4 km²
Einwohner: 1.142 (2018)
Übernachtungen: 0,16 Mio. (2018)

Eigentlich beginnt hier ein anderes Kapitel. Würde ich mich über meine Ziele vorab informieren, ich hätte es wissen können, doch so kam mir der Verdacht erst, als ich mich auf der Fähre „Pellworm“ auf dem Weg zu eben jener Insel befand. Außer mir an Bord nur einige in sich gekehrte, darunter ein Mann mit einer Violine und eine Frau, deren Gesicht sich hinter einer überdimensionalen Sonnenbrille verbarg. Dass es sich um ein neues Kapitel handeln würde – oder vielleicht auch ein ganz eigenes –, wurde mir aber so richtig klar, als ich mit dem Leihrad eine erste Runde über die Insel drehte, von der ich zwischenzeitlich vergaß, dass sie eine ist. Genau so gut hätte ich irgendwo in Dithmarschen oder vielleicht in der Prignitz, wobei: nein. In der Prignitz gibt es keine Deiche. Noch nicht. Außerdem: diese Ruhe. Das kannte ich von den Ostfriesischen gar nicht. Es scheint, als sei Pellworm ein Geheimtipp, seines eigentümlichen Namens wegen verpönt, vielleicht fehlen die Massen auch „aufgrund der aktuellen Lage“, wie es allerorten heißt. Andererseits: Aktuelle Lage hin oder her, wo sollten die Massen hier hin? Nicht, dass es nicht genug Platz gäbe, es gibt reichlich! Aber keine Hotels oder Ferienparks, die diese Massen beherbergen könnten. Entsprechend liest sich die Zahl der Übernachtungen: gerade mal 164.000 im Jahr 2018, verglichen mit beispielsweise Borkum (um die 2,5 Millionen) ist das wie ein dünner Friesentee im zweiten Aufguß. In einer Studie lese ich, dass man sich zum Ziel gesetzt hat, daran was zu ändern (nach oben hin), dass dabei aber um Himmels Willen kein zweites Sylt entstehen soll. Naja. Auf Sylt war ich noch nicht, doch es klingt zunächst als vergleiche man Kartoffeln mit Kaviar. Zudem: Auf Pellworm sehe ich null Meter Sandstrand. Raum für Golfplätze hingegen wäre reichlich vorhanden. Noch etwas: während auf den Ostfriesischen Inseln die Bevölkerungszahlen stetig steigen, geht der Trend hier konsequent nach unten: Ältere sterben, manch einer zieht weg, Häuser werden an Landratten verkauft, die diese als Ferienhaus verwenden oder, im besseren Fall, vermieten. Schade eigentlich. Nur mit Mühe kann ich die Illusion aufrecht erhalten, Pellworm sei ein Stück heile Welt.

Es regnet. Ich sitze im Aufenthaltsraum meiner Herberge und frage den Hausherrn, wo die Betonung liege, auf „Pell“ oder auf „worm“ (Ich hab’s immer so mit der Betonung. Vermutlich habe ich einfach paranoide Angst davor, den Namen einer Insel falsch auszusprechen und von den lokalen Möwen ausgelacht zu werden).
Ich also: „Sagt man „PELLworm“ oder „PellWORM“?
Er: Das weiß ich nicht. Ist egal. Pellworm kennt ja auch keiner. Fragen alle: Pellworm? Was soll das sein? Was zu essen?
Ich: Ist halt nicht so bekannt wie Föhr oder Amrum. Aber hat ja auch sein Gutes.
Er: Nee, hier ist nix los. Manche Leute kommen hierhin und sagen: Was ist denn hier los? Wenn ich begraben werden will, gehe ich auf den Friedhof!

Danach ging es um Corona und die Auswirkungen für das Gastgewerbe, ich erspare Euch die Details. Der Mann schien jedenfalls reif für die Insel, wenn auch eher nicht für Pellworm.

Nachdem sich der Regen gen Festland gewandt hat, steige ich in die Pedale und umfahre die Außenlinie, geschätzte 25 Kilometer, rechts der durchweg von Schafen okkupierte Deich, links der Blick auf sattgrüne Wiesen und Weiden. Immer wieder tauchen idyllische, reetbedeckte Häuser auf. Man meint: in genau diesem Haus leben doch der kleine Bär und der kleine Tiger! Man möchte reinschauen und Moin sagen, doch vielleicht suchen sie ja gerade Panama oder der Bär kocht Bouillon. Also weiter.
Der alte Kirchturm von Sankt Salvator, der 1611 zur Hälfte einstürzte, ragt 26 Meter empor und ist heute das Wahrzeichen der Insel. Deich, Schafe, Reetdach, dann: Der imposante Leuchtturm von 1906, klassisch rot-weiß – angeblich der erste, in dem man sich trauen lassen konnte. Schließlich Tammensiel, der Hauptort der Insel, dem sein aufgezwungenes Wachstum nicht zum Vorteil geraten ist: alte, schöne und neue, hässliche Backsteinbauten wie wild durcheinander, dazwischen einige etwas dröge Geschäfte, das Freizeitbad „PelleWelle“, ein bisschen Leerstand, ausrangierte Gabelstapler und Traktoren. Kein Vergleich mit den Seebädern Ostfrieslands, natürlich nicht, schon historisch fällt Pellworm völlig aus dem Rahmen: ursprünglich mit dem Festland verbunden erwuchs durch mehrere Sturmfluten eine Insel, die nur durch konsequentes Eindeichen und stete Deicherneuerung überhaupt zu halten war. Ohne Deich also kein Pellworm. Von Seebad oder Sandstrand kann demnach keine Rede sein, auch wenn es rund um die Insel Badestellen gibt, allerdings nur bei Flut zu gebrauchen. Bei Ebbe: Watt. What? Watt. Endlos. Nur irgendwo in der Ferne lässt sich das offene Meer erahnen. Dazwischen: Halligen. Die Hallig Hooge lässt sich prima erlaufen, nur geführt, zu fester Zeit, wieder mal bedauere ich die Kürze meines Aufenthalts. Die Warften von Nordmarsch-Langeneß ragen im Norden wie kleine Festungen aus dem Watt (zuerst dachte ich, es seien Kriegsschiffe, aber so weit ist es dann doch noch nicht.) Ein Wunder, dass da jemand wohnt. Im Westen die kleine Hallig Norderoog mit dem Vogelwärterhäuschen. Oben: nix. Unten: Watt.

Während auf allen Inseln, wie sollte es anders sein, mit „Moin“ gegrüßt wird, passiert es mir hier zum ersten Mal, das wirklich jeder, dem ich begegne, „moint“, selbst die Schwerfälligen oder mit dem falschen Bein Aufgestandenen nicken grunzend, wenn auch widerwillig. Spräche ich platt, ich würde mich fast heimisch fühlen: auf „So löpt dat hier:“ folgen die Corona-Regeln (es brauchte eine Weile, bis ich verstand, was mit „Snutenpulli“ gemeint ist) und an der Feuerwache steht „Ob Füür ob Floot – Wi helpen in Noot“. Es gibt erstaunlich viele Orte auf Pellworm, nach jeder Kurve, meint man, beginnt schon der nächste, auch wenn der vorherige noch gar nicht zu Ende war. Schönster Name: Tilli. Andere heißen Waldhusen oder Nordermitteldeich, wo es zwischen Rosenranken und alten Bäumen Tee und Friesentorte gibt – eine köstliche Sahne-Baiser-Torte mit Pflaumenmus. Die alte Nordermühle im Rückspiegel betrachtend komme ich wieder zum Ausgangspunkt, der Hooger Fähre ganz im Nordwesten. An den Badestellen kauern Menschen in Windjacken und vereinzelt lassen Kinder Drachen steigen. Es ist erschreckend wenig los auf dieser Insel, immer wieder muss ich mir ins Gedächtnis rufen, dass nicht Oktober, sondern Juli ist, doch gerade diese weite Ruhe und ruhige Weite müsste man als alleiniges Wesensmerkmal Pellworms doch gewinnbringend vermarkten. Oder besser nicht, damit es so bleibt.

Am nächsten Morgen sitze ich am Watt und lausche. Diese Stille gepaart mit der Weite. Sofort denke ich, diesen Moment konservieren zu müssen. Erst nach ein paar Minuten bemerke ich, dass die Stille von kaum wahrnehmbaren Geräuschen unterlegt ist. Etwas klackt, etwas kratzt, etwas blubbt, aber wo? Erneute Minuten später sehe ich, dass das Watt lebt. Da kriecht eine Schnecke über den Rücken einer Muschel, da noch eine und noch eine! Die Ebbe hat ein kleines Universum freigelegt, an dessen Rand ich staunend stehe und es nicht wagen würde, dieses Schauspiel mit einem Räuspern zu unterbrechen.

Das Handy vibriert in die Stille. Steffi schreibt, sie habe gelesen, dass man Pellworm entweder hasst oder liebt. Ich glaube, ich habe mich schon entschieden.