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Amrum (7)

Fläche: 20,46 km²
Einwohner: 2.279
Übernachtungen: 1,325 Mio. (2017)


Mannomann, Noch nie habe ich so lange gebraucht, um meinen Inselbericht zu verfassen. Vielleicht liegt es daran, dass ich mir darüber klar wurde, es in diesem Jahr ohnehin nicht mehr zu schaffen, alle zwölf Inseln zu besuchen (es sei denn, ich deklarierte es als unaufschiebbare Dienstreise, aber selbst dann müsste ich mich ranhalten). Oder es liegt daran, dass die Schule wieder richtig losging. Oder am Alkoholverzicht. Oder daran, dass ich nicht alleine auf Amrum war, weswegen sich diese Insel eher wir Urlaub anfühlte und weniger wie eine Recherche. Und ich auch gar keine Lust hatte, auf der Insel jeden Stein umzudrehen. Wobei, das hatte ich bei so manch anderer auch schon nicht und habe es denn auch nur halbherzig getan.
Wie immer habe ich im Nachhinein vergessen, was ich im Vorhinein dachte. Vielleicht irgendwas mit Pferden, glaube ich. Und dann war da natürlich M., der mir immer wieder von seinen Sommerurlauben auf Amrum erzählte, von der Weite, von der Stille, von der Anspruchslosigkeit und den endlosen Sonnenuntergängen, und es nicht versäumte, seine Sehnsucht mit Fotostrecken via WhatsApp zu untermalen. Am Ende war es natürlich genau so: Weite, Stille, Anspruchslosigkeit, endlose Sonnenuntergänge und Pferde. Aber das wäre ein bisschen einfach und würde den Verdacht nähren, ich gäbe das Gehörte und Gelesene unhinterfragt und dankbar einfach so wieder, um einen schnellen Abschluss zu finden. Aber so nicht! Nicht mit mir!
Die Fährfahrt von Nordstrand aus war jedenfalls ein Meisterwerk. Der Himmel: wie gemalt. Die Fähre: gepfeffert („Adler-Express“). Das Fährbier: hat gerade noch gefehlt, um diese Reise einfach nur zu genießen. Adler-Express schlängelt sich durchs Niedrigwasser, unterwegs halten wir auf Hallig Hooge, und schon wieder ist nicht klar, was eine Hallig von einer Insel nun unterscheidet, obwohl ich es dutzende Male schon gegoogelt hatte. Es gibt einen ordentlichen Anleger, hinten stehen Häuser, es gibt sogar eine befestigte Straße. Aber keinen Leuchtturm. Vielleicht ist es ja das. Ja, ich glaube, das war’s: Insel nur MIT Leuchtturm.

Amrum ist irgendwie eigenwillig und einladend zugleich, wie eine freundliche, aber etwas kauzige Seele, halb Pferd, halb Aussteiger, halb Strandkorb. Dass die Straßen unaussprechliche Namen tragen erfahre ich erst durch A., ich nehme es ungläubig zur Kenntnis. Auf Baltrum hatten die Straßen überhaupt keine Namen, hier heißen sie Sanghugwai oder Bräätlun, als hätte man sie im Aquavitrausch ersonnen, so wie den eigentlichen Namen der Insel selbst: Öömrang. Man spricht „inselnordfriesisch“. Amrum, das hatte ich schon durch M. erfahren, ist eigentlich keine Insel, mehr so eine Art Lebenseinstellung. Jedenfalls für M. Weite, Ruhe, der Lärm der Welt erstickt im Kniepsand, so etwas wie Verbindlichkeit oder auch nicht, vielleicht auch Unverbindlichkeit. Verbindlichkeit, was die Insel betrifft, Unverbindlichkeit gegenüber allem anderen.

Wir umrunden die Nordspitze, die Amrumer Odde und da ist es wieder: das Weißgelb des Sandes, das Rauschblau des Himmels und dazwischen irgendwo ein dunkler Streifen zischenden Meeres. Möwen kreischen und ein paar Menschen sind vereinzelt in die Landschaft gesprenkelt. Es ist pure, intensive Schönheit. Es ist aber auch wie jedes Mal, wie auf Norderney, Wangerooge, Juist (aber nicht Pellworm), überall wo einen die ungewohnte Weite des Horizonts überwältigt, die Farben irritieren und der Sand wie Sprengstoff um die Ohren fliegt.

Die Insel rinnt mir durch die Finger. Statt wie sonst besessen alle points of interest and no return abzuklappern radele ich mit A. durch die Gegend, sitze im Standkorb, lasse mich im Minigolf besiegen und suche Fischrestaurants, leider allesamt ausgebucht – man hätte Tage vorher reservieren müssen. Das Öömrang-Huus hat zu, der Leuchtturm hat nur vormittags auf, aber was soll’s, der Wald auf dieser Insel ist eh viel schöner, in ihm verstecken sich hübsche Häuser wohlhabender Leute. Auf dem Friedhof in Nebel sind zahlreiche Kapitäne begraben, als wäre er eigens dafür angelegt worden, auch Hark Olufs, der Sklave, der zum Käpt’n wurde. Dass es sich um sprechende Grabsteine handelt, geht in der schleichenden Inselkälte, die hervorkriecht, sobald die Sonne mal nicht hinschaut, unter. Wir rauschen in die Dreharbeiten für den Netflix-Thriller „Schwarze Insel“. Psycho! Ein Mädchen kommt aus der zu einer Schule umetikettierten Kurklinik und pflaumt einen Jungen an, offenbar ist sie irgendwie eifersüchtig oder so. Man darf gespannt sein.
Der Himmel hat sich zugezogen. Im Strandkorb hält man es nicht mehr aus, wir gehen in die erstaunlich große Buchhandlung von Wittdün. Es gibt ganze Reiseführer nur über diese Insel, ich frage mich, ob ich mir vorher einen hätte kaufen sollen, ich wäre besser informiert gewesen. Selbst jetzt habe ich nicht das Gefühl, viel über Amrum zu wissen, nur: zwei Tage hier gewesen zu sein, die sehr schön waren.