Kategorien
ausfluege bike

Der Topf und der Deckel.

Je enger die Zeitfenster werden und je weniger das Wetter, nee, Moment, daran liegt’s eigentlich gar nicht. Eigentlich ist es doch so: an diesen unendlich vielen warmen, sonnigen Tagen, die dieses Jahr uns schon in den Hinter- oder Vordergrund unserer Lebensrealitäten gelegt hat, war es ein Leichtes, durch die Gegend zu ziehen und auch Touren mit langer Anreise damit zu rechtfertigen, dass es ja nun mal gerade so schön da draußen ist und man diese Zeit doch nutzen müsse. Jetzt, wo sich in den Wetterberichten immer häufiger die Adjektive „trüb, nass, grau, windig“ und „regnerisch“ verfangen, ertappe ich mich die Kosten und den Nutzen jedes Ausflugs sorgfältig abwägend, ob es denn wirklich sein müsse, und allzu oft die pragmatische der abenteuerlichen Lösung vorziehend. Kurz gesagt also doch das Wetter. Und auch die Zeitfenster. Wann wird es jetzt dunkel? Um 6? Und wann muss ich ins Bett? Um 10?

Dass ich durch irgendeinen Komoot-Newsletter auf Schloß Westerwinkel aufmerksam werde, nur 25 km südlich von Münster, muss also als glücklicher Zufall betrachtet werden, kannte ich es doch gar nicht und sieht es doch vielversprechend aus. Vom netten Herbern aus geht es also über die A1 zum Schloß, dessen urige Erscheinung umso weitere Fragen aufwirft: wer wohnt hier, wie schön ist das, warum liegt es inmitten eines Golfplatzes und wieso war ich noch nie hier? Keine Antworten, doch wäre das Rauschen der Autobahn nicht so laut, könnte ich wen fragen.

Über Feldwege und Bauernschaft geht es in leichtem Auf und Ab gen Südosten. Dass ich einen Teil des Weges bis Ahlen mit dem Auto statt mit dem Rad zurücklege lasse ich unerwähnt, weil’s mir unangenehm ist, es liegt aber zum Einen an der öden Landschaft (Hof, Feld, Wäldchen, Hof, Feld, Wäldchen) und zum Anderen an Schnupfen wegen Wetter (ich habe das Gefühl, das Wetter wird in den nächsten Wochen und Monaten öfter zur Sprache kommen).

In Ahlen war ich ebenfalls nie. Auch das ist erstaunlich, denn die Stadt hat immerhin 50.000 Einwohner, liegt am Werseradweg (ich müsste also einfach mal von Albersloh ein Stück weiter das Flüsschen runter fahren, was ich aus Gewohn- und Faulheit bislang nie tat) und hat einen Fußballverein, den wir damals regelmäßig mit Schmähgesängen überzogen, dessen Wortlaut ich hier nicht wiedergeben möchte, nur so viel: der ehemalige Mäzen Helmut Spikker kam dabei nicht gut weg. Auf dem Weg zum Stadion steht mir ein Koloss im Weg, ein schrecklich beeindruckendes aber eben auch schreckliches Bauwerk, ein Bürokratiemonster der Geschichte, wie es an vielen Orten vor rund 50 Jahren aus der Taufe gehoben wurde. Man fragt sich heute: wie konnte man bloß eine so düstergraue, lebensverneinende Verwaltungsmaschine hier hinsetzen während sich beim Betrachten der Zeitgeist offenbart, vor allem: das Bedürfnis nach Moderne und Funktionalität.

Schade, dass das Ahlener Rathaus laut Bürgerentscheid nun zugunsten eines Neubaus abgerissen werden soll, mir wäre es ja am liebsten, man ließe die Geschichte so lebendig oder tot in der Gegend rumstehen und mit den Jahrzehnten verfallen. Weiter die Werse runter dann das Stadion, dank einiger Jahre, die der rot-weiße Klub durch Finanzspritzen eines Großsponsors in der zweiten Liga verbrachte ein hübsches, kleines Kästchen für zwölfeinhalbtausend Zuschauer und während der große Bruder, das Weserstadion, bekanntlich direkt an der Weser liegt, liegt das Wersestadion eben an der Werse. (Trotzdem: würde man sich auf den Flussweg nach Bremen begeben und hätte der Rot-Weiß Ahlen e.V. gleichzeitig einen Lauf, käme man vermutlich zeitgleich oben an).

Ahlen ist dann auch schon wieder weit genug nah am Ruhrgebiet dran, um irgendwie auch Bergarbeiter- und Industriestadt zu sein. Irgendwo haben sie sogar eine alte Zeche, die ich allerdings nicht sehe, wegen Wetter. Dafür: Die Stanz- und Emaillierwerke Nahrath, wo früher „das Ahlener Wahrzeichen: der Pott“ hergestellt wurde und noch heute die riesige Topfpresse steht, und das Holtermann-Haus, dessen Eigentümer daran gelegen ist zu betonen, dass er sich in Verbundenheit mit seiner Heimatstadt für die Sanierung desselben einsetzt. Schön wäre es allemal, wo die Stadt schon bald auf ihr heimliches Highlight verzichten muss.