Kategorien
Allgemein ausfluege bike

Die Perlenkette.

109 Kilometer von Hamm nach Duisburg.

Naja, also eigentlich ist es keine Perlenkette, nur halt irgendwie eine Kette. Aber nur halt irgendwie eine Kette, das klingt ja komisch. Treffender wäre natürlich sowas wie: 6 auf einen Streich. 6 Großstädte auf gut 100 Kilometern, das gibt es sonst nur – nirgends! Aber irgendwie gefällt mir Perlenkette besser. Whatever.

Startpunkt ist Hamm Hauptbahnhof, nicht bekannt aus Film und Fernsehen, bekannt aber von zahlreichen und nicht selten misslungenen Umstiegen, was willste hier auch sonst. Es ist aber eindeutig schon Pott: Innenstädte aus Beton, Handyshops und Shisha-Bars, wo einst kurze Waren verkauft oder kurze Schnäpse getrunken wurden, Radwege versanden in aufgerissenen Fußwegen („Fahrräder frei!“), zu leben heißt zu arbeiten (beziehungsweise eben unverkennbar auch: nicht zu arbeiten). Es dauert ungefähr ’ne Stunde, bis ich aus der Stadt raus bin und mich mangels Beschilderung – Lünen und Unna sind konsequent ausgeschildert, ich will aber nach Dortmund – irgendwie übers Feld und immer wieder über irgendwelche Autobahnen bis zu Ikea durchschlage. Nicht falsch verstehen, ich fahre nicht über die Autobahnen, sondern über sie drüber, wobei mir der Unterschied jetzt auch nicht mehr klar ist, denkbar wäre in diesem Durcheinander alles. Dann wieder, was mir bis Duisburg ständig passieren wird: Du kommst ausse Stadt raus, eben noch Industriehallen und Hochhäuser oder halt Ikea, plötzlich aber, als wie wenn du abrupt das Fernsehprogramm gewechselt hättest: Felder, Pferde, Höfe, Stille (also relative Stille). Hinter Afferde beginnt Dortmund mit der Betonung auf beginnt. Erst kommt Wickede, dann Asseln, Brackel, Wambel, schließlich Körne und dann, immer den Gleisen der Straßenbahn nach habe ich in Gedanken längst die Speisekarten verschiedener Imbissbuden rauf und runter bestellt, „Dortmund Zentrum“. Also, dass Dortmund nicht schön ist wusste ich irgendwie schon, aber mit welch schamloser Hässlichkeit mich das Zentrum rund um die Reinoldikirche empfängt lässt mir die Kinnleiste in die Pedale rutschen. Auf die Kirchtreppen strömen Jugendliche mit prallvollen Netto-Tüten und Regenbogenflaggen, „Alkohol!“, und am U, der ehemaligen Brauerei, die erfreulicherweise zu einem Kunst- und Kulturzentrum umgebaut wurde, schallt es aus den Boxen „Ich habe meine Hausaufgaben nie gemacht“ (… der Track geht noch weiter, den Rest habe ich aber vergessen.)


Von dort ist Bochum ausgeschildert, jedenfalls für eine kurze Weile. Erstmal geht es auf den Uni-Hügel, von wo man einen tollen Blick auf die Stadt, das Stadion und die Studenten, nein, die nicht, hat, dann von dort wieder runter. Die Uni ist ein Mikrokosmos, mit Bauklötzen aus dem Boden gezogen in den 60ern – und das auch nur als Reaktion auf wütende Proteste der Dortmunder hinsichtlich der Eröffnung der Ruhr-Universität in Bochum. Es könne doch nicht sein, dass Bochum, Dortmund aber nicht! Dieser hat sie nun sogar eine Hochbahn mit dem bemerkenswerten Namen „H-Bahn“ voraus, der den Eindruck der Künstlichkeit noch unterstreicht. Felder, Pferde, Höfe, ein bisschen, und dann schon: Bochum, wenn auch nur: Langendreer, noch 5 Kilometer bis Bochum-Zentrum. Der Radweg ist eine Katastrophe, aber immerhin steht neben der zerbeulten und von Unkraut zerwachsenen Piste ab und an ein ausgeblichenes Radfahrschild, Pfeil geradeaus.

Bochum-Zentrum wiederum empfängt mich, Besucher 9.842.873 (in welchem Zeitraum auch immer), wie eine Kupplung ihr Gegenstück – ich rausche hinein und bin passgenau drinnen. Leider bleibe ich irgendwie nicht lange, bin schon wieder weg, erinnere mich an nichts.* Wohingegen Wattenscheid mir im Gedächtnis bleibt – Wattenscheid, ganz Fußballdeutschland kennt Wattenscheid von der einst so durch die Decke geschossenen SG 09, die nun gerade in die endgültige Insolvenz geriet. Die Lohrmühle steht aber noch, nebenan kicken ein paar Winzlinge auf dem Ascheplatz und streiten sich um die Torausbeute. Wattenscheid ist dann schon fast Essen. Neben die A40 haben sie einige hundert Meter perfekten Radfahrweg gebaut, bevor es diffus in die Innenstadt geht. Zwischenfazit: die Strecke ist scheiße, aber das Ruhrgebiet geil. Diese Hautnähe, in der ich hier die Wirren der jüngeren Geschichte und die rasanten Entwicklungen der Gegenwart erfahre, kriege ich selten so ungeschönt auf das Silbertablett gerotzt. Darauf am Essener Hauptbahnhof erstmal „eine kleine Persönlichkeit“ (wie sich das lokale Bier qua Unterzeile nennt).

*doch, jetzt wieder: ich laufe eine Art Partymeile hinunter bis zum Bermudadreieck und ein Mann relativiert im Tonfall eines Diavortraghaltenden das Virus an sich, es sei alles gar nichts Schlimmes und Besonderes, die ganze Aufregung vollkommen übertrieben. Und dann lande ich im Rotlichtviertel, nur weil die Straße im Abendsonnenschein so schön aussieht, doch Kneipen namens „Eros“ klingen verdächtig und die Aufpasser gucken auch schon – Kundschaft? Daneben, wie konnte ich sie unerwähnt lassen: die Jahrhunderthalle! Mega schön, auf weiter Wiese wird zu Ravemusik der Blick auf das monströse Industriedenkmal genossen, es ist zum hierbleiben und festwachsen!

Am nächsten Morgen erwartet mich die Essener Innenstadt kalt und leer. Die Fressbuden, die jetzt statt auf den Jahrmärkten überall in den Innenstädten stehen, wirken seltsam deplatziert und überflüssig. Ich weiß überhaupt nicht wohin, und fahre stattdessen erstmal auf die Margaretenhöhe, nur des Namens wegen, also nur des Klangs des Namens wegen, denn mit dem Namen selbst kann ich gar nichts anfangen. Was mich, dort angekommen, schon wundert, denn das ist schon bemerkenswert. Ich streife eine halbe Stunde lang durch die Straßen und es ist unvorstellbar, dass es jemanden gibt, der hier nicht wohnen wollen würde. Es ist für ein Wohngebiet beinahe paradiesisch, die Häuser strahlen eine einheitliche Friedfertigkeit aus, es riecht nach Edvard Grieg und klingt nach selbstgemachter Apfeltorte, die Boheme ist unter sich. Schlimm, aber bezeichnend: an den Straßen stehen doppelt so viele Autos, wie es Häuser gibt. Dafür sind die Fassaden begrünt.


Die Sonne ist jetzt mein einziger Wegweiser, an Tagen wie diesen (was ich nicht mehr sagen oder schreiben kann, ohne an die Toten Hosen zu denken) braucht es nicht mehr. Ich gerate, welch Glück!, in das Rumbachtal, ein hügeliges Naturschutzgebiet, in dem sich vortrefflich Bücher über Hasen schreiben ließen, finde mich nach einer halben Stunde an der Ruhr wieder, es hätte nicht schöner kommen können, und wie in einem Tagtraum geht es dem Flusslauf entlang nach Mülheim, nicht Mühlheim, davon gibt es dutzende anderswo, nein Mülheim, eine Stadt, Entschuldigung, ich muss mal einen Punkt machen. Eine Stadt also wie Flasche leer – von außen schön, aber innen nicht, wobei es vielleicht eher andersrum ist, na, egal. So schlimm ist es auch gar nicht, wobei, doch. Aber es hat was, wie das „Forum“ mitten in die City gebummst wurde und die vielspurigen Straßen sich gemeinsam mit den Fußgängerzonen durch den Pudding graben. An der Ruhr wiederum: Wasser, Bäume, Rentner, schön. Über die Ruhr führt eine Fahrradautobahn, die jedoch ein paar hundert Meter weiter an der Hochschule schon wieder endet. Hinter einem Mann, für dessen Gattung (trotz Hitze lange, dicke, schwarze Kleidung und Pudelmütze) ich mir beizeiten einen Namen überlegen werde, radele ich am Duisburger Zoo, vor dem lange Schlangen an Menschen auf Einlass warten, entlang die paar Kilometer bis zur Endstation, Duisburg Zentrum, das mich an diesem Sonntagnachmittag wie eine alte, verarmte und soeben aus dem Mittagsschlaf erwachte Diva empfängt. Ich drehe noch ein paar Runden durch den Garten der Erinnerung (der wirklich so heißt und dessen alternative Gestaltung mich immer wieder umhaut), esse endlich die obligatorische Currywurst (immer am gleichen Stand und immer passiert es, dass ich auf das „Guten Appetit!“ der Verkäuferin „Danke, gleichfalls!“ erwidere) und dann verschwinde ich irgendwo zwischen Gleis 12 und Gleis 23 in einem Zug.

Tour bei komoot

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.