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Baltrum (6)

Fläche: 6,5 km²
Einwohner: 496
Übernachtungen: ?

Wenn man mich fragt, wo‘s am schönsten war, sag‘ ich: Baltrum. Heiaoaheia, Heiahoahe. Dabei liegt es vermutlich nur am Kurze-Hosen-Wetter, dass es mir hier so gut gefällt. Vielleicht aber auch daran, dass mir niemand gesagt hat, wie schön es hier ist. Alle nur so: Baltrum? Ach, Baltrum. Der kleine Flecken zwischen Norderney und Langeoog, „nee, da war ich noch nie“ und vielleicht sagte auch jemand „da soll es nicht so schön sein.“, aber das weiß ich nicht mehr. Ich vergrabe meine Objektivität am Nordseestrand, kaufe mir das Lustige Taschenbuch, Sonderedition „Ein Tag am Meer“ – Nomen est omen – und flüchte vor der fiebrigen Sommersonne in einen rot-weiß gestreiften Strandkorb.

Was hatte ich mir für einen Stress gemacht, vorher. Vom plötzlichen Schulbeginn übertölpelt und mit der Angst, mein ohnehin coronabedingt wackeliges Reisegerüst könne irgendwo zwischen Lehr- und Fährplänen zusammenbrechen, stürzte ich mich Freitag mittag auf die Autobahn. Kaum war ich angekommen, mutterseelenallein, klitschnassgeschwitzt und viel zu früh am Kai, dachte ich: So nie wieder. Aber wie dann?

Baltrum – mein Dornröschen der Nordsee. Diesen Slogan schuf der ehemalige Badedirektor Wilhelm Vogel (wer kennt ihn nicht?) bereits in den 20ern, also in den letzten, und… Moment? Dornröschen? Hundertjähriger Schlaf? Es dürfte dann nicht mehr lange dauern, bis Baltrum erwacht, doch wie genau soll das aussehen? Schon jetzt scheint das Eiland längst kein Geheimtipp mehr zu sein, allein seine mangelnde Größe schützt es davor, vom Mobilismus und Massentourismus überrollt zu werden. Andererseits habe ich bis heute keine schlüssigen Übernachtungszahlen gefunden: 14.000 im Jahr? Klingt angesichts von einer Million auf der nun auch nicht wesentlich größeren Insel Wangerooge wie ein Missverständnis. Die Häuser jedenfalls sind nach Baujahr nummeriert. Es gibt drei- oder vierhundert, in den meisten wohnen Gäste und die Alarmglocken schrillen leise von den Pinnwänden – Gesucht: Wohnraum für Menschen, die auf Baltrum arbeiten! Für die Kassiererinnen, Bademeister und Küchenkräfte! Ist kaum noch zu kriegen. Warum ist die Insel auch so klein? Vor vierhundert Jahren war sie viel größer, verlor große Teile ans Meer und an den versnobten Nachbarn Norderney – Gottlob wird heute auf sie aufgepasst, wie auf fast allen Ostfriesischen Inseln schützen Buhnen und massive Uferbestigungen die Insel vor weiterem Landverlust an der Westseite, von den Deichen ganz zu schweigen: Well ne will dieken, de mutt wieken (was auf Hochdeutsch noch ein bisschen blöder klingt: Wer nicht weichen will, muss deichen.)

Der erste Abend ist der Hammer: weiter Strand, weites Meer, weite, warme Luft, kaltes Jever, olivgrüner, nee, orangeroter (aber das klingt so abgenutzt) Sonnenuntergang, dann diese ins familiäre abdriftende Urlaubsstimmung, die ich auf keiner anderen Insel so erlebt habe, so als würde jeder jeden schon ewig kennen, und plötzlich: ein Soundcheck an Strandabschnitt B – drei bärtige Männer spielen Coversongs für lau, Joe Cocker’s „summer in the city“, Bob Marley’s „no island no cry“, dann der Höhepunkt: „Wenn ich König von Baltrum wär’.“ In der Trinkpause schlendere ich weiter zum „Sonnenuntergangscafé“, das seinem Namen alle Ehre macht. Ein völlig gemischtes Publikum aus bunten Kindern, Jugendlichen, Eltern und polobehemdeten Senioren sitzt und steht auf den Stufen und erfreut sich am farbwarmen Versinken der Sonne. Es ist herrlich.

Am nächsten Morgen brennt der gelbe Ballon schon früh lichterloh, die Insel ist fast schattenlos. Im ersten Haus am Platz, einem ich glaube 90-jährigen Schnickschnackgeschäft, kaufe ich eine Matrosenmütze, reserviere mir einen Strandkorb, siehe oben – ich glaube, nur Baltrum erlaubt es sich, die Dinger unabgeschlossen herumstehen zu lassen – und – erst die Arbeit, bla, bla, bla – fotografiere noch schnell die wichtigsten, allerdings viel zu stark beleuchteten Baudenkmäler: die große evangelische und die kleine katholische Kirche, letztere mehr Wikingerhauptquartier als Gotteshaus, aber sehr hübsch, eine Besucherin versteigt sich gar zu der Bemerkung: „Eine der schönsten Kirchen, die ich je gesehen habe!“ Interessant, ne, welche Bedeutung den Worten „ich“ und „je“ hier zugute kommt, zwischen 2 und 20.000 „je gesehenen“ Kirchen, die eine einzige Person gesehen hat, ist ja alles drin und davon abhängig der Wert des Urteils, das aber dennoch erstmal beeindruckt. Der Rest des Tages also Strandkorb, Salzwasser und Lustiges Taschenbuch. Mich wundert, dass es aus den Körben ringsum nur zu schwäbeln scheint. Großmutter: „Letschtes Jahr ware ma auch hier, des war herrlisch. Aber dies Jahr mit de Kinder, desch is kei Urlaub.“ Pause. „Um Gottes Wille, ich liebe de Kinder, aber Urlaub isch des net.“ Womit wir beim Thema Kinder wären. Gibt es hier reichlich, wobei ich nicht weiß, ob ich das nur deshalb erwähne, weil ich las, Baltrum sei „die Kinderinsel“. Also nicht nur Dornröschen, sondern auch Kinder. Was stimmt: Es gibt viele, aber gut, es sind ja auch Ferien. Und: für Kinder ist es toll: kurze Wege, viel Strand und keine Autos. Umso mehr sticht der Flugplatz heraus, auf dem so ungefähr im Minutentakt winzige Propropropellermaschinen quietschend auf die Landebahn setzen und knatternd von ihr abheben, während neben dem Rollfeld einige ungewöhnlich kräftige Pferde grasen.

Wie geht es weiter? Ich weiß es nicht mehr. Es ist Sonntag, einer dieser halben Tage, an denen man schon den Rucksack für die Abreise mit sich rumschleppt und trotzdem noch einige Stunden zu verbringen hat. Also laufen, doch noch. Am Westende fischen zwei Jungs, ein Stück weiter reckt und streckt sich eine Yoga-Runde. Unten, an der Wattseite, haufenweise Wanderer, verteilt auf kleine Grüppchen. „Auf einem Quadratmeter scheißen hier also 14 Wattwürmer!“, höre ich einen Führer euphorisch ins Publikum brüllen. Dann Salzwiesen, Rotschenkel, Lachmöwe, Ringelgans. Ich komme am Ostende der dann doch überraschend großen Insel raus und stelle fest: sieht aus wie immer, also wie fast immer. Oben, am Strand, stechen mir diese linealartigen Muscheln, wie heißen die, ins Auge.* Sind mir sonstwo nie aufgefallen. Mal abgesehen von all diesen Pflanzen, die ich fast jedesmal sehe, und die ich auch nicht kenne – außer Strandhafer, Distel und Hagebutte. Am Ende werde ich auf zwölf Inseln gewesen sein und nichts als Sand im Kopf haben. Aber wenigstens das. Vielleicht liegt es auch gar nicht nur am Kurze-Hosen-Wetter, dass es mir hier so gut gefällt. Vielleicht ist Baltrum einfach so Dornröschen, dass es sich lohnt, ihr sein Herz zu schenken.

*Ich recherchiere: Schwertmuschel! Von Frachtschiffen aus Amerika eingeschleppt!