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Die Verburgte.

62 Kilometer mit dem Rad von Senden über Nordkirchen nach Lüdinghausen.

Manchmal will ich gar nicht groß rauskommen, nur ne schmale Runde drehen, aber dann doch wieder nicht dahin, wo ich schon tausend mal war. Also muss doch wieder Ludwig (das Auto) ran, weil mit der Bahn zu umständlich und zu teuer, um mich aus dem Kern in die Peripherie zu katapultieren. Und so lasse ich Ludwig am Park-and-Ride-Platz an der A43 in Bösensell zurück und habe fortan die Freiheit gepachtet: der Himmel ist blau und die Straßen sind frei. Einmal Nordkirchen hin und zurück, ich schätze mal zwei, drei Stunden. Dass es am Ende fünf werden und ich eine erbärmliche Durchschnittsgeschwindigkeit von nicht mal 15 km/h berechne liegt zwar zum Einen an den obligatorischen Foto-Stopps, zum Anderen bringt es mich dem Kauf eines Rennrads ein Stückchen näher.

Erste Station: das Venner Moor. Über Holzbalken holpere ich durch die stille Naturlandschaft, kleine Eidechsen kreuzen erschrocken meinen Weg, eine Gruppe Rentner stößt am Torfstich mit einem Schluck Rotwein an. Ehrlich gesagt: das war’s. Wenn ich mal Ruhe suche, komme ich wieder, aber heute bin ich weg, Grund: siehe oben (Nordkirchen! Zwei, drei Stunden!). Also husch, husch, raus aus dem Moor und am namensgebenden Örtchen Venne vorbei nach Otti-Botti, wie der Fachmann sagt, offiziell: Ottmarsbocholt. Wie oft denke ich bei der Einfahrt: nice! Hier möchte ich wohnen! Endlich Ruhe! Bei der Ausfahrt denke ich das oft schon nicht mehr. Aber nichts gegen Otti-Botti. Ein Corona-Kunstprojekt aus bemalten Steinen geleitet den Weg in den Ort, der Sportplatz von Otti-Botti ist tippi-toppi, die CDU wünscht hier und da auf großen Bannern einen „Schönen Sommer!“ und Sonnenblumen stehen am Ortsausgang wie neugierige Zuschauer Spalier.

Weiter nach Ascheberg, will ich gar nicht hin, geht aber nicht anders, wüsste jedenfalls gerade nicht, wie. Direkt an der A1 gelegen, dominieren Lager- und Logistikhallen das Stadtbild (zumindest in der Peripherie, aber mehr werde ich heute von Ascheberg nicht mitbekommen). Tschüß. Und ab jetzt wird’s richtig schön. Über Landwirtschaftswege geht es an zahlreichen Höfen, Heu und Hühnern vorbei ins Touri-Nest Nordkirchen. Auf dem Mauritiusplatz, der leider nicht wegen der Insel so heißt, lässt es sich vorzüglich Eis essen, im Schlosspark herrschaftlich Kinderwagen oder sonst was hin und herschieben und der blaue Blick auf das „Westfälische Versailles“ lässt die Herzen aller Freunde der Symmetrie in die Wolken gehen. Nachdem das Schloß über die Jahrhunderte von einem hochverschuldeten Herzog zum anderen vererbt wurde, muss man heute dankbar sein, dass das Land die Gebäude in seine Obhut nahm und nebenbei seine Finanzschule hier unterbrachte. Vielleicht ein guter Ort um zu lernen, wie man mit Geld umgeht.

Von Nordkirchen ist es ein Dreiviertelstündchen bis Lüdinghausen. Unterwegs passiere ich die winzige „Alte Schule“ von Bechtrup oder Getrup, nein: Westrup! Man kann sich bildlich vorstellen, wie zwei Handvoll Bauernkinder über den Hof toben und beim Läuten der Turmglocke brav in die Klasse eilen. In der 25.000-Einwohner-Stadt Lüdinghausen, die erst seit kurzem wieder durch ihr eigenes Autokennzeichen ungeahnte Präsenz erreicht, schießen die Burgen aus dem Boden. Also sie schießen nicht aus dem Boden, denn sie sind ja schon lange dort, aber äh. Es gibt drei! Die meisten Städte haben nicht mal eine. Drei! Da ist einmal „Die Burg.“, wie sie sich selbst nennt, also „die Burg“ Vischering, tatsächlich aber ein Prachtexemplar, hat man sie der Gräfte entlang umrundet, möchte man es gleich noch einmal tun. Giebel, Gauben und Erker spiegeln sich im trübtauben Gewässer und bei „Junker Jörg“ kaufe ich ein Burgbrot. Ein paar hundert Meter die Stever hinunter dann die zweite Burg, die ursprünglich dem Herrn von Lüdinghausen gehörte (während Burg Vischering irgendwem anders gehörte, der sich mit dem Herrn nicht grün war). Auch schön, aber entweder bin ich nach dem Anblick von Burg Vischering schon satt, oder Burg zwo ist halt nicht so schön wie Burg eins. Burg drei schaffe ich dann nicht mehr, stattdessen juckel ich noch etwas kreuz und quer durch die hübsche Altstadt, versuche die schiefschrägen Fahrradständer vor der Musikschule ins Bild zu kriegen, erfahre vom Branntweinbrenner „mit dem zweiten Gesicht“ (er konnte Dinge vorhersehen, ob mit oder ohne Branntwein ist nicht näher erklärt) und fühle mich von der Uhr aus der Stadt getrieben. Wollte ich nicht nur eine kleine Runde drehen?

Auf dem Weg zur nächsten Burg kommt die nächste Burg, die ich aber erst bemerke, als ich mich an ihr vorbeifahrend wundere. Über eine nutzlose Brücke, die parallel zu einer Straße führt. Über diese eigentümliche Anlage von Burg Kakesbeck, kaum sichtbar und scheinbar halb verfallen und doch so voller Leben, dass Flötenklänge über den Wassergraben hinüber dringen. Darüber, dass man überhaupt auf so einer Burg leben kann.

Das letzte Stück führt am Kanal entlang zum Schloss von Senden. Auch dieses steht verschlossen hinter seinem Wassergraben und reibt sich noch müde die Augen vom jahrzehntelangen Dornröschenschlaf. Immerhin wird fleißig saniert und ich bin voller Hoffnung, bald einziehen oder wenigstens einige Blicke hinein werfen zu können.

Am Ende stellt sich raus: Es gibt einen Radweg namens „100-Schlösser-Route“. Mir reichen heute allerdings fünf, für einen Tag eine gute Ausbeute.

Tour bei Komoot

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