Kategorien
ausfluege bike

Die Nördlichen.

Zu viel Zeit, zu wenig Zeit – irgendwie hatte ich mich an die Nördlichen eine Weile nicht ran gewagt. Schließlich fehlten mir zur Vervollständigung der Tour de Münsteraner Stadtteile noch 9 derselben (so dachte ich! Es waren aber nur 8. Puh.) – jedenfalls zu Tagestrip für eine Feierabendrunde, zu Feierabendrunde für einen Tagestrip, zu ach, was weiß ich. Dann war es aber überhaupt nicht schlimm und genau genommen sogar tausend mal schöner als der gewerbegebietlastige, südliche Teil der Tour. Vielleicht blies aber auch einfach der Wind damals heftiger als heute.

Los ging es also in Gievenbeck, dessen Ortseingang so sehr mit der Kernstadt verschmolzen ist, dass man kaum ein Schild findet, an dem sich der Grenzübertritt festmachen ließe. Bis vor hundert Jahren standen hier nur ein paar Bauernhäuser, ha! Heut ist von den Bauern nicht viel geblieben, Studenten und „Universitätsangehörige“ haben das Gebiet in ein eng bebautes 80er/90er/00er-Neubaumolloch verwandelt, dessen Wohnwert sich an der Nähe zur Innenstadt bemisst, weniger an der zur Autobahn, welche überquert werden muss, um zum herrlichen Haus Rüschhaus (ja, zweimal „Haus“) zu gelangen, ehemaliger Wohnsitz von Johann Conrad Schlaun und Annette von Droste Hülshoff. Wenn man es schafft, das Rauschen der A1 zu überhören, könnte man hier, im Garten zwischen den barocken Buchsbäumchen, fast zum Dichter werden.

Ein paar Landwirtschaftswege weiter ist dann Nienberge, zu dem auch das Rüschhaus (offiziell) gehört. Ansonsten sticht Nienberge nicht als einziger Stadtteil, aber in ganz besonderer Weise als „besonders bei Familien beliebter Wohnvorort“ heraus. Symptomatisch dafür: In der Ortsmitte steht neben den handelsüblichen Geschäften die gusseiserne Statue einer vermutlich Schwangeren und wenige Meter weiter die eines Paares mit Kind. Natürlich ist nich viel los, hier wird gewohnt, nicht gelebt, zumindest nicht öffentlich, höchstens hinter hohen Hecken.

Ein Stück die große Straße runter, dann links und idyllisch über die Felder zur Gasselstiege gelangt man am schnieken Golfplatz Wilkinghege vorbei zu einer anderen Realität: die Wohnsiedlung „Brüningheide“ im Stadtteil Kinderhaus. In den 70ern als mustergültige Wohnsiedlung errichtet, liest sich die Gegenwart so: „Ein Drittel der 3000 Bewohner ist unter 18 Jahre alt. Die Hälfte der Bewohner ist auf staatliche Unterstützung angewiesen, mehr als zwei Drittel hat eine Migrationsgeschichte.“ Als Kind war ich oft in Kinderhaus, aber eigentlich nur im Hallenbad, und selbst davon weiß ich nur noch, wie der Knopf aussah, mit dem man die Dusche anmachte. Außerdem wusste ich früh vom Lepramuseum, wenn auch bis heute nicht, dass der Ort seinen Namen vom ehemaligen Leprosenhaus hat („der armen kinderen Hus“). Mit dem unbedingten Wunsch, hier öfter hinzukommen (nicht ins Leprosenhaus, nein – nach Kinderhaus), im Hinterkopf, belasse ich es heute bei einem Kurzbesuch.

Zu Nienberge gehörend, dann aber doch wieder ein eigener Stadtteil: Häger, nicht verwandt oder verschwägert mit dem berühmten Wikinger und auch nur halb so schrecklich. Häger hat es vermutlich nur seines Bahnhaltepunkts wegen zum Stadtteil bzw. Ortsteil gebracht – ungeklärt, warum Häger, nicht aber die vergleichbaren Flecken Mariendorf oder Sudmühle es zu offiziellen Stadtteilen gebracht haben (vielleicht ja gerade wegene des Bahnhaltepunkts). An selbigem stehen erstaunlich viele Räder mit platten Reifen, was die Assoziation an Abfahrten ohne Rückkehr weckt. Ansonsten: eine Straße (okay, eine große und ein paar kleine), wenige Häuser, ein Papierkorb, ein Mann, der „Guten Tag“ sagt, fertig. Trotzdem sehr schön, weil wahnsinnig friedlich. Außerdem liegt Häger umgeben von den Nienberger Höhen, die mit knapp hundert Metern über NN die höchste Erhebung auf Münsteraner Stadtgebiet darstellen. Entsprechend schön die Weiterfahrt nach… Moment…

Sprakel! Ein Name wie ein langbeiniges Insekt, das abends durch das angekippte Fenster kommt, dabei bedeutete es einst „dichtes Unterholz“. Sprakel. Meinetwegen. Der Ort: Einfamilienhaus mit Garten, Einfamilienhaus mit Garten, Einfamilienhaus mit… gähn. Was natürlich für den Ort spricht. Schlafen und Rosen züchten kann man hier sicher bestens. Wie immer, wenn sonst alles tot ist, gibt es doch wenigstens eine Kirche, eine Volksbank und einen nah und gut, in dem ein angegrautes Ehepaar eine Dose Prosecco am Kassenband vergisst.

Schnell weiter durch die fantastisch daliegenden Rieselfelder, in denen früher die Abwässer der Stadt verdunsteten oder versickerten (so richtig war mir nie klar, was mit „verrieseln“ gemeint ist) und wo heute hunderte Vögel rasten. Hinter den Felder und über den Kanal und sonst auch irgendwie nie kommt man nach Gelmer. Direkt am Ortseingang das geile „Heidestadion“ der Heidekicker vom örtlichen DJK Grün-Weiß Gelmer. Vom Namen her würde ich glatt Mitglied werden, aber hier ist keiner. Außerdem ergoogel ich mir die Bedeutung von DJK: Deutsche Jugendkraft. Ich schwanke zwischen irgendwie cool und würde man eigentlich heutzutage so nicht mehr… Einerseits. Anderseits: der Ortskern mega nice. Ein paar winzige Geschäfte, viele mit einem Verweis auf die Heide im Namen, stehen im Schatten des berühmten Spargelhofes na, wie heißt er doch gleich, irgendwas mit Lütke oder Große, sonst Schulte. Eine Straße weiter grasen Schafe. Frauen grüßen unkrautzupfend aus ihren Vorgärten.


Dann die große Überraschung: über schotterhafte Wege gelange ich zu einem Luxushotel, das ich nie vorher zu Gesicht bekam, wie in einer Fata Morgana schießt es plötzlich aus dem sandigen Boden. Ich traue mich kaum über den Hof, zu groß ist die Furcht davor, einen elitären Ärztezirkel mit dicken Autos und dünnen Nerven beim Aperol zu stören. Ich übertreibe, so elitär ist es dann doch nicht, ein Einzelzimmer gibt es schon für hundert Euro. Aber ich habe ja noch zwei Stadtteile und das schönste Stück vor mir, nämlich jetzt: ein schmaler Feldweg führt mich an einer idyllischen Wassermühle entlang über die Werse zum Gut Havichhorst, einem etwas zu großen und zu schicken Pferdehof mit angeschlossenem Tagungszentrum. Ich kaufe kontaktfrei Lokalhonig und düse schnell runter nach Handorf.

Handorf, das früher aufgrund seiner zahlreichen Ausflugscafés, von denen nicht viele geblieben sind, „das Dorf der großen Kaffeekannen“ genannt wurde. Das schönste an Handorf ist aber heute wie damals die Lage an der grünen Werse, die sich wie willenlos, von urigen Bäumen gesäumt, durch die Landschaft schlängelt. Außerdem: das Westfälische Pferdezentrum, die Westfälische Reit- und Fahrschule und so weiter, aber. Für mich war Handorf lange Zeit nur das, was zwischen den Fixpunkten liegt: dem traumhaften Boniburger Wald, dem weitläufigen Freibad Sudmühle und der Pilgerstadt Telgte. Handorf selbst habe ich nie gebraucht.

Aber Coerde, das ich über die „Kö“ erreiche (wobei „Kö“ hier nicht für Königsallee, sondern für Königsberger Straße steht, was insgesamt auch besser passt). Früher dachte ich immer, außer der Müllkippe sei hier nichts. Heute gehört Coerde zu meinen Hoflieferanten, für so ein Gefühl das ich nicht benennen kann. Käme ich aus dem Ruhrgebiet, ich würde mich hier heimisch fühlen. Vielleicht ist es also diese Schönheit zweiter Klasse, die eher im Verborgenen liegt, vielleicht ist es auch, dass Coerde so wenig wie Münster ist, so wenig sauber und wohlhabend und spießig. Am zubenotierten, zugequaderten Coerdemarkt prallen Kulturen aufeinander, zwei Straßen weiter heißen die Straßen Iltisweg und Mümmelmannpfad, dahinter quaken die Frösche. Ich erfahre, nein, eigentlich wusste ich es schon, dass Coerde in den 60ern auf dem Reißbrett entstand. Damals quadratisch, praktisch, gut, dann lange Zeit asi, dabei ist es irgendwie so schön – und ein würdiger Abschluss für meine Tour de Münsteraner Stadtteile.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.