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12islands

Pellworm (5)

Fläche: 37,4 km²
Einwohner: 1.142 (2018)
Übernachtungen: 0,16 Mio. (2018)

Eigentlich beginnt hier ein anderes Kapitel. Würde ich mich über meine Ziele vorab informieren, ich hätte es wissen können, doch so kam mir der Verdacht erst, als ich mich auf der Fähre „Pellworm“ auf dem Weg zu eben jener Insel befand. Außer mir an Bord nur einige in sich gekehrte, darunter ein Mann mit einer Violine und eine Frau, deren Gesicht sich hinter einer überdimensionalen Sonnenbrille verbarg. Dass es sich um ein neues Kapitel handeln würde – oder vielleicht auch ein ganz eigenes –, wurde mir aber so richtig klar, als ich mit dem Leihrad eine erste Runde über die Insel drehte, von der ich zwischenzeitlich vergaß, dass sie eine ist. Genau so gut hätte ich irgendwo in Dithmarschen oder vielleicht in der Prignitz, wobei: nein. In der Prignitz gibt es keine Deiche. Noch nicht. Außerdem: diese Ruhe. Das kannte ich von den Ostfriesischen gar nicht. Es scheint, als sei Pellworm ein Geheimtipp, seines eigentümlichen Namens wegen verpönt, vielleicht fehlen die Massen auch „aufgrund der aktuellen Lage“, wie es allerorten heißt. Andererseits: Aktuelle Lage hin oder her, wo sollten die Massen hier hin? Nicht, dass es nicht genug Platz gäbe, es gibt reichlich! Aber keine Hotels oder Ferienparks, die diese Massen beherbergen könnten. Entsprechend liest sich die Zahl der Übernachtungen: gerade mal 164.000 im Jahr 2018, verglichen mit beispielsweise Borkum (um die 2,5 Millionen) ist das wie ein dünner Friesentee im zweiten Aufguß. In einer Studie lese ich, dass man sich zum Ziel gesetzt hat, daran was zu ändern (nach oben hin), dass dabei aber um Himmels Willen kein zweites Sylt entstehen soll. Naja. Auf Sylt war ich noch nicht, doch es klingt zunächst als vergleiche man Kartoffeln mit Kaviar. Zudem: Auf Pellworm sehe ich null Meter Sandstrand. Raum für Golfplätze hingegen wäre reichlich vorhanden. Noch etwas: während auf den Ostfriesischen Inseln die Bevölkerungszahlen stetig steigen, geht der Trend hier konsequent nach unten: Ältere sterben, manch einer zieht weg, Häuser werden an Landratten verkauft, die diese als Ferienhaus verwenden oder, im besseren Fall, vermieten. Schade eigentlich. Nur mit Mühe kann ich die Illusion aufrecht erhalten, Pellworm sei ein Stück heile Welt.

Es regnet. Ich sitze im Aufenthaltsraum meiner Herberge und frage den Hausherrn, wo die Betonung liege, auf „Pell“ oder auf „worm“ (Ich hab’s immer so mit der Betonung. Vermutlich habe ich einfach paranoide Angst davor, den Namen einer Insel falsch auszusprechen und von den lokalen Möwen ausgelacht zu werden).
Ich also: „Sagt man „PELLworm“ oder „PellWORM“?
Er: Das weiß ich nicht. Ist egal. Pellworm kennt ja auch keiner. Fragen alle: Pellworm? Was soll das sein? Was zu essen?
Ich: Ist halt nicht so bekannt wie Föhr oder Amrum. Aber hat ja auch sein Gutes.
Er: Nee, hier ist nix los. Manche Leute kommen hierhin und sagen: Was ist denn hier los? Wenn ich begraben werden will, gehe ich auf den Friedhof!

Danach ging es um Corona und die Auswirkungen für das Gastgewerbe, ich erspare Euch die Details. Der Mann schien jedenfalls reif für die Insel, wenn auch eher nicht für Pellworm.

Nachdem sich der Regen gen Festland gewandt hat, steige ich in die Pedale und umfahre die Außenlinie, geschätzte 25 Kilometer, rechts der durchweg von Schafen okkupierte Deich, links der Blick auf sattgrüne Wiesen und Weiden. Immer wieder tauchen idyllische, reetbedeckte Häuser auf. Man meint: in genau diesem Haus leben doch der kleine Bär und der kleine Tiger! Man möchte reinschauen und Moin sagen, doch vielleicht suchen sie ja gerade Panama oder der Bär kocht Bouillon. Also weiter.
Der alte Kirchturm von Sankt Salvator, der 1611 zur Hälfte einstürzte, ragt 26 Meter empor und ist heute das Wahrzeichen der Insel. Deich, Schafe, Reetdach, dann: Der imposante Leuchtturm von 1906, klassisch rot-weiß – angeblich der erste, in dem man sich trauen lassen konnte. Schließlich Tammensiel, der Hauptort der Insel, dem sein aufgezwungenes Wachstum nicht zum Vorteil geraten ist: alte, schöne und neue, hässliche Backsteinbauten wie wild durcheinander, dazwischen einige etwas dröge Geschäfte, das Freizeitbad „PelleWelle“, ein bisschen Leerstand, ausrangierte Gabelstapler und Traktoren. Kein Vergleich mit den Seebädern Ostfrieslands, natürlich nicht, schon historisch fällt Pellworm völlig aus dem Rahmen: ursprünglich mit dem Festland verbunden erwuchs durch mehrere Sturmfluten eine Insel, die nur durch konsequentes Eindeichen und stete Deicherneuerung überhaupt zu halten war. Ohne Deich also kein Pellworm. Von Seebad oder Sandstrand kann demnach keine Rede sein, auch wenn es rund um die Insel Badestellen gibt, allerdings nur bei Flut zu gebrauchen. Bei Ebbe: Watt. What? Watt. Endlos. Nur irgendwo in der Ferne lässt sich das offene Meer erahnen. Dazwischen: Halligen. Die Hallig Hooge lässt sich prima erlaufen, nur geführt, zu fester Zeit, wieder mal bedauere ich die Kürze meines Aufenthalts. Die Warften von Nordmarsch-Langeneß ragen im Norden wie kleine Festungen aus dem Watt (zuerst dachte ich, es seien Kriegsschiffe, aber so weit ist es dann doch noch nicht.) Ein Wunder, dass da jemand wohnt. Im Westen die kleine Hallig Norderoog mit dem Vogelwärterhäuschen. Oben: nix. Unten: Watt.

Während auf allen Inseln, wie sollte es anders sein, mit „Moin“ gegrüßt wird, passiert es mir hier zum ersten Mal, das wirklich jeder, dem ich begegne, „moint“, selbst die Schwerfälligen oder mit dem falschen Bein Aufgestandenen nicken grunzend, wenn auch widerwillig. Spräche ich platt, ich würde mich fast heimisch fühlen: auf „So löpt dat hier:“ folgen die Corona-Regeln (es brauchte eine Weile, bis ich verstand, was mit „Snutenpulli“ gemeint ist) und an der Feuerwache steht „Ob Füür ob Floot – Wi helpen in Noot“. Es gibt erstaunlich viele Orte auf Pellworm, nach jeder Kurve, meint man, beginnt schon der nächste, auch wenn der vorherige noch gar nicht zu Ende war. Schönster Name: Tilli. Andere heißen Waldhusen oder Nordermitteldeich, wo es zwischen Rosenranken und alten Bäumen Tee und Friesentorte gibt – eine köstliche Sahne-Baiser-Torte mit Pflaumenmus. Die alte Nordermühle im Rückspiegel betrachtend komme ich wieder zum Ausgangspunkt, der Hooger Fähre ganz im Nordwesten. An den Badestellen kauern Menschen in Windjacken und vereinzelt lassen Kinder Drachen steigen. Es ist erschreckend wenig los auf dieser Insel, immer wieder muss ich mir ins Gedächtnis rufen, dass nicht Oktober, sondern Juli ist, doch gerade diese weite Ruhe und ruhige Weite müsste man als alleiniges Wesensmerkmal Pellworms doch gewinnbringend vermarkten. Oder besser nicht, damit es so bleibt.

Am nächsten Morgen sitze ich am Watt und lausche. Diese Stille gepaart mit der Weite. Sofort denke ich, diesen Moment konservieren zu müssen. Erst nach ein paar Minuten bemerke ich, dass die Stille von kaum wahrnehmbaren Geräuschen unterlegt ist. Etwas klackt, etwas kratzt, etwas blubbt, aber wo? Erneute Minuten später sehe ich, dass das Watt lebt. Da kriecht eine Schnecke über den Rücken einer Muschel, da noch eine und noch eine! Die Ebbe hat ein kleines Universum freigelegt, an dessen Rand ich staunend stehe und es nicht wagen würde, dieses Schauspiel mit einem Räuspern zu unterbrechen.

Das Handy vibriert in die Stille. Steffi schreibt, sie habe gelesen, dass man Pellworm entweder hasst oder liebt. Ich glaube, ich habe mich schon entschieden.

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