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12islands

Wangerooge (4)

Fläche: 7,94 km²
Einwohner: 1.264 (2017)
Übernachtungen: 1,00 Mio. (2017)

Wer hätte das gedacht? Ich nicht. Ich hätte gedacht, dass es erstens im Juli unerträglich voll sein würde und außerdem zweitens eher warm, jedenfalls nicht so herbststürmisch – wie es den Koten hier gerade die Kapitänsmützen vom Kopfe weht! Und drittens, dass der Turm zwar da steht, neben der Jugendherberge, man aber nicht in ihm übernachten kann. Ich verlasse den selbigen um kurz nach zehn wie ein Seemann auf schwankenden Planken im Orkan, nur ohne Ölzeug, ich kämpfe mich dreißig Schritte voran und bin jetzt schon völlig durchnässt, dabei kommt der Regen nicht von oben, sondern von der Seite oder von unten. „Zurück zum Turm!“, brülle ich leise gegen das feuchte Gebläse an, um zehn Minuten später von drinnen zu beobachten, wie die Sonne die Insel in ein grüngelbwarmes Licht taucht und mich das Piepen der Vögel wieder nach draußen ruft.

Wanger-ooge, so viel habe ich schon gelernt, wieder so eine Insel, die ich bis zum Sankt Nimmerleinstag falsch ausgesprochen hätte, nämlich Wange-rooge, hätte ich sie nicht besucht. Die Insel (=ooge) des Wangerlands. Das beinhaltet eine Art Sonderstatus, denn Wanger-ooge – ich schreibe das noch ein paar Mal so, mit Bindestrich, damit es sich festigt – ist die einzige der sieben Ostfriesischen, die nicht zu Ostfriesland (Aurich, Leer, blabla), sondern zum Jeverland gehört, weswegen an dem vorderen Wortbestandteil auch kein Weg vorbei führt. Im Gegenteil, obwohl ich rasende Kopfschmerzen habe, sitze ich schon an Bord der MS Harlingerland mit einer kleinen, grünen Flasche an Deck. Und sei es nur, um zu feiern, dass das Schiff so klein ist und nicht mal voll besetzt, von den fehlenden Autos mal ganz zu schweigen. Es mag am Bier oder an den intensiven Schiffsabgasen liegen, die der Wind in meine Nase weht, dass die Schmerzen wie weggeblasen sind, als wir in Wangerooge, Verzeihung: Wanger-ooge, festmachen.

Wie gesagt, ich übernachte im Westturm, dem dritten. Es gibt zwar nur einen, aber die zwei vorherigen sind überflutet und oder abgerissen worden. Dieser hier wurde vor achtzig Jahren erst errichtet, aus angeblich 500.000 Steinen (ich zähle mal nicht nach und glaube es einfach), diente der Hitlerjugend und dann, als der erste Wortbestandteil wegfiel, eben nur noch dem zweiten. Durch den Turm pfeift es wie verrückt, man müsste einzelne Fenster systematisch öffnen und schließen, dann könnte man ihn wie eine Blockflöte benutzen.
Rings um den Turm, ganz im Westen der kleinen Insel, liegen einige Schullandheime. Schalksmühle, Bielefeld, Bünde – sie alle haben hier irgendwann (meist in den Fünfzigern) ihre Schullandheime errichtet, ich wusste gar nicht, dass es so was noch gibt. Ich finde sie ihn einer Art unruhigem Dämmerschlaf, ohne Corona wäre hier vermutlich mehr, also überhaupt was, los. An der Buhne H, dem „größten Buhnenbauwerk Deutschlands“, das anderthalb Kilometer ins Meer reinragt, wovon ich allerdings höchstens 200 Meter sehe, warte ich um kurz nach neun auf den Sonnenuntergang. Ob mir der Unterschied zwischen Buhne und Bühne in diesem Moment klar ist, kann ich nicht sagen. Die Sonne will jedenfalls gar nicht verschwinden, sie versteckt sich erst hinter einer Schicht Wolken, kommt dann wieder hervor und verschmilzt dann in aller Seelenruhe wie eine Kugel Schokoladeneis langsam mit dem Meer. Möwen surfen mit erstaunlicher Leichtigkeit im böigen Westwind. Nachts schickt der Leuchtturm alle vier Sekunden sein tiefrotes Licht in mein Badezimmerfenster und man kann gar nicht anders, als vom Meer zu träumen.

Die Inselumrundung, der ich auf Borkum eigentlich abgeschworen hatte, erlebt auf Wangerooge einen zweiten Frühling – ob es mit der Größe der Insel zusammenhängen mag? Hmm… Nachdem ich die 4 Kilometer bis ins Inseldorf geblasen wurde und dort feststellen muss, dass das berühmte Café Pudding (wer es auf dem ehemaligen Bunker an der Strandpromenade thronen sieht weiß, warum es so heißt) montags geschlossen ist, gehe ich an den Strand. Strandkörbe stehen wie Legionen in Reih und Glied dem Wind abgewendet und – wer hätte es gedacht? Es ist Sommer. Zwar weniger meteorologisch, das sagte ich ja bereits, aber halt kalendarisch: Kinder baggern wie blöde, von der Meteorologie unberührt, im Sand, springen in die Wellen, Erwachsene dösen kalendarisch ausgepowert und meteorologisch angefressen im Liegestuhl. Es ist ja bei den Inseln so: Es gibt die, die immer auf die Eine fahren, Wangerooge aus Prinzip sozusagen, und es gibt die, denen ist die Insel letztlich Wurst, Hauptsache es ist eine. Wangerooge: schön, aber beim nächsten Mal kann es auch Baltrum oder vielleicht doch wieder Mallorca sein. Auf Wangerooge gibt es hierfür einen Code: 1804. Wer Shirt, Hoodie oder Kappe mit „1804“ trägt, ist mehr als ein Besucher, er outet sich als Fan. Nicht wenige reisen schon im 1804-Dress an und es würde mich nicht wundern, wenn eine Horde Ultras am Strand noch eine pyrotechnisch unterlegte Choreo machte.

Die Wellen sind neckisch, schlagen schäumend an den Strand, ab und an übertreibt es eine und flutet unter großem Geschrei eine Sandburg. Ich laufe dem Strand entlang nach Westen, mache ein Nickerchen in den Dünen, laufe weiter, werde von einem „Mein Schiff“, das sich überraschend nah an der Insel entlangschält, haarscharf überholt, laufe weiter, und je weiter und weiter und weiter ich laufe, desto mehr fürchte ich den Rückweg, den harschen Gegenwind, der mir den Sand wie einen grobkörnigen Shitstorm ins Gesicht pusten wird. Und genau so kommt es. Am Westende, von dem aus man nichts als die unbewohnte Minsener Oog erblickt, folgt der Turnaround, es regnet Sand von vorne und von hinten, die Sonne, die ich gar nicht auf dem Schirm hatte, knallt mir plötzlich so sehr ins Gesicht, als wolle sie die Gelegenheit nutzen, mir nochmal einen kräftigen Sonnenbrand zu verpassen (sie tut es.) Irgendwann, wie immer im Osten der Insel: der Flugplatz, wie immer: in einer Art Wachkoma. Wobei man das so ja nicht sagen kann, vermutlich war es ja nie anders, also Wachkoma lebenslang. Und dann, auch wie immer: mit letzter Kraft ins Café. Pudding hat immer noch zu, ist erstaunlicherweise immer noch Montag, also „Der Inselbäcker“, dort gibt es „frisch gekochten Bienenstich“. Er liegt an der Zedeliusstraße, die man eigentlich – wie alle Hauptstraßen auf allen Inseln – meiden sollte. Auch hier. Trotzdem ist die Innenstadt herrlich dörflich und entspannt – man merkt dem Ort seine geringe Einwohnerzahl an und freut sich eigentlich pausenlos, dass es keine Autos gibt und man von einer bestimmten Klientel verschont bleibt. Wangerooge sagt, sie sei Familieninsel und liegt damit wohl nicht ganz falsch. Im Kurpark grasen ein paar Krähen, im Inselkino läuft das perfekte Geheimnis, vor dem Standesamt warten kleine Jungs mit Jacket und Fliege auf die zu verheiratende Verwandtschaft und der alte Leuchtturm nimmt achselzuckend in Kauf, dass er auf unbestimmte Zeit zum Anschauungsobjekt degradiert wurde. Am Kriegsgräberfriedhof entlang geht es zurück zum Westturm. Wangerooges Glück war zur Kriegszeit ihr Pech: die Lage. An der Ausfahrt des Marine-Headquarters Wilhelmshaven gelegen wurde Wangerooge damals zur Festung ausgebaut und kurz vor Kriegsende noch schnell in einen Bombenhagel gelegt. Ein Schicksal, dass sich Wangerooge, so wie den Bäderantisemitismus, mit den meisten anderen Kurinseln teilt.

In der Jugendherberge sitzt man zu fester Zeit an festem Platz. Essen A: Asiatische Reispfanne mit Hähnchenbrust. Essen B: Asiatische Reispfanne mit Tofu. Ich sitze am Tisch der Alleinreisenden, zusammen mit einer verwitweten Frau, deren Namen ich nicht weiß, obwohl wir uns zunehmend gut verstehen und noch besser unterhalten oder andersrum. Komischerweise reden wir weniger über die Insel als über Israel. Vielleicht erinnere ich mich aber auch schlecht. Ich hatte mich jedenfalls immer für fortschrittlich gehalten, bis jetzt, bis zu dem Zeitpunkt, wo mir diese Frau, die meine Mutter sein könnte, begeistert ihre AppleWatch erklärt. Nun ja, jede Insel bringt auch irgendeine Selbsterkenntnis.

Als ich am nächsten Tag im Schauerregen am kaiserlich überdimensionierten Bahnhof von Wangerooge mit einer Handvoll anderer Touristen auf den Zug zum Hafen warte, frage ich mich, wie es hier normalerweise zugeht, ich meine: diese Infrastruktur ist ja auf ganz andere Menschenmengen ausgelegt. Was würde ich erleben, hätte ich mein Projekt nicht in diesem, sondern im letzten Jahr durchgeführt? Es würde mich reizen, das herauszufinden – und gleichzeitig bin ich froh darüber, es nicht erfahren zu müssen. So bleibt die Erinnerung an den Wind, den Turm, die Ruhe, den lebendigen Strand und das Jahr der ersten Badesaison: 1804.

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