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Corona Island

So hatte ich mir das natürlich nicht vorgestellt. Nicht nur, dass Corona keine deutsche Nordseeinsel ist, ganz im Gegenteil – Corona ist der Parasit, der ihr betreten derzeit verhindert! Also keine Wanderungen durch die Dünen von Föhr, kein Meeresrauschen an den langen Stränden von Sylt, keine kleinen Kirchen, Leuchttürme, kein Seemannsgarn, keine dünnen Jugendherbergsbetten, kein Land, kein Jever und kein frischer Fisch. Stattdessen: Dosenravioli und Netflix auf 72 Quadratmetern. Ich frage mich, ob ich den Absprung verpasst habe, ob ich rechtzeitig den Erstwohnsitz auf dem Eiland hätte anmelden sollen, aber was soll’s, nun ist es zu spät. Nicht Mallorca, nein – Corona heißt das siebzehnte deutsche Bundesland und meine dreizehnte Nordseeinsel.

Corona Island ist mit den bereits genannten 72 Quadratmetern die kleinste deutsche Insel, wobei das bei jedem anders ist. Außerdem habe ich den Garten nicht mitgezählt und die unzähligen Möglichkeiten, sich in kleinen Ausflugsbooten rund um die Insel treiben zu lassen. Arbeit gibt es auf Corona Island nur wenig, die Bewohner verbringen ihre Tage mit was weiß ich, irgendwas. Ich selbst entdecke zum Beispiel Vögel, alleine sieben Arten schwirren und zwitschern in meinen heimischen Schutzgebieten, wobei der Grünfink auch ein weiblicher Buchfink sein könnte und der Spatz ein Zaunkönig. Und während ich beginne, mir den Kopf über die Fortpflanzung des Regenwurms zu zerbrechen, beobachte ich, wie Vögel trinken. Sie können ja nicht saugen, so wie andere Tiere, eine Zunge haben sie … nicht, oder? Jedenfalls füllen sie den Schnabel mit Wasser, heben ihn an wie eine Schaufel und schütteln das Zeug dann in sich rein, wie so ’n Bagger. Furchtbar wachsam sind sie dabei, schauen sich ständig nach allen Seiten um, wie ein blasser Badetourist, der sich unbeholfen am Strand in seine enge Buchse zwängt. Soweit dazu. Die Anreise, ich habe noch gar nichts zur Anreise gesagt. Für mich liegt Corona Island direkt neben Juist, ja, beinahe gehen diese beiden Inseln sogar ineinander über, verlasse ich Juist doch mit allen noch nicht zusammengefügten Bauteilen einer ausgewachsene Grippe (oder Corona, who knows), betrete also mit Verlassen der einen direkt die andere Insel, von der endlosen blauen Weite, deren Horizont ich kaum erfasste, in die bedingungslose Enge, in der meine Augen die nicht mehr ganz arktisweiße Raufasertapete nach wiederkehrenden Mustern absuchen.

Ich verbringe die erste Woche von Fieberträumen geflasht im Bett und auf dem Sofa, fresse Chips und Arme Ritter, schaue mir auf Netflix zum zweiten Mal breaking bad an, als wäre es eine Gebrauchsanleitung, die ich mir vorgenommen hätte zu studieren, dabei ist es doch nur ein Rückzug in vertraute Gefilde. Und während ich mich frage, wann ich bereit bin, diese Insel wieder zu verlassen, schwappen Wellen der Nachrichten heran, immer größer, bis sie nicht mehr schwappen, sondern brechen und die Gewissheit herantragen, dass Wochen der Ungewissheit vor mir liegen und ich Corona Island zusammen mit allen anderen – und jetzt erfährt die Metapher ihre Grenzen – so schnell nicht verlassen werden kann, denn Corona Island ist nun sehr groß und sehr klein zugleich, völlig überlaufen und dabei ziemlich solitär. Die zweite Woche unterscheidet sich kaum von der ersten, die Fieberträume sind geschlagen, von Unsicherheit ob meiner eigenen und der allgemeinen Lage gezeichnet erkunde ich die ungeahnten Weiten der Insel, schreibe zahllose Emails, um ein Alibi zu haben, kämpfe mich durch ein Brombeerdickicht, das seit Jahren mehr und mehr die Johannisbeeren unter sich begrub, wage mich an einen 1.500-Seiten-Roman, der mich alsbald mit seinen zahllosen Schicksalsschlägen in die Flucht treiben wird. Auch klimatisch zeigt sich, dass Corona keine Nordseeinsel ist, viel zu warm und viel zu wenig Wind, eher Balearen oder meinetwegen Mainau. Woche drei: Menschen. Corona ist entgegen meiner anfänglichen Vermutungen nicht unbewohnt. Die Straßen zwar oft menschenleer, an den Futterstellen kommen sie jedoch zusammen, je nach Tageszeit vereinzelt oder in solch Massen, von denen ich gar nicht wusste, dass sie existieren, ab und an fühle ich mich an die Möwen erinnert, die sich in der angespülten Gischt gegenseitig kreischend ein Würmchen streitig machen. An den Türen der Geschäfte hängen Zettel, wahlweise in Kurzform „Wegen Corona vorübergehend geschlossen.“, in Langform „Liebe Kunden, aufgrund der derzeitigen Lage sehen auch wir uns gezwungen,… Ihre Gesundheit liegt uns am Herzen, deswegen…“ und natürlich „Wir liefern.“ Es ist die Stunde der vermeintlichen Gesundheitsstifter. Großflächig werben Apotheken, Waschmittel und die Saftmarke hohesC dafür, zu Hause zu bleiben, gesund zu bleiben, nebenbei ihre Produkte zu konsumieren. Alternativ feiern sie werbewirksam ihre Helden – Flaschenpostboten sind durch nichts zu ersetzen.

Genesen und der Isolation überdrüssig treffe ich mich vereinzelt zu gemeinsamen Spaziergängen und Gesellschaftsspielen mit Freunden. Sicherheitsabstände werden zunächst streng, im weiteren Verlauf immer laxer gehandhabt bis man irgendwann resigniert feststellt: „Jetzt haben wir ja eh schon…, da ist es nun auch egal.“ Die Zeit vergeht.

Eines Morgens erwache ich und jemand zieht mir an den Ohren, nein, es ist nicht jemand, es ist etwas. Ein Stück Stoff spannt sich quer über mein Gesicht, wie praktisch, dass da Ohren sind, an denen es befestigt ist. Bemaskete Menschen stehen in großen Abständen vor Bäckereien, Stoffhandlungen und Geldtransferbüros (mich würde es interessieren, wer hier Geld an wen transferiert, aber diese Masken und diese Abstände … ich traue mich nicht.) In den Schulen, wobei, ich spreche hier nur von einer, also in der Schule überall Linien, mit Tesakrepp auf den Boden geklebt, wie auf dem Rollfeld eines Flughafens, man versteht sie nicht, es sei denn, es ist ein Pfeil dran. Im Kopf drehen Flieger Dauerschleifen: Ich darf mir nicht ins Gesicht fassen, ich darf mir nicht ins Gesicht fassen, Ich darf … verdammt.

Die Insel ist jetzt keine Insel mehr, längst ist sie mit dem Festland verschmolzen, was immer das bedeutet. Corona Island ist überall, ein bisschen mehr hier, ein bisschen weniger da, die Insel verkehrt sich ins Gegenteil, Corona ist eine Flut, die alles überschwemmt, alles nass macht, tiefe Pfützen wirft, hier und da zurückzugehen scheint, und man watet so durch den Nebel und hofft, dass die Füße nicht nass werden. Und dann taucht da hinter wieder Festland auf… müsste das nicht Borkum sein?

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