Kategorien
12islands

Borkum (3)

Fläche: 30,74 km²
Einwohner: 5.200 (2019)
Übernachtungen: 2,52 Mio. (2017)

Die MS Ostfriesland ist mit dem „Blauen Engel“ ausgezeichnet, nicht etwa wegen ihres hohen Alters von 35 Jahren, sondern wurde sie auf Flüssiggasantrieb umgestellt, Hashtag: wiewillstdureisen. Wir dieseln also nicht, wir gasen – wenn man das so sagen darf – vom Emder Außenhafen raus auf die Ems und in die offene See. Links und rechts Windräder, und zwar nicht mal zwei, drei, sondern hunderte, man könnte meinen, der Strom für ganz Deutschland würde hier gewonnen.

Wer hätte das also gedacht? Es ist Mitte Juni, drei Monate nach Lockdown, und ich kann mein Inselprojekt fortsetzen, alles wieder normal. Alles? Nicht alles. Aber vieles. An Bord herrscht strenge Maskenpflicht, gleichzeitig wird das Angebot des Bordbistros gepriesen. Draußen, „auf Deck“, darf man sich maskenlos in der angenehmen 17-Uhr Sonne aalen.

Nach zwei Stunden erreichen wir Borkum, den südlichsten und einst künstlich angelegten Zipfel, genannt: Reede. Ein Großteil der Fahrgäste steigt in die Kleinbahn und ich laufe zusammen mit zwei Familien zur nahegelegenen Jugendherberge. Ist sie es? Oder ist es eine Kaserne? Beides! Wobei, das eine ist es, nämlich eine Jugendherberge, das andere war es, bis 1996. Heute: die größte Jugendherberge Deutschlands, 600 Betten, ein riesiges Gelände, Bundeswehr-Charme, und ich dank Corona allein mit einer Handvoll weiterer Gäste, herrlich. Auch hier allerdings: strenge Regeln. Im Gang nur rechts gehen, Maske auf, Essen wird mit Abstand ausgegeben und – dem Geschmack nach zu urteilen – vor Ausgabe gründlich sterilisiert. Ja ja ja. Der Abendspaziergang ist ein wahres Pläsier: neben der Kaserne das unendliche, feuchte und piepsende Wattenmeer – Borkum ist aufgrund seiner Größe und Landschaftsvielfalt Hotspot vieler Vögel, Austernfischer, Kiebitze, Möwen, Gänse en masse, immer wieder auf eine aufgeregt auf der Stelle flatternde Rohrweihe, bereit zum Zugriff. Auf der anderen Seite der Hafen inklusive einiger verlodderter Baracken und Baufahrzeuge, so wie ich’s gern hab. Zur Belohnung noch ein Herforder (!) im „Teacher’s Inn“, der herbergseigenen Pinte.


Am nächsten Tag: Aufbruch zur traditionellen Inselumrundung, knapp dreißig Kilometer, machbar. Nach fünf Kilometern: Abbruch. Eine erbarmungslose, fette Hitze, diesig, als hätte jemand eine Glocke auf die Insel gelegt oder bilde ich mir das ein, mir schwindelt, vielleicht habe ich die Platte zu schnell zu hoch gedreht, meine Restenergie verdampft jedenfalls in Windeseile am Südstrand, wo ich mir erstmal einen blau-weißen Strandkorb miete und in ein mehrstündiges Koma falle. Meerjungfrauen und Klabautermänner buddeln im Sand und draußen, auf den flachen Wellen, laufen die Männer zum Walfang aus. Als ich aufwache, leihe ich mir ein Herrenrad, kaufe zwei Flaschen Wasser und versuche, wieder klarzukommen.


Die Abendrunde wird wieder zum Highlight. Am Nordstrand schwirrt die Sonne in Ekstase ihrem Feierabend entgegen, wie Schaulustige stehen einige Betonklötze an der Promenade und gaffen auf die See, und auf dem Hohen Riff, dass dem Strand Jahr für Jahr ein Stück näher kommt, faulenzt eine Bande Robben. Zurück durch die City. Auf Borkum gibt’s zu viele Leuchttürme. Einen ganz alten, einen neueren, einen noch ein bisschen neueren und – das war’s. Wahrscheinlich wegen der Ecklage und der Emsmündung. Dass sich da keiner verfährt. Jedenfalls, wie beim Gouda ist der mittelalte am besten, er schießt wie eine Rakete aus einer Freifläche heraus und man möchte sich oben reinsetzen und dem Weltuntergang harren. Um die Ecke eine Litfaßsäule, von der jedes Jahr Borkumer eingeborene Männer springen, aus Tradition, es geht darum irgendwen zu küren. Genaueres weiß ich nicht.

Die Nacht ist kühl, nee, stimmt gar nicht, passte aber gerade so gut. Aber nochmal zur Ecklage. Als westlichste der ostfriesischen Insel (und nordwestlichster Punkt Deutschlands) fand man Borkum eine Zeit lang super als Militärstützpunkt. Im Kaiser- und dritten Reich und danach auch noch, siehe oben, Kaserne Schrägstrich Jugendherberge. Antisemitisch war Borkum auch, volle Kanne, man ersann sogar das „Borkumlied“, dass die Insel als germanisch pries und allen Juden mit Prügel drohte, die es wagten, das Eiland aufzusuchen – es wurde eine Zeitlang gar täglich von der Kurkapelle gespielt. Heute gibt es eine Neuauflage, natürlich frei von antisemitischer Hetze: „Borkum – Insel meiner Träume“ von den Ostfriesischen Jungs. Soweit zur Ecklage.


Am Sonntag wird mir nochmal klar, was für eine beschissene Idee das mit der Inselumrundung ist. Klingt natürlich toll, Inselumrundung, konsequent, aber als ich mit dem Rad die Außenlinien (so weit es irgend geht) abfahre, merke ich: langweilig, schrecklich langweilig. Röhricht, Salzwiesen, Deiche, Dünen, so weit das Auge reicht, auf den Bänken sitzen alte Paare, ebenso desillusioniert wie ich. Und das ist ja auf jeder Insel das Gleiche! Interessant jedoch: der oder die oder das Tüskendör, das früher einmal Borkum in zwei Hälften teilte, bis es dann zu seiner heutigen Größe zusammenwuchs. Kurios: der Flughafen ein deja-vu, als hätte man ihn von Norderney mit copy-paste auf allen anderen Inseln exakt gleich minimalistisch-verschlafen eingefügt. Nebenan das verwahrloste Fliegerheim.


Nachdem ich mir von zwei Siebenjährigen für einige billige und auch noch missratene Zaubertricks insgesamt einen Euro und zwanzig Cent aus der Tasche habe ziehen lassen („… aber Du musst uns dann Geld dafür geben!“), geht es zurück zum Fährhafen, standesgemäß mit der quietschenden Schmalspurbahn, und weiter mit dem muffigen, aber fixen Katamaran „Nordlicht“ zurück auf’s Festland. Wie auch während meines gesamten Aufenthalts, in dem mich Freunde per WhatsApp mit Nachdruck darauf hinweisen, dass Borkum „doch nicht so schön“ sei, verwehre ich mich dieser Ansicht bis heute. Gerade ob seiner Schandflecke fand ich diese Insel besonders schön. Angesichts ihrer Größe kann sie diese durchaus verkraften.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.