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12islands

Juist (2)

Fläche: 16,4 km2
Einwohner: 1,515 (2018)
Übernachtungen: 1,06 Mio. (2017)

Fünf Wochen lang habe ich mich danach gesehnt, wieder am Meer zu sein, und jetzt geht alles viel zu schnell. Freitag Abend hin, Sonntag früh zurück – warum wird Juist nur einmal am Tag angefahren und Norderney (gefühlt) stündlich? Dass unter anderem diese Tatsache enorm dazu beiträgt, diese Insel so entspannt zu machen, ist allerdings der positive Nebeneffekt. Und, natürlich, dass es keine Autos gibt. Keine Autos! Wer einmal erlebt, welch Ruhe und Raum das freigibt, wünscht sich, die Dinger wären nie erfunden worden.

Mit dem Auto geht es aber erstmal von Münster nach Norddeich. Warum? Weil es so schön einfach ist, weil ich nicht alleine bin und man zu zweit manchmal primitiver ist als allein. Die Strecke zieht sich wie eine inhaltslose Konferenz, zwischen Münster und Emden ist schweigendes Gemurmel, das Nichts, von der Ems abgetrennte Ödnis, die man schließlich mit der Unterquerung derselben hinter sich lässt. Auf einem riesigen Parkplatz dürfen wir das Fahrzeug für 5,50 Euro pro Kalendertag zwischen hunderten anderen abstellen und begeben uns zur Fähre. Frisia 2 kann ihre Herkunft aus den Siebzigern nicht verleugnen, auch wenn hier und da „was gemacht wurde“. Die Wände sind mit so einer Art Nussbaumimitat verkleidet, der Boden mit Noppenlaminat ausgelegt und die bissig blauen Polsterstühle mit ihren knallroten, stilisierten Ankern sind sicher förderlich, Seekrankheit hervorzurufen. Die Atmosphäre an Bord ist dennoch friedlich, Kellner mit slawischen Namen servieren alkoholhaltige Getränke, Fahrgäste lösen reihenweise Kreuzworträtsel, spielen Karten oder schauen auf’s Handy, von einem Pärchen aus Haltern erfahren wir erste Fakten zur Insel Juist: es gibt nur eine Straße von Ost nach West, in der Mitte der Insel liegt ein Süßwassersee und – diese Schlussfolgerung war mir entgangen – es gibt ob der nur einmal täglich verkehrenden Fähre keine Tagesgäste, von ein paar Fliegenden mal abgesehen.

Nach 90 Minuten sind wir da. Wie schon auf Norderney speit das Schiff in hohem Bogen eine Ladung Menschen mit Gepäck auf die Insel, die sich wie eine bekofferte Pinguinkolonie in die Stadt bewegen und erst nach und nach auseinanderdividieren, bis man irgendwann dann doch der einzige ist, der in den Loogster Pad zur Jugendherberge abbiegt. Mit einem Mal habe ich Angst, mir könne die Zeit auf der Insel zu lang werden, absurd im Angesicht der wenigen Stunden, die wir hier sind, und überhaupt ähnelten sich die Insel doch arg zu sehr, so dass mir nach der dritten Insel sicher die Lust verginge, zumal und obwohl Juist doch viel weniger attraktiv daherkommt als Norderney, furchtbar lang zwar, aber auch dünn besiedelt, ein bisschen humorlos, gut für innere Einkehr, schlecht für Erlebnisse zu zweit.
Die Jugendherberge erstreckt sich über mehrere Gebäude, die zwar 300 Menschen Platz böten, jedoch an diesem Wochenende außer uns nur von einer Handvoll Rentner und zwei, drei Kleinfamilien gebucht ist. Das Angebot ist trotzdem da: extra für uns zurückgestellte Speisen, wärmende und kühlende Getränkeautomaten, riesige Waschräume und der Theatersaal einer ehemaligen Reformschule, in dem überspielte Billard-, Kicker- und Tischtennistische in einsamer Stille darauf warten, auf’s Neue traktiert zu werden.

„Der Tag auf Juist“, so müsste ich diesen Abschnitt nennen, da er den einzigen Tag beschreibt, den wir auf der Insel verbringen. Die Sonne macht schon am Morgen unmissverständlich klar, dass sie sich vorgenommen hat, die Insel heute non-stop zu bescheinen, was im frühen März natürlich alles andere als eine Bedrohung ist. Nach dem Frühstück, das sich alle Mühe gab, seine bedingungslose Preiswertigkeit hinter vermeintlicher Auswahl zu vertuschen, laufen wir zunächst Richtung Bill, dem in einer endlosen Sandfläche auslaufenden Westende der Insel. Durch hügelige Baum- und Strauchwäldchen geht es durch eine Geräuschkulisse aus stetem Piepen, Zwitschern und Quaken. Falken, wachsam auf Zaunpfählen, Graugänse, haufenweise, und immer wieder huscht ein aufgeschreckter Fasan durch’s Blickfeld. Am Wärterhäuschen vorbei, das in den Sommermonaten über den Nationalpark wacht und informiert, laufen wir über einen zugigen Deich bis zum Strand. Die endlose Weite überwältigt mich schier. Der Blick geht über die Vogelinsel Memmert bis nach Borkum, zum Festland sowieso und gen Norden auf’s offene Meer. Man hört nur das Rauschen der Brandung und den Wind, der sich an der Kapuze bricht. Möwen und irgendwelche anderen, kleineren Vögel, die ich nicht zuordnen kann, stehen wie aufgereiht an der Wasserkante, auf der Suche nach einem Würmchen oder was weiß ich. Entlang der Nordküste geht es zurück nach Osten, es ist wunderschön, doch angesichts einer Länge von insgesamt 17 Kilometern verliert man irgendwann das Interesse.

Wir biegen in den Ort ein. Alles ne Nummer kleiner und beschaulicher als in Norderney, natürlich auch: Nebensaison. Viele Geschäfte öffnen nur vormittags oder noch gar nicht. Trotzdem gibt es alles, Cafés, Kneipen, eine Schule, kleine Supermärkte, gar einen Rossmann. Statt Autos gibt es ganze Armaden an E-Bikes, auf denen ältere und jüngere Pärchen durch die Gassen und über die Insel brausen, von Ost nach West, von West nach Ost. Norden und Süden: gibt es nicht. Außerdem natürlich Pferdekutschen und ihre Hinterlassenschaften, Pferdeäpfel markieren die wichtigsten Straßen. Nach einem Fischbrötchen geht es weiter, vom Hauptort am Strand gen Osten, immer fest im Blick: die dichte Bebauung von Norderney, auch wieder zum Greifen nah. Laufen, laufen, weil es so schön ist, laufen, laufen, weil der Tag noch lang ist, laufen, laufen, wer weiß, wofür’s gut ist. Auf Höhe des Flugplatzes, fast am Ostende der Insel, machen wir kehrt, immer wieder knattern kleine Maschinen aus den Dünen empor oder verschwinden dahinter. Es ist, so höre ich irgendwo, der niedersächsische Flugplatz mit den zweitmeisten Flugbewegungen, nach Hannover. Später höre ich, dass man das mal gemacht haben muss, einmal mit dem Flugzeug nach Juist und einmal mit der Pferdekutsche über die Insel. Auch das wäre eine gute Idee gewesen, die Straße zurück in den Ort zieht sich endlos dahin, der Gegenwind pustet die letzte Kraft aus dem Körper, schweigend und zielstrebig kämpfen wir uns durch bis zum 17:30-Uhr-Abendessen, das uns in der Jugendherberge erwartet.

Am Abend trotz müder Glieder und Schmerzen in den Füßen: Nachtleben. Die Kellerbar „Welle“ oder „Die Welle“ scheint Anlaufpunkt echter Juister zu sein, zunächst derer, die glauben, was von Fußball zu verstehen, später auch derer, die rauchen und fröhlich sein wollen, was die erstgenannten vielleicht auch betrifft. Der örtliche Fußballklub hat sich kürzlich aufgrund zu geringer aktiver Mitgliederzahl aufgelöst, zuvor hatte er Bekanntheit erreicht, weil er seine Spiele auf dem Festland angesichts der mageren Fährzeiten immer im Doppelpack austrug. So heißt es. Hinter dem Tresen ein echter Friese: kräftig, klar und wortkarg. Wie es ihm gehe, will einer der Gäste wissen. „Bestens“, antwortet dieser, woraufhin er sich anhören muss, niemand würde so deprimiert „bestens“ sagen wie er. Auch wenn ich es am nächsten Morgen nicht wahrhaben will, so vermitteln mir die jevergetränkten Stunden in der „Welle“ doch zumindest das Gefühl etwas vom echten Juist zu erfahren, trotzdem ich nur einen Tag hier war.

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