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12islands

Norderney (1)

Fläche: 26,3 km²
Einwohner: 6,232 (2017)
Übernachtungen: 3,7 Mio. (2018)

Die Fahrt im Zug nach Norddeich-Mole strengt mich an. Ich habe gar keine Lust, alleine auf diese erste meiner zwölf Inseln zu fahren. Es ist Freitag und nach einer Woche voller rein und raus, Start und Stop, auf und ab und go go go bin ich einfach nur müde. Jede Nacht bin ich gegen vier aufgewacht. Mein Körper schlürfte den Schlaf nur notdürftig in sich hinein, wie einen schnellen Teller Suppe, und rief sogleich „weiter, weiter!“.
Seit siebenundzwanzig Jahren war ich nicht mehr auf Norderney, eine Zahl, die mich erschreckt, ich wusste gar nicht, dass ich schon so alt bin. Und diese Insel, die als Ziel zahlreicher Kurzurlauber und Klassenfahrten irgendwie immer präsent ist, lebte stets neben mir her, oder ich neben ihr. Je näher wir der Insel kommen, desto. Desto mehr Menschen wuseln immer dichter um mich herum, desto mehr Worte und Sätze schießen kreuz und quer durch den Raum wie ein unkontrolliertes Feuerwerk, desto mehr freue ich mich auf das Erlebnis. Nichts ist sicher, nichts ist klar, aber unsicher ist es auch nicht. Ich werde auf einer Insel sein, und das allein sorgt schon für ziemlich viel Fokus.
Die Frisia 3 legt ab, sie fasst 1350 Personen, ich habe sie nicht gezählt, doch sie scheinen alle da zu sein. Das Land wird kleiner, das Meer wird weiter, der Wind hat eine Kraft, wie ich sie seit Monaten nicht gespürt habe. Ich frage mich, wie es wäre, vom Land auf die Insel zu schwimmen, und ich weiß, dass ich es nie erfahren werde und frage mich, warum. Would it kill me? So bleibt der Nervenkitzel auf das leichte Schaukeln des Fährschiffs beschränkt, dass sich von den Wellen gekitzelt leicht quietschend hin und her bewegt.

Wer auch immer den Rollkoffer erfunden hat, muss heute reich sein. Hunderte rattern vom Anleger in den Ort, den Kindern fallen sie immer wieder um, anscheinend ziehen sie nicht konsequent genug.
In der Jugendherberge erwartet mich der Geruch chlorhaltiger Reinigungsmittel. Ich wusste nicht, dass man seine Betten immer noch mit einfachen Laken selbst bezieht, dass die Matratzen dünn sind wie eine Scheibe Graubrot, dass alles so wahnsinnig funktional ist und man die Tische nach dem Essen bitte abwischt. Nach kurzer Zeit freunde ich mich jedoch an, freue mich über die Moderne, die an einigen Ecken Einzug hält, und die Ehrlichkeit, die diese Unterkunft lebt. Neben dem Speisesaal setze ich mich in eine schicke Lounge und überlege, wie ich mir diese Insel erschließen kann. Ziemlich schnell wird mir klar: zwei Tage werden für einen umfassenden Eindruck zu kurz sein. Überhaupt, es wird wie immer sein: es wird einfach sein, wie es kommt. Meine Besuche werden von den Launen der Natur und meiner selbst abhängen, vom Zufall, Dinge zu entdecken, die ich nicht auf dem Schirm hatte, und vom Unvermögen, Dinge zu entdecken, die ich mir vorgenommen hatte, zu entdecken. Ab halb sechs gibt es Kartoffelsuppe, ich löffele einen Teller in mich hinein und wage mich nochmal nach draußen: starker Wind peitscht mir den Regen entgegen, ein Wind so stark, dass der Schirm mehr hinderlich ist, als dass er nützt. Immerhin sehe ich noch ein paar Geschäfte, deren Auslagen mich überraschen, sind sie doch tatsächlich ganz hübsch und nicht so durchgehend ramschig, wie man es sonst aus touristischen Hochburgen gewohnt ist. Im Conversationshaus, einem sauber gehaltenen Palast aus den Anfangsjahren des Kurverkehrs, der damals noch in den königlich-kaiserlichen Kinderschuhen steckte, liegen dutzende Zeitungen zur Auswahl, sogar die Hürriyet. Tatsächlich gibt es auf der Insel zwar einige Migranten, jedoch sind diese erstens keine Türken und zweitens mit Bauarbeiten beschäftigt. Die Hürriyet liegt also unangetastet zwischen dem Norderneyer Badeblatt und dem Ostfriesen-Kurier.

Am nächsten Morgen breche ich zur Inselumrundung auf, eine Idee, die ich vorhabe, auf jeder Insel umzusetzen, schließlich muss man doch jede Insel umrunden können, sonst wäre es ja keine. Norderney ist dementsprechend wohl eher keine, jedenfalls endet mein Versuch zwischen Priel und Naturschutzgebiet, am Ostende der Insel, noch vor dem berühmten Wrack, das ich vorhatte zu bergen, wenigstens aber zu besichtigen. Gut drei Stunden bin ich zuvor den Nordstrand entlang gelaufen, menschenleer, so breit, dass ich mich nicht traute, am Wasser zu laufen, weil die schützenden Dünen dann, bei plötzlicher Flut, so weit entfernt wären. Müsste man ein Bild für Freiheit finden, einen Moment, der diesen Zustand symbolisiert, das wäre er. Der Sand weht, wie von fremder Macht gezogen, in kurvigen Linien über den Boden. Ab und an verzehrt sich eine Möwe an den Resten eines Robbenkadavers. Meer und Wind rauschen monoton und unablässig, Sand und Muscheln knirschen unter meinem Gewicht. Schon früh sehe ich Häuser am Horizont, auf Norderney stehen sie nicht. Es ist Ebbe. Nur eine winzige Gasse trennt Norderney am Ostende von Baltrum, man fragt sich, warum da kein Steg ist, um die Inseln miteinander zu verbinden, doch bin ich auch froh, denn zwei Inseln zugleich wären mir zu viel. Ich taste mich entlang des Priels auf der Suche nach einem Übergang und gelange immer tiefer in das Naturschutzgebiet. Erstaunlich, wie weit sich diese Pfütze ins Innere zieht, kaum so tief, dass ein Fischlein darin schwimmen könnte, aber tief genug, um meine leichten Turnschuhe zu durchnässen.

Dem Wind entgegen laufe ich am Strand zurück, könnte vor Mühsal kotzen, doch die wüstenähnliche Perspektive, die sich vor meinen Augen auftut, hat was.

Den Leuchtturm habe ich fest im Blick, dünn und spitz wie ein Bleistift im Halter ragt er hinauf, doch es dauert lange, bis ich ihn erreiche. Daneben der Flugplatz, öde, hat mehr von einem verlassenen Verkehrskindergarten als dass er den Anschein erweckt, wirklich benötigt zu werden. Was man heute vielleicht auch nicht mehr meint, in den frühen Siebzigern jedoch, als Fliegen noch eine zukunftsweisende Idee schien, schon. Die Straße zurück in den Ort ist gesäumt von Männern, Kugeln und Gejohle. Einer wirft, einer steht gut dreißig Meter weiter mit einer Fahne in der Hand, weitere stehen gespannt an der Seite. Anhand ihrer Jacken sind sie als Teams auszumachen, auch als „Boßelvereine“. Nie gehört, nie gesehen, doch entpuppt es sich als ostfriesischer Nationalsport. Ziel ist es, eine Strecke mit möglichst wenigen Würfen zu bewältigen, die Kugel darf natürlich nicht von der Bahn abkommen. Hätte ich noch einen winzigen Rest an Energie, ich würde mich mehr dafür begeistern, so aber hetze ich zurück zur Herberge, nur um endlich einmal die Kapuze vom Kopf und die Schuhe vom Fuß zu ziehen und mich irgendwo hinsetzen zu können, wo ich nicht vom Wind weggeblasen werde oder erfriere.
Danke, Steffi, dass du mich auf die Milchbar hingewiesen hast. Hin und wieder tut es gut zu wissen, wohin. Die Milchbar ist ein Hort des Wohlgefühls, zwischen Chillout-Musik, frischen Waffeln und Aperol-Sprizz schauen Menschen schweigend aus den tiefen Fenstern auf die brandenden Wogen, schauen, schweigen, lesen, Kinder toben, ein Feuer flackert im Kamin. Schöner kann es jetzt nicht sein.

Eine Insel ist eine Insel. Die Abgetrenntheit vom Land verhilft der Insel zu einer ungewohnten Ruhe und Entschleunigung, hier ist nur, wer hier ist. Durchgangsverkehr gibt es nicht, die Wege sind kurz, wer hier lebt, hat die Ruhe weg, und die Touristen bemühen sich immerhin drum, ist es doch der meisten Ziel. Seit ein paar Jahren gibt es auch einen Netto. Dass er selbst hier, auf der Insel, die komplette Vielfalt bereit hält, scheint so selbstverständlich wie absurd, wird aber wohl dankbar angenommen, dabei braut Norderney selbst sein eigenes Bier und räuchert seinen eigenen Schinken. Allerdings räuchert es ihn auch nur, das Fleisch kommt vom Festland.

Wenn die Sonne der Nacht die Herrschaft überlässt, was gerade jetzt im Winter ja erschreckend früh geschieht, scheint der Wind noch stärker über die Insel zu blasen. Die Menschen haben sich hinter Wände und Scheiben verabschiedet, nur vereinzelt geht noch jemand mit dem Hund. Dürre Laternen erleuchten die schmalen Straßen und im Wasser blinken scheinbar willkürlich Bojen und Baken. Außer den Fähren, die den Hafen gut alle zwei Stunden anlaufen, sind keine Schiffe zu sehen. Das Stadtbild von Norderney, das darf man sagen, denn Norderney hat nach dem Krieg das Stadtrecht bekommen, ist geprägt von Durcheinander. Hübsche, historische Häuschen, gerne mit Veranda vornedran und frischweiß gestrichen, stehen unweit von grobklotzigen Quadern, in denen Ferienwohnungen wie kleine Kisten neben- und aufeinander gestapelt sind. Ab und an Zeichen der Geschichte, so ein monumentales Schulgebäude, das heute nur noch die Grundschule beherbergt, seitdem die Weiterführende ausquartiert wurde, der Damen- und der Herrenpfad aus den Zeiten, in denen geschlechtergetrennt gebadet wurde, und das ehemals kaiserliche Postamt, den Krieg unbeschadet überstanden, obwohl Norderney unter den Nazis zur Seefestung ausgebaut wurde. Avantgardistische Lokale, die man eher auf Sylt oder in Hamburg vermuten würde, hier und da, für die besser betuchten, die auf Norderney ein ungewohntes, aber auch ungestörtes Nebeneinander mit denen fristen, die sich Avantgarde nicht leisten können. In der Jugendherberge liefern sich Paul, Jakob und Mia eine wilde Schießerei, während mir schon die Augen zufallen. Die Schießerei muss ohne mich stattfinden.

Am Sonntag bleibt nur Zeit für eine schnelle Runde am Strand, bevor es zurück aufs Festland geht. Wie kam ich bloß auf die Idee, einer Insel wie Norderney nur anderthalb Tage Zeit zu geben, es reicht doch nur für einen ersten Eindruck. Ich stecke noch ein paar Muscheln in meine Taschen, sie liegen zu hunderttausenden am Strand herum, die Schalen, natürlich, wo die Muscheln sind, weiß kein Mensch, abgehauen, bevor Leute wie ich sie mit nach Hause nehmen. Die Schalen sind größtenteils gleichförmig, unterschiedlich nur in der Farbe, manche mehr braun, manche mehr grau, selten blaßrosa oder türkis. Ab und an ragt eine längliche Schale aus dem Sand, wie ein Etui. Ich weiß nicht, wer drin gewohnt hat, überhaupt scheint so viel Wissen über Flora und Fauna des Meeres wie durch ein Sieb aus mir herausgeflossen, wenn es denn jemals hinein floss, wer weiß.

Mit einem schrillen Klingeln kündigt die Frisia IV ihre Abfahrt an, tuckert langsam an der Insel vorbei bis zur Fahrrinne und eine knappe Stunde später stehe ich wieder auf festem Land. Diese war mein erster Streich, und die zweite folgt im März.

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